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"Der harte Kern macht weiter"

Das Entfernen von unliebsamen Graffitis ist teuer und zeitaufwendig.

Wer Hauswände oder Zugwaggons mit Graffiti beschmiert, kann seit August leichter wegen Sachbeschädigung verurteilt werden. Bislang musste nachgewiesen werden, dass durch das Sprayen etwa die Gebäudesubstanz geschädigt wurde. Nach der von Bundestag und Bundesrat gebilligten Gesetzesänderung ist nun schon die Schmiererei an sich strafbar.  Wer erwischt wird, dem drohen bis zu drei Jahre Haft. Im einstigen Sprayer-Eldorado Dortmund haben die Bewohner von der Wirkung des verschärften Gesetzes bisher wenig gemerkt.

 

„Wenn ich den zwischen die Finger kriege...“ Müde sieht Akki Schnöring aus, wie sie da auf der wackeligen Leiter steht und ihre Hauswand streicht – dort, wo Sprayer nachts heimlich ein Graffiti hinterließen. Schon wieder.

Und das, nachdem die Schnörings ihr Eigentum an der Palmweide in Barop vor vier Wochen streichen ließen. Passanten kommen vorbei, drücken Mitgefühl aus für die schmale, gepflegte Frau mit den dunklen kurzen Haaren, wie sie da auf der Leiter steht. „Ich wünschte, die Täter wären selbst Hausbesitzer und müssten sich mit solcher Sauerei abplagen“, sagt Akki Schnöring.

 

Ben ging selbst "bomben"

 

Ben (Name von der Redaktion geändert) ist Hauseigentümer. Mittlerweile. Vor Jahren ging er selbst „bomben“, wie die Graffiti-Szene das illegale Besprühen von Wänden nennt. Je mehr „Taggs“ (Unterschriften) er setzte, je mehr Bilder er malte, desto größer war der Ruhm unter Gleichgesinnten. Der Druck, der beim heimlichen Sprayen entstand, floss in das Hobby ein, der Nervenkitzel machte es sogar aus.

„Der harte Kern macht trotz der Gesetzesänderung weiter“, sagt Ben, „uns war doch immer bewusst, dass wir etwas Verbotenes tun und dafür die Konsequenzen tragen müssten. Falls man uns erwischt.“ Genau da liegt „der Speck im Dreck“, weiß nicht nur Ben. Heute ist er ruhiger geworden, braucht den Druck nach eigener Aussage nicht mehr. Aber damals zog er mit der Clique los. Dortmund und Umgebung. Nachts um 2 Uhr. „Da wurde nicht so hart kontrolliert. Und Schlaf war unwichtig.“ Zehn Minuten sprühen und weg. Manchmal länger, wenn er sich vor Passanten verstecken musste. „Unser Nonplusultra waren Züge. Fahrende Bilder, die außerdem niemandem weh tun.“

 

 

Der Plenarsaal im Bundestag war
ziemlich leer, als das neue Gesetz
beschlossen wurde.      (Foto: dpa)

Der VRR setzt auf Projektarbeit

 

Hans Oehl vom Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) sieht das anders. Die Graffiti-Beseitigung im VRR-Gebiet kostet den Verbund rund 30 Millionen Euro pro Jahr. „Wir setzen auf Prävention und betreiben mit dem Projekt Jugend und Graffiti Aufklärung an Schulen“, so Oehl. Das sei seiner Meinung nach effektiver als „irgendwelche konsequenzlosen Gesetzesänderungen, auch wenn die gut gemeint sind.“

 

Auch Regine Stoering von der Dortmunder gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (DoGeWo) glaubt nicht an eine Verbesserung der Situation durch neue Paragraphen. Sie setzt dagegen auf legale Freiflächen, die so genannten "Halls of Fame", die Sprayer von Häuserverschandelungen abhalten. 2400 Gebäude besitzt die DoGeWo im Stadtgebiet. Für deren Reinigung gab die Gesellschaft im Jahr 2004 rund 60.000 Euro aus.

 

Spezialreinigung durch Profis kostet

 

Etwa 8000 Euro hätte Akki Schnöring für eine Spezialsäuberung ihrer Hauswände durch Profis bezahlen müssen. „Zu teuer“, sagt sie. Früher reinigte sie die Wände notdürftig mit einem Anti-Graffiti-Spray, einem Teufelszeug, wie sie selbst sagt. Der vorsichtige Umgang damit war den Schnörings auf Dauer zu mühselig. „Die Nachbarn schließen schon Wetten ab, wann das nächste Geschmiere da ist. Die Anstreicher haben uns jetzt einen Pott Farbe da gelassen. Damit streichen wir einfach notdürftig drüber.“

So sollte man es nicht machen, sagt Martin Steinigeweg von den Dortmunder Stadtwerken. Zusammen mit der Glas- und Gebäudereiniger-Innung hat er jüngst die erste bundesweite Infoplattform „FAKT“ (Farbschmiererei-Abwehr-Kompetenz-Team) gegründet. Mit einer Hilfe-Hotline und Vorträgen über umweltschonende Reinigungsmethoden will Steinigeweg aufklären. Denn auch er glaubt, dass das mehr bringt als das neue Gesetz.

 

Freiflächen, Schulprojekte, Reinigungstipps, Gesetzesänderungen – Akki Schnöring steht totz all dem auf der Leiter und pinselt. Sie hat jetzt Anzeige gegen Unbekannt erstattet: „Der Polizist war nett und mitfühlend. Aber helfen konnte er mir nicht.“

 

Mehr auf donews
  Kunst oder Schmiererei?  vom 26.11.05  

 Mehr zum Thema 

  Homepage rund um Graffitis und um Dortmunds Geschichte als Sprayer-Eldorado  


VON INA RETKOWITZ

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