| Im Urlaub zuhause | ||||||||
(do1) Die Blechlawine quält sich durch die Innenstadt, Abgase und Lärm schlagen auf das Gemüt. Im Urlaub, gerade an der See, ist das anders: Frische Luft, Strand und weites Land. Während sich in Dortmund die Autos drängen, bestimmt wehender Sand das Bild in Horumersiel. Zahlreiche Urlauber aus dem Ruhrgebiet kommen regelmäßig hierher, doch zwei Dortmunder haben sich gleich sesshaft gemacht.
Im Nordseeheilbad Horumersiel direkt vor den friesischen Inseln leben gerade einmal 600 Menschen, doch 12.000 Gästebetten warten auf Urlauber. Die Wiese im kleinen Ortskern ist mit bunten Blumen bepflanzt, ein Brunnen plätschert vor sich hin und gibt sein Wasser an ein kleines Bachbett aus Kies ab. Daneben ruht ein Anker auf der Wiese, als Symbol für die Verbundenheit zur See. Im beschaulichen Hafen liegen Kutter und die Boote des örtlichen Segelclubs, gleich dort beginnt die Strandpromenade, die bis ins Nachbarörtchen Schillig führt. Während Horumersiel einen Grasstrand mit vielen Strandkörben besitzt, dominiert in Schillig der Sandstrand, der sogar einen separaten Bereich für Hunde bietet – was den Ferienort auch für Tierfreunde interessant macht.
Von der Großstadt ins Dorf
Die gebürtigen Dortmunder Jürgen und Doris Südhoff lockten aber vielmehr die Ruhe und der friesische Charme an die Nordsee. Erst blieb das Dortmunder Autokennzeichen als kleine Hommage an die Heimat, beim endgültigen Wechsel an die See vor vier Jahren bekam ihr Volvo-Kombi dann das Kennzeichen FRI, die Buchstaben des Friesischen Landkreises.
Weggezogen aus dem Ruhrgebiet – oder etwa: ausgewandert? Jürgen Südhoff meint: "Ausgewandert in dem Sinne nicht. Wir haben noch Freunde in Dortmund, mit denen wir regelmäßig telefonieren. Außerdem kann ich hier sogar die Dortmunder Tageszeitung kaufen." Aber dasselbe wie früher ist es natürlich nicht: "Verändert haben wir uns insofern, dass Dortmund eine Großstadt ist und Horumersiel ein Dorf", sagt Doris Südhoff.
Selbst verordneter Urlaub
Doch in diesem "Dorf" kann zur Hochsaison ganz schön viel los sein. An den Autokennzeichen ist abzulesen, dass gerade viele Gäste aus dem Ruhrgebiet die Nordseebrise genießen. Während das Nachbardörfchen Schillig mit einem der größten Campingplätze Europas auf mobile Urlauber setzt, konzentriert sich Horumersiel auf Ferienwohnungen und Zimmervermietung.
Die Südhoffs besitzen drei Ferienwohnungen. 46 Euro kostet die Übernachtung – obere Mittelklasse in Horumersiel. Alle drei Ferienwohnungen befinden sich im Haus der Südhoffs. Das Ehepaar wohnt damit stets mit den Urlaubsgästen unter einem Dach. Das verbindet Urlauber und Wahl-Einheimische. Die Südhoffs freunden sich mit ihren Gästen sogar so weit an, dass sie mit ihnen abends Essen gehen. Irgendwann sind sie aber auch froh, wenn sie ihre Ruhe haben. Doris Südhoff: "Wenn wir urlaubsreif sind, sagen wir uns: Wir machen eine Woche Urlaub in Horumersiel. Dann stehen wir morgens auf, machen eine Fahrradtour, gehen schwimmen und schließen den Abend mit einem schönen Essen ab."
Wattwürmer und Kutterschollen zum Sattessen
An kulinarischen Möglichkeiten mangelt es in Horumersiel beileibe nicht. Italienisch, griechisch, längliche kleine Salamis – "Wattwürmer" genannt, fangfrischer Fisch oder Kutterschollen zum Sattessen – vor allem die Gäste im Ort lassen es sich schmecken.
Viele Restaurants und Imbissbuden tragen passende regionale Bezeichnungen wie "Deichrestaurant", "Restaurant Zur Krabbe", "Fischkiste", "Leuchtfeuer" oder "Utkiek" (Ausblick). Die zentrale Straße im Örtchen heißt Goldstraße - was Bekannte der Südhoffs zu Hause in Dortmund richtig neidisch macht. Die früheren Nachbarn würden auch gerne hinauf ziehen – wenn sie denn eine passende Wohnung bekämen.
