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Boßler sind hier Exotensportler

Mit Schwung die Kugel so weit wie möglich werfen

Der Himmel an diesem Sonntagmorgen ist grau, die feuchte Luft lässt die Hände um den Kaffeebecher klamm werden. Das Gesprächsthema der Männerrunde in Regenjacken: Spekulationen über den Abstieg des BVB. Es sieht schlecht aus. Doch für ein Plauderstündchen ist die Trainingszeit zu kurz – Joachim Müller zückt die Boßelkugeln, schnappt sich den Kraber und ruft die Mannschaft auf die Strecke.

 

Einwerfen ist angesagt. Schließlich stehen jetzt in der Vorweihnachtszeit die Vereinsmeisterschaften an. Schon zum dritten Mal in Folge: Im August 2001 gründeten die Männer ganz offiziell ihren Boßelclub und nannten sich „Ruhrpottfriesen“. Seitdem trainieren sie jeden zweiten Sonntag an der Dortmunder Stadtgrenze zu Witten und bereiten sich auf Wettkämpfe vor. Denn was nach Spaß aussieht, ist für die Männer Ernst – viel Arbeit und Ehrgeiz stecken in den Exotensportlern im Ruhrgebiet.

 

Volkssport aus dem Norden

 

Boßeln gilt als traditioneller friesischer Volkssport und ist im Norden auch als Leistungssport weit verbreitet. Alle vier Jahre finden sogar in Deutschland, Irland oder den Niederