| WM ade – Dortmund zieht Bilanz | ||||||
(do1) Vor der Weltmeisterschaft hatte Berit (20) aus Lünen von Fußball überhaupt keine Ahnung. Michael Ballack war ihr ein Begriff, und dass Olli Kahn auf der Bank saß, hatte sie auch irgendwie mitbekommen. Aber wer sonst noch mitspielt, wusste sie nicht. Mittlerweile hat sie ihr eigenes Deutschlandtrikot und kann sogar die Abseitsregel erklären.
Die WM stellte alles auf den Kopf: Fußballignoranten wurden zu Fans, entgegen jeder Vorurteile präsentierten sich die Deutschen als freundliche Gastgeber, und auf der Südtribüne im Dortmunder Stadion wurden Spieler von Bayern München gefeiert.
Für Fußballdeutschland hat sich Dortmund als schicksalsträchtiges Pflaster erwiesen: Einerseits hat die Deutsche Nationalelf auf dem Rasen des "WM-Stadions Dortmund" einen entscheidenden 1:0-Sieg gegen Polen errungen, andererseits vergossen hier Ballack und Co. auch viele Tränen nach dem WM-Aus gegen Italien.
Internationales Flair mitten im Ruhrgebiet
Schon Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft schmückten die Fans und jene, die es noch werden sollten, ihre Hauseingänge und Fenster mit Fahnen und Wimpeln oder strichen gleich ganze Gartenlauben schwarz-rot-gold an.
Aber nicht nur die Farben Deutschlands waren überall zu sehen: Fahnen aus aller Welt hingen aus den Wohnungen, über den Straßen und in den Schaufenstern. Die Dortmunder sorgten dafür, dass die Hohe Straße zur Fanmeile wurde - egal für welches Land. "Es ist toll, so viele verschiedene Menschen kennen zu lernen", erzählt Malte Butkowski. Kurz vor der Weltmeisterschaft hat er seine Kneipe direkt an der Fanmeile eröffnet.
"Vor allem die brasilianischen Fans können richtig gut feiern", so Butkowskis Erfahrung. Eine Gruppe von acht Brasilianern versackte nach dem Spiel gegen Japan in der Kneipe. Mit Trommeln und Gitarren übertönten sie die Musik aus den Lautsprechern und begannen gemeinsam mit deutschen und polnischen Fans zu singen und auf den Tischen zu tanzen. Malte Butkowski klatschte im Takt und war von der Stimmung begeistert: "Das ist einfach geil!"
Während der WM waren Fans aus über 95 Ländern in Dortmund. Allein die Touristeninformation verbuchte mehr als 47.000 Übernachtungen in der Stadt und der näheren Umgebung.
Ob Brasilien, Schweden oder Deutschland, die Farben der verschiedenen Nationen waren auf T-Shirts, Hosen, Bikinis oder Schuhe gedruckt. Selbst die Trikots der Soccer Warriors aus Trinidad und Tobago waren sofort ausverkauft. Neueste Mode sind Taschen, die aus den FIFA-Fahnen gearbeitet wurden. Insgesamt wurden nur 100 Stück produziert und allesamt bereits verkauft.
Das Spiel mit den großen Zahlen
Von den Taschen profitieren nicht nur die Fans, sondern auch die Franz-Beckenbauer-Stiftung: Sie bekommt den Erlös. Ansonsten war die Weltmeisterschaft ein großes Zahlenspiel. Nach Schätzungen des Dortmunder WM-Büros gab die Stadt rund drei Millionen Euro allein für das Fanfest und die Sicherheitsvorkehrungen aus. Die Kosten für die Umbauten und Renovierungen konnten bislang nicht beziffert werden.
Und das alles fürs Prestige. Das mag polemisch klingen, entspricht aber der Wahrheit. Wirtschaftlich gesehen rentieren sich solche Investitionen nicht. Dafür kann jeder Fan in Dortmund sagen: "Ich war dabei." Sechs Spiele der Fußball-WM begeisterten die Fußball-Anhänger in der Reviermetropole. Tausende Besucher feierten nach dem Abpfiff in der Innenstadt. Millionen spürten vor den Fernsehern die tolle Atmosphäre im Stadion.
Die WM ist vorbei
Jürgen Klinsmann verzauberte mit seinen Jungs eine ganze Nation. Selbst die, die sich nie für Fußball interessierten, ließen sich von der Euphorie mitreißen. Vier Wochen lang stand ganz Deutschland Kopf. Obwohl Dortmund schon fußballerprobt ist, war die WM etwas ganz Besonderes.
"Das Schönste war die Stimmung. Für den Sport kann ich mich immer noch nicht recht begeistern, aber die WM hat einfach Spaß gemacht", erzählt Berit. Nach dem verlorenen Halbfinale ist die angemalte Fahne auf ihrer rechten Wange verwischt. "Schade, dass es vorbei ist", sagt sie etwas wehmütig, während sie die Fanmeile hinauf schaut.
Irgendwann werden die Fähnchen in den Kartons verstauben. Die Fußbälle, die in der Innenstadt als Sitzgelegenheiten dienten, gehen an ihre Besitzer zurück. Berit wird ihr Trikot vermutlich im Schrank hängen lassen. Die WM ist vorbei. Und was kommt jetzt?
Umfrage: Was kommt jetzt? (28s,350KB)
FOTOS/VIDEOS: Leonie Schulte | ||||||
|
|
||||||
|
|
||||||


