| Die Geschichte einer Verfolgung | ||||||||
Die Dortmunder Steinwache, im Dritten Reich eine der berüchtigsten Folterstätten, liegt direkt hinterm Hauptbahnhof. Wer hier einsaß, auf den wartete eine unheilvolle Zukunft.
Widerstandskämpfer nannten das Gefängnis die "Hölle von Westdeutschland". Auf Steinpritschen misshandelten Angehörige von Hitlers Geheimer Staatspolizei (Gestapo) politische Häftlinge, um Geständnisse zu erpressen. Viele wurden von dort aus in Konzentrationslager deportiert. Mindestens auch zwölf Männer, das belegen historische Dokumente, waren zwischen 1933 und 1945 in der Steinwache eingesperrt, weil sie schwul gewesen sein sollen.
Diskriminiert, verhaftet und getötet
Heute beherbergt das Gebäude mit seiner düsteren Vergangenheit eine Mahn- und Gedenkstätte. Im ehemaligen Zellentrakt befindet sich eine Ausstellung, die Widerstand und Verfolgung in Dortmund während der NS-Zeit dokumentiert. Im vergangenen Jahr wurde das Museum um das Kapitel homosexueller Frauen und Männer erweitert. "Es ist die einzige ständige Ausstellung in Deutschland, die sich mit ihrem Schicksal beschäftigt", sagt Anne Lehwald. Ein Jahr forschte die freiberufliche Historikerin und bekennende Lesbierin, wie Schwule und Lesben unter Reichsführer Adolf Hitler diskriminiert, verhaftet und getötet wurden. Das Ergebnis ist in einer früheren Zelle der Steinwache zu besichtigen. Schrifttafeln, alte Fotos und Karten erzählen dem Besucher von der vielfältigen Homo-Szene in der Weimarer Republik und wie sie im Dritten Reich brutal unterdrückt wurde.
Wie alles begann - die Goldenen 20er
Das schicke Lokal in der Dortmunder Zimmerstraße war bei Lesbierinnen ein beliebter Treffpunkt. In den 20er Jahren trafen sich dort Frauen zum Schwoof. Charleston war auf dem Parkett ein angesagter Tanz. Etwas gemütlicher ging es im Café Rose im Stadtteil Hörde zu. Bei einer Tasse Tee oder Kaffee plauderten die Gäste über die neuesten Geschichten aus "Die Freundin", in der Weimarer Republik die meist gelesene Lesbenzeitschrift. Schwule klönten gerne in der Schwenkwirtschaft "Zum Kyffhäuser", das in der Kampstraße sein Domizil hatte. Dortmunds Szene war damals schon recht lebhaft, allerdings längst nicht so offen wie heute. "Meistens verabredeten sich Homosexuelle undercover", erklärt Anne Lehwald, "ihre Clubs und Bars waren äußerlich von den bürgerlichen Kneipen nicht zu unterscheiden."
Homosexuell zu sein war damals ein avantgardistischer Lebensstil. Überall entstanden Revuen und Tanztheater, Kinos und Varietés, wo die Menschen ihr Gefühl der Freiheit und ihr Verlangen nach Unterhaltung auslebten. Claire Waldoff (1884-1957) etwa war als lesbische Kabarettsängerin ein gefeierter Star auf den Bühnen der Republik. In Großstädten wie Dortmund wurden Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit geduldet. Doch Ende der 20er Jahre war es vorbei mit der Toleranz. Die Weltwirtschaftskrise traf Deutschland mit voller Wucht, in Dortmund erreichte die Arbeitslosenquote einen Rekord von 33 Prozent. Viele Menschen verloren ihre wirtschaftliche Existenz, manche auch ihr moralisches Gewissen. "Die Stimmung war schlecht, zum Teil richtete sie sich gegen Minderheiten wie Homosexuelle", sagt die Historikerin Anne Lehwald.
NS-Ideologen verabscheuten Homosexuelle
Als die Nazis 1933 an die Macht gelangten, hetzten sie unentwegt gegen Schwule und Lesben. Propaganda und Verfolgungsmethoden versetzten die Betroffenen in Angst und Schrecken. Es war ein vorrangiges Ziel der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik, die Homosexualität auszurotten. Die NS-Ideologen sahen in der Homophilie eine "Gefahr für die Lebensgemeinschaft". Sie gefährde den Fortbestand des Volkes, sie bedeute die Vergeudung der "Zeugungskraft" der Männer. Einige Juristen dramatisierten einen befürchteten Geburtenausfall, wenn Lesben heterosexuelle Frauen verführen.
