| Mittendrin statt nur allein | ||||||||
Ein Sri Lanker malt das Ruhrgebiet, eine Frau gestaltet Särge für Haustiere, Klangschalen klingen, Kinder üben sich im "Freestyle-Sägen" und der Stadtgeist gibt Lebensberatung aus dem Sarg heraus: Das Unperfekthaus in Essen ist ein Jahrmarkt für Kreative - bei dem der Besucher von Stand zu Stand spazieren kann.
Reinhard Wiesemann (47) nennt sich selbst "Erfinder" dieses Projektes. Mit 18 Jahren "erfand" er seine eigene Elektronik-Firma, die inzwischen 40 Mitarbeiter beschäftigt, später das Linux-Hotel, in das Firmen ihre Angestellten zu Computer-Schulungen schicken. Da Perfektion seiner Meinung nach die Menschen zum Nichtstun verdammt, suchte er einen unperfekten Raum, den er Kreativen anbieten wollte. Er fand ihn in einem ehemaligen Franziskaner-Kloster in der Essener Innenstadt und erfand damit das Unperfekthaus wie auch den Stadtteil "Essen-Unperfekt".
Hier geht's zum ausführlichen Interview mit dem Erfinder des Unperfekthauses
Das Prinzip des Unperfekthauses ist denkbar einfach: Wiesemann stellt jedem, der darin etwas schaffen will, kostenlos Räume zur Verfügung. Bedingung: Es muss kreativ und legal sein. Die Miete: Zuschauerinteresse, denn das Publikum ist die Einnahmequelle des Hauses. Aus diesem Grund muss sich jeder Kreative über die Schulter schauen lassen. Was dem Besucher ein wenig vorkommen mag, als wäre er im Zoo: In jedem Kämmerchen sitzt eine andere Kreativ-Art und lässt sich beobachten. Doch im Unperfekthaus ist näher Treten nicht verboten - Ansprechen sogar ausdrücklich erwünscht.
Ariyadasa "Ari" Kandege (55) muss nicht angesprochen werden - für das Gespräch sorgt er schon. Der Sri Lanker liebt die Malerei und seine neue Heimat: "Ob Osten oder Westen, das Ruhrgebiet ist am besten - das ist mein Motto", sagt er und lacht. Daher malt er auch gerne die Städte des Reviers, doch nicht in grauen Farben, sondern bunt und grell.
"Pott-Art" nennt er diesen Stil selbst, lässt sich durch Stadtpläne sowie Satelliten-Bilder und die Kunst seiner Kultur beeinflussen. Für sein Bild über Dortmund ist er auf den Florianturm gestiegen, um sich einen Eindruck zu machen. Das er dabei das Stadion an einer anderen Stelle gesehen als hinterher gemalt hat, stört ihn nicht: "Da war halt kein Platz."
Unperfekthaus soll Sprungbrett und Ideenbörse sein
Ari beherrscht die Kunst, die Wiesemann befürwortet: Er kann Werbung für sich selbst machen, bringt sich als Künstler ins Gespräch. Seine Bilder wurden schon in Ausstellungen gezeigt, bei Wettbewerben prämiert - Ari will von seiner Kunst leben. Das ist das Konzept des Unperfekthauses: Es will Kreativen als Sprungbrett dienen, ihr Schaffen publik machen, damit sie sich irgendwann dadurch finanzieren können.
Bis die Kreativen das Haus verlassen, können sie sämtliche Vorteile genießen. Evelyne Roth (36) kam vor dreieinhalb Jahren aus der Schweiz ins Ruhrgebiet, sie hatte hier keine Kontakte zu anderen Künstlern oder Auftraggebern. Für die Holzbildhauerin und Schnitzerin ist das Konzept bereits aufgegangen: "Ich war kaum im Unperfekthaus, da habe ich schon einen großen Auftrag bekommen."
Doch nicht nur finanziell, auch kreativ bringt das Haus seine Mieter weiter: "In meiner Werkstatt arbeite ich allein", sagt sie. Das müsse auch sein. Doch die zwei Tage, die sie pro Woche nach Essen kommt, bilden eine gute Ergänzung: "Hier gibt es einen regen Austausch - so entstehen Ideen, auf die man alleine nicht gekommen wäre."
Weniger Glück, Galeristen und Veranstalter von Ausstellungen zu finden, hatte - bisher - Patrocinio Belo (39). Der Maler von den Philipinen ist erst seit einem halben Jahr im Unperfekthaus, bereits seit 2003 hat er ein Atellier in der Münsterstraße in Dortmund. "Ich wünsche mir, dass es so ein Projekt auch bei uns gäbe", sagt er ein wenig bedrückt. "In Dortmund haben es Künstler schwer, die Atmosphäre ist nicht so offen wie hier." Da er keine künstlerische Ausbildung hat, hatte auch er kaum Kontakte. Im Unperfekthaus soll sich das ändern, da hier so viele kreative Menschen zusammen kämen.
Raketen aus Plastikflaschen
Mit den kleinen Kreativen werkelt Ginger (53). Er hat einen Ein-Euro-Job in der Kinderkulturwerkstatt des Hauses und baut mit ihnen Bötchen aus Milchtüten oder Raketen aus Plastikflaschen. "Die Arbeit mit den Kindern macht mir sehr viel Spaß - das ist meine Motivation, morgens aufzustehen", sagt er etwas traurig. Seit 2002 ist er arbeitslos und hat die Hoffnung aufgegeben, wieder einen Job als Bühnentechniker zu bekommen. "Als Arbeitsloser isoliert man sich", berichtet er. "Man hat keine Kohle und kann nur spazierengehen, aber das wird auch langweilig." Die Atmosphäre im Unperfekthaus ist für ihn einzigartig, hier spürt er einen großen Zusammenhalt der Leute. Mit den Kindern zu experimentieren, ist für ihn eine neue Herausforderung, eine Möglichkeit, sein Wissen weiter zu geben.
Doch die kleinen Erfinder sollen in der Werkstatt alle Erfahrungen selber machen. "Hier gibt es kein Faltblatt, keine Anleitung", sagt Wolfgang Bort, Mitarbeiter der Kinderwerkstatt. Er gießt Essigessenz in ein Filmdöschen mit Backpulver und wartet auf die kleine Explosion. Nachdem der Deckel der Dose durch den Raum geschossen ist, führt seinen Gedanken zu Ende: "Das ist wichtig, damit sie Interesse an den Dingen bekommen und in der Schule auch noch Spaß an den Themen haben."
Auch das ist Teil des Konzeptes des Unperfekthauses: Selber machen und dabei Fehler zulassen. "Erfinder" Reinhard Wiesemann hat es mit dem Projekt nicht anders gemacht: "So ein Haus gab es vorher nicht - ich konnte niemanden um Rat fragen und musste alle Fehler selber machen." Große sind ihm dabei nicht unterlaufen: Die Kreativen und er selbst haben Spaß am Projekt und gemeinnützig ist es auch. Wenn jetzt noch etwas mehr Geld dabei heraus springen würde ...
FOTOS: Simon Bückle
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