| Tunnelstudium statt Weitblick | ||||||
Am kommenden Donnerstag wird es spannend für die AG gegen Studiengebühren (AGgS) an der Uni Dortmund. Ob der Kampf gegen das Bezahlen für das Studium erfolgreich war, entscheidet sich in der Senatssitzung ab 9 Uhr. Mehrere Wochen hatte die AGgS versucht zu mobilisieren und vor allem zu informieren. Letzter Referent einer Vortragsreihe war Prof. Claus Eurich, Kommunikationswissenschaftler am Institut für Journalistik der Uni Dortmund.
Eurich sprach mit AG-Aktiven und einigen Interessierten über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Studiengebühren. Grundsätzlich sei Wettbewerb im Bildungswesen nichts Schlechtes - zum Beispiel in der Spitzenforschung, wo stetiger Konkurrenzkampf die Forschungsinstitute zu mehr Leistung antreibe. Doch bei der allgemeinen Bildung müsse es weiterhin gleiche Zugangsvoraussetzungen geben. Und die seien durch die Studiengebühren nicht gegeben. Der Staat stehle sich aus seiner Verantwortung. Provokant fragte Eurich: "Was ist uns Bildung eigentlich noch wert?"
Eines der wenigen Güter, die Deutschland vorweisen kann, ist das geistige Kapital der Menschen. In diese Ressource müsse investiert werden. Die Einführung der Lehrmittelfreiheit Ende der 1950er Jahre, die Eurich miterlebt hat, war ein Meilenstein in diese Richtung und habe ihm, der aus einer keinesfalls reichen bürgerlichen Familie stamme, die Karriere zum Professor ermöglicht. "Gebühren sind extrem kurzfristig gedacht. Langfristig werden sie dem Bildungswesen schaden", sagte der Wissenschaftler und ergänzte: "Ich habe das Gefühl, eine Entgleisung des Waggons Leben ist nötig, damit die Menschen kapieren, was los ist."
Systematisch vorbereitet
Einige Zahlen belegen, dass der Zwang der Unis, Gebühren einzuführen, systematisch vorbereitet wurden. Der Haushalt der Universität sei innerhalb von sieben Jahren von 100 auf 92,5 Prozent gekürzt worden. In Fächern wie den Geisteswissenschaften, wo Drittmittel einzuwerben fast ausgeschlossen ist, sei die Situation unerträglich. Überfüllte Seminare, gestresste Professoren und zu wenig Mitarbeiter und Sachmittel an den Lehrstühlen seien normal und "der Bildung nicht würdig", so Eurich. Durch die neue Rechtsform (Unis werden Gesellschaften öffentlichen Rechts) sei der Staat nicht mehr in der Bringschuld, was gefährlich sei.
Sollten die Gebühren tatsächlich beschlossen werden, führte das zu einer Verknappung der Studienzeit, sagte der Professor. Die Orientierungsphase, meist in den ersten beiden Semestern, fiele fast komplett weg. Seitenblicke auf andere Fächer wie Philosophie, werden stark eingeschränkt, weil sie Geld kosten. Statt einen weiten Blick aufs Studium zu haben, werde es einen Tunnelblick geben, der nicht förderlich sei fürs Bildungssystem. "Visionen brauchen Freiheit, Ideen brauchen Spielräume, die das Tunnelstudium nicht bietet", umschrieb Eurich. Richtig seien lediglich Gebühren für Langzeit-Studierende.
Erstaunt sind die Mitglieder der AGgs und Eurich, wie relativ geräuschlos die Gebühren durchgewunken werden. Vor 30 Jahren wären die Betriebe geschlossen worden, Millionen auf die Straße gegangen. Heute sei die Gesellschaft zu unpolitisiert, überfrachtet mit Medien- und Freizeitangeboten. Bestes Beispiel ist die Abschaffung des Fachs Geschichte an der Uni in Dortmund – "unvorstellbare Vorgänge", wie der Kommunikationswissenschaftler meint. Protestiert hat kaum jemand. Umso mehr hofft die AGgs, zumindest am Donnerstagmorgen einige Studenten zu Protesten mobilisieren zu können. "Das Schlimmste ist zu resignieren", sagte Moritz Schröder, Mitglied der AGgS.
Der Senat hat kurzfristig entschieden, den Hörsaal 1 der Emil-Figge-Straße 50 für die Sitzung zu nutzen. Ein ganztägiges Rahmenprogramm, organisiert vom AStA, soll möglichst viele Studierende dazu bewegen, an der öffentlichen Senatssitzung teilzunehmen.
FOTOS: IfJ, Daniel Gonzales | ||||||
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