Verschärfter Schwulenparagraph
Das NS-Regime schloss ihre Lokale und Treffpunkte, verbot ihre Bücher und Zeitschriften, schaffte ihre Vereine und Bürgerrechtsbewegungen ab. So verschwanden auch das "Kyffhäuser" und das Café Rose aus der Dortmunder Gastronomie. Gleichzeitig wurde der berüchtigte Paragraph 175 des Reichsgesetzbuchs, der Sex unter Männern bereits vor 1933 mit Strafe bedroht hatte, drastisch verschärft. Gestapo und Kripo mussten nicht einmal einen Beweis vorlegen, um einen Mann wegen "widernatürlicher Unzucht" zu verhaften. Ein einfacher Verdacht reichte aus. Die Zahl der Verurteilungen stieg deutlich an, insgesamt wurden zwischen 1933 und 1945 etwa 50.000 Urteile verhängt. Die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung speicherte die Personaldaten von 100.000 Männern als Verdächtige oder einschlägig Verurteilte.
Besonders hart gingen die Nazis gegen Strichjungen und solche Männer vor, die sexuellen Kontakt mit Jugendlichen unter 21 Jahren hatten. Sie wurden erst ins Zuchthaus und danach in Konzentrationslager verbracht. Durch schwere Arbeit sollten die Inhaftierten zu Heterosexuellen umerzogen werden. "Manche waren geläutert und kehrten in die Gesellschaft zurück", so Anne Lehwald. Oder sie wurden kastriert. Experten schätzen die Zahl der Kastrationen auf 400 bis 800. Von den 6000 schwulen Männern, die in einem KZ schuften mussten, überlebte weniger als die Hälfte. Wie viele Opfer Dortmunder waren, ist bis heute nicht genau geklärt. Aus den Akten gehen zwei vollstreckte Todesurteile im Gefängnis "Lübecker Hof" hervor. Erbarmungslos behandelten die Nationalsozialisten auch ihre eigenen Leute. Angehörige der SS, der Polizei und des Offizierskorps der Wehrmacht riskierten ihr Leben, wenn sie sich bei der "Unzucht mit Abhängigen" erwischen ließen.
Weibliche Polizeibrigade verfolgte Lesben
Lesbischen Frauen drohten weniger empfindliche Strafen als schwulen Männern. Im Strafrecht war die weibliche Homosexualität nicht kriminalisiert. Das macht es heute so schwer, ihr Schicksal vollständig aufzuklären. Häufig wurden Lesben als "asozial" abgestempelt, was den Nazis als Grund für eine Verhaftung genügte. So entstand in den 30er Jahren in Dortmund eine weibliche Polizeibrigade, die vor allem lesbischen Frauen nachspürte. Sexuelle Freiheit kannten die Nazis nicht, in ihrer Ideologie reduzierten sie die Frau auf die Rolle als Ehefrau und Mutter. Wer ledig oder kinderlos war, machte sich verdächtig. Viele Lesbierinnen führten ein Doppelleben, um der Verfolgung zu entkommen. Der Preis, den manche Frauen dafür bezahlen mussten, waren seelische Probleme, Depressionen.
Das vergessene Leid
Nach dem Krieg interessierte sich in Deutschland kaum jemand für das Leid der Homosexuellen. Im Gegenteil: Schwulsein, so lautete die gängige Meinung, gehöre sich einfach nicht. Verstört zogen sich in der jungen Bundesrepublik vor allem viele lesbische Frauen ins Privatleben zurück. Oder sie heirateten, um nicht als Homosexuelle angeprangert zu werden, zu groß war die Scham. Erst 1969, als der Krieg schon 24 Jahre vorbei war, wurde im Westen der alte Schwulenparagraph der Nazis korrigiert und 1994 mit der Wiedervereinigung ersatzlos gestrichen. Anerkannt waren die zwischen 1933 und 1945 nach Paragraph 175 Verurteilten als Opfer des NS-Regimes allerdings noch nicht. Das geschah erst mit einem entsprechenden Gesetz, das der Deutsche Bundestag im Dezember 2000 verabschiedete und finanzielle Entschädigungen in Aussicht stellt.
Eine späte Wiedergutmachung, die den zwölf Männern, die damals zu Unrecht in der Dortmunder Steinwache hinter Gitter saßen, vermutlich nichts mehr hilft. Denn bei ihren Recherchen, sagt Anne Lehwald, konnte sie keinen einzigen Betroffenen persönlich sprechen.
Fotos: Michael Schulte
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