| Der Retter des Genitivs | ||||||
(eldoradio) "Willkommen im Todestal des Genitivs!" Das Tal - Pardon - der Saal ist voll. Hundertfünfzig überzeugte Leser sitzen bereit, unter der Federführung von Bastian Sick gegen einen falsch gesetzten Dativ zu Felde zu ziehen. In der Volkshochschule in Schwerte las der Sprachwissenschaftler aus seinem Buch "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod".
Bastian Sick, der Sprachhüter und SPIEGEL-Kolumnist, kämpft mit Witz und Charme, mit Ironie und Fantasie für korrektes Deutsch, das der Duden duldet.
Spielerisch verpackt er deutsche Grammatik in mundgerechte Happen, würzt sie mit einem Schuss Wortwitz und verwandelt Regeln und Ausnahmen in spannende Fälle. Sprachverstöße und Zweifelsfälle bilden die Grundlage seiner Arbeit.
Die Sprache hat ihn fasziniert, seit er selbst sprechen kann. Kaum hatte der kleine Bastian lesen gelernt, begann er kleine Geschichten zu schreiben. Und schon im Kindergarten-Alter bescherte ihm die Chansonette Mireille Mathieu die Liebe seines Lebens: Französisch. Er studierte Geschichte und Romanistik und lebte einige Jahre wie Gott in Frankreich. Bis er feststellen musste, das Gott umgezogen ist: Nach Amerika.
Leben wie Gott in Florida
"Was früher en vogue war, ist heute trendy, und eine Mode irgendwann passé war, ist heute out. Wer auf dem Laufenden war, der war mal à jour und wenn er einverstanden war, dann war er d’accord. Heute ist er up to date und gibt sein okay." Der frankophile Deutschkenner steht fremdsprachlichen Einflüssen durchaus aufgeschlossen gegenüber – solange sie eine neue Bedeutung mit sich bringen, wie etwa das Wort "fair".
Sprache lebt von Veränderung, das sieht auch Sick so. Was heute falsch ist, kann morgen richtig sein. Aber heute ist es eben noch falsch. Als Schlussredakteur bei SPIEGEL Online war es seine Aufgabe, die Texte der Kollegen zu korrigieren. Wann immer sich bestimmte Fehler gehäuft hatten, verfasste er ein Memo und verschickte es als E-Mail. Damit diese Memos auch gelesen wurden, verpackte er sie humorvoll.
Bastian Sick wollte nicht nur belehren, sondern auch unterhalten. Seinem Chef gefiel die Idee so gut, dass er vorschlug, daraus eine Kolumne zu machen. So wurde der "Zwiebelfisch" geboren. Der Begriff "Zwiebelfisch" beschreibt in der Setzersprache einen Buchstaben, der innerhalb eines Wortes versehentlich in einer anderen Schriftart gedruckt wurde. Und Bastian Sick angelt und filetiert Worte, die in einem deutschen Text falsch gesetzt sind.
Worte angeln und filetieren
Die Leser strömen dem Zwiebelfisch nur so zu. Auch in Schwerte hängt das Publikum an Sicks Lippen. Seine Kolumnen gewinnen noch an Unterhaltungswert durch seinen Vortrag. Mit den Fingern beschreibt er Anführungszeichen in der Luft, er spielt Szenen in verteilten Rollen und seine klangvolle Stimme imitiert mühelos jeden Dialekt. Ein Alleinunterhalter mit grammatikalischer Mission. Sehenswert, hörenswert, lesenswert. Und hilfreich in Konfliktsituationen. Wenn der Partner beim Italiener wieder mal Pizzas und Espressos bestellt, empfiehlt Sick Gelassenheit: Es müsste zwar Pizzen und Espressi heißen, perfekte Italienischkenntnisse werden im Restaurant hierzulande jedoch meist nicht verlangt.
Wer Expresso sagt, macht auch nichts falsch, da er lediglich ein Fremdwort eindeutscht. Die Geschlechterfrage bei Nutella ist aus "grammatikalischer Sicht eine ziemlich harte Nuss". Um das Geschlecht eines Produktnamens zu bestimmen, muss man klären, um welches Produkt es sich handelt. Also die Haselnusscreme. Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen: Man sagt das Duplo, obwohl es der Schokoriegel und die Praline heißt. Manchmal ist einfach Fantasie gefragt: "Schatz, reich mir doch bitte mal das Nutella-Glas rüber."
FOTOS: Sixtus Reimann | ||||||
|
||||||
|
VON ANNE KYNAST |
||||||
|
|
||||||


