| Mit den Händen sehen | ||||||||
An einer schwarzen Plastikplane vorbei führt der Weg in die absolute Dunkelheit. "Herzlich willkommen im Cafe Noir" sagt eine freundliche Stimme von links. Es ist Claudia Günnewig, unsere Kellnerin, ohne die wir fortan in der absoluten Dunkelheit aufgeschmissen wären. "Cafe schwarz" oder anders "Cafe im Dunkeln" – der Name des spektakulären Projekts des Autonomen Behindertenreferates ist für die nächsten 90 Minuten Programm.
Fast 50 Studierende haben je 3 Euro gezahlt, um zu erfahren, wie es ist, wenn man blind ist. Tickets für die beiden Termine waren restlos vergriffen. Der Erfolg des Café Noir überrascht auch das Behindertenreferat. Vor allem viele junge Frauen sind gekommen. Die meisten studieren Rehabilitationspädagogik.
Damit jeglicher Versuch, für Licht im Raum 2.438 der Emil-Figge-Straße 50 zu sorgen, ausbleibt, müssen Handys, Fotoapparate und sogar leuchtende Uhren draußen bleiben. "Sobald die Besucher die Umgebung sehen, ist die Illusion vorbei. Sie werden dann den Raum anders wahrnehmen, mit den Augen und nicht mit anderen Sinnen", erklärt Monika Bienkowski, die als Referentin des Autonomen Behindertenreferats das bisher größte Projekt des Referats federführend organisiert hat.
Klaviermusik beruhigt die Nerven
Erinnerungen an die Kinderzeit werden wach, als Kellnerin Claudia darum bittet, uns die Hände zu geben und eine Kette zu bilden. Blind sein heißt auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Das ist das Erste, was wir lernen. Bei jedem Schritt vorwärts zittern die Knie aus Angst, ein Hindernis könnte im Weg stehen. Im Gänsemarsch geht es vorwärts. Am Tisch angekommen, wird alles zunächst mit den Händen abgetastet. Eine Serviette, ein Glas eine Schale mit Erdnüssen werden ertastet. "Taktil" heißt das in der Fachsprache. Sehen mit den Händen. Es bedeutet auch viel Körperkontakt. Immer wieder berührt eine Hand deinen Körper, ob es die Kellnerin ist oder der Nebenmann. "Das Berühren und die ruhige, freundliche Stimme der Kellner nimmt die Anspannung von den Gästen", erklärt Referentin Monika später.
Stimmengemurmel durchdringt den Raum. Wie viele Gäste es sein mögen? Schwer zu sagen, schließlich ist die Größe des Raumes nicht ansatzweise zu erahnen. Lediglich ein schmaler Lichtstreifen dringt unter der Tür hindurch. Wie viele Tische es gibt, wie stehen sie im Raum, wie sehen unsere Nachbarn aus - keine Ahnung.
Von rechts klingen plötzlich Klaviertöne. Simon (28), der blinde Pianist, greift in die Tasten. Er spielt "Strangers in the Night" von Sinatra. Simon ist die einzige blinde Person an diesem Abend. Mehr als 20 Jahre Training als Blinder am Klavier hat er hinter sich. Die machen sich bezahlt: Fast kein falscher Ton kommt aus dem Klavier. Die Musik beruhigt. Die Anspannung verschwindet zwar nicht völlig, doch die Dunkelheit irritiert nicht mehr. Man gewöhnt sich daran, blind zu sein.
Kellnerin Claudia liest die Getränke- und Speisekarte vor. Gemischter Salat, Käse-, Schinken- und Tomaten/Mozarella-Baguette, Wein – es geht französisch her im Cafe Noir. Doch essen und trinken im Dunkeln ist nicht einfach. Wir lernen, wie es blinde Menschen machen. Schon das Einschütten ist eine Kunst. "Mit der linken Hand das Glas umkreisen, so dass ein Finger hereinrutscht. Das Glas an den Tischrand rücken, mit der rechten Hand den Flaschenhals am Glasrand positionieren und gießen", erklärt die Kellnerin. Es klappt. Wie sie sich im Raum orientiert? "Wir haben vorher an den Wänden mit Klebeband Markierungen angebracht. Und natürlich kennen wir als Sehende den Raum, wenn er beleuchtet ist", verrät die 25-Jährige.
Bezahlen im Dunkeln - ein Erlebnis
Sie serviert den bestellten Salat. Ihn zu riechen ist bereits ein Erlebnis. Doch bis der erste Happen im Mund steckt, vergeht eine Weile. Immer wieder flutscht der Salat von der Gabel – oder der Mund wird verfehlt. Doch auch beim essen ist die Routine erstaunlich schnell eingeübt. Nicht schaufeln, sondern picken ist die einfache Lösung. Deutlich intensiver ist der Geschmack von Tomate, Paprika, Blattsalat und Käse. "Darf es noch etwas sein", fragt Kellnerin Claudia nach geschätzten 15 Minuten in die Runde. "Nachos mit Dip auf 12 Uhr" lautet die nächste Aufgabe. Die Uhrzeit gibt dabei die Position auf dem Teller an. Schon der erste Versuch, den Dip auf die Nachos zu heben, geht daneben. Die glibbrige Masse plumpst auf den Tisch. Pianist Simon spielt: "I did it my way".
Bevor es zurück in die Welt der Sehenden geht, kassiert Kellnerin Claudia ab. "Fünf Euro" fordert sie für Salat, Nachos und zwei Gläser Orangensaft. Doch wie will sie erkennen, dass wir ihr einen Zehn-Euro-Schein in die Hand drücken? Mit einem Geld-Tester für Blinde kontrolliert die Kellnerin den übergebenen Geldschein. Darin eingeklemmt, wird anhand der Länge des Scheins und den aufgeprägten Blindenschrift-Punkten der Wert des Scheins ermittelt. Wohl noch nie hat das Portmonee zücken so viel Spaß gemacht.
Die Augen brennen, als wir den Raum und die Schleuse dahinter passieren. Erst nach Minuten haben sich die Augen an die Helligkeit gewöhnt. "Viel krasser als morgens beim Aufstehen", meint Tine (20), Studentin der Sonderpädagogik. Probleme im Dunkeln zu essen hatte sie nicht. "Ich hab einfach meine Hände genommen", sagt sie und freut sich schon auf die nächste Auflage des Cafe Noir.
Die wird es nach Aussage von Monika Bienkowski vermutlich schon bald geben. Der Erfolg des Konzepts, weit ab von "Massenabfertigung" ohne Musik und Zeit bei Campusfesten, gibt ihr Recht. Die Referentin kann sich sogar ein noch umfangreicheres Programm vorstellen. "Eine Buchlesung eines Lektors in Punktschrift wäre toll", sagt sie.
FOTOS: Roman Goncharenko AUDIOFILES: Mathias Steinbrecher (ElDOradio) | ||||||||
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