Auf Klönschnackabenden geht es rund
Doris Südhoff kennt zumindest ein kurzfristige Lösung für neidische Nachbarn: "Wir haben hier wunderschöne Hotels, in denen man Kuren und Wellness machen kann. Das Thermalbad, der Strand…" Die 62-jährige gerät ins Schwärmen. "Wenn das Meer zurückgegangen ist, kann man Wattwanderungen machen. Vom Hooksiel aus fährt der Katamaran nach Wangerooge – es gibt unheimlich viele Möglichkeiten." Jürgen Südhoff gefällt besonders gut, dass im Kursaal regelmäßig kulturelle Veranstaltungen stattfinden, auch innerhalb der Woche. Im Sommer spielt das Kurorchester im Kurgarten, wenn es regnet steht immer der Saal zur Verfügung.
So haben sich alle Bedenken, dass es hier im Norden zu langweilig werden könnte, verflüchtigt. "Ich dachte erst: Fühlst du dich hier in den dunklen Monaten überhaupt wohl?", erklärt Jürgen Südhoff. Dabei bietet der Winter den Einheimischen einen entscheidenden Vorteil: Wenn es dunkel und kalt ist, hat die Bevölkerung mehr Zeit für sich und muss sich nicht um die ganzen Feriengäste kümmern. "Dann wächst das Dorf zusammen", weiß der 66-jährige. Besonders beliebt: Die "Klönschnackabende", bei denen sich das Dorf versammelt und sich im feinsten Norddeutsch austauscht.
Spürbar bessere Gesundheit
Doris Südhoff findet, dass die Leute im Norden allgemein netter und aufgeschlossener sind: "Wir empfinden alles nur positiv hier." Daher sei dem Ehepaar auch noch nie der Gedanke gekommen, doch einmal zurück nach Dortmund zu ziehen. Zuhause waren die Südhoffs selbstständige Innenausstatter für's Grobe: Für Betriebe und Lager richteten sie Regale ein, dazu kamen Büroeinrichtungen.
Ihre Arbeit hat das Ehepaar in Horumersiel dabei noch nicht ganz losgelassen: Per Telefon wünschen alte Kunden weiterhin Beratung. 2007 hören die Südhoffs aber endgültig auf zu schuften und zehren von Rente und Mieteinnahmen aus den Ferienwohnungen. Dann können sie die Nordseebrise unbeschwert genießen. "Es weht zwar mehr Wind, aber daran gewöhnt man sich", erzählt Doris Südhoff, "die Luft ist merklich gesünder: Wir haben deutlich weniger Erkältungen."
Immer wieder hören sie, dass Leute in ihrem Alter aussteigen und sich an der Nordsee niederlassen. Mittlerweile gelte das sogar teilweise schon für Familien mit Kindern, die Atemwegserkrankungen oder Allergien mit sich schleppen.
Privater Strandkorb auf der Terrasse
Die Südhoffs genießen ihr gesundes Leben, zum Beispiel auf der Sonnenterrasse im eigenen Strandkorb. Die einzige Unannehmlichkeit eines Nordseedorfs: Manchmal muss man zum Einkaufen etwas weiter wegfahren, etwa nach Wilhelmshaven, das etwa 25 Kiloemter entfernt ist. "In Dortmund ging man eben zum Aldi", erinnert sich Doris Südhoff, "hier muss man ein paar Kilometer mit dem Auto fahren. Das ist aber Organisationssache, man gewöhnt sich dran!" Gewöhnungssache ist wohl auch das Bier. Das friesische Jever schmeckt deutlich herber. Jürgen Südhoff: "Wenn wir in Dortmund sind, trinken wir auch ein Dortmunder Bier. Hier oben wird aber Jever getrunken - das ist schlichtweg Tradition. Und mittlerweile schmeckt es sogar lecker – den herben Geschmack spüren wir schon gar nicht mehr."
Man sieht: Zumindest den Südhoffs wird es auch in Zukunft reichen, nicht Revierluft zu schnuppern, sondern die Nordseebrise zu genießen und anstatt "Glück auf" lieber "Moin Moin" zu sagen.
FOTOS (4): Thomas Majchrzak | ||||||||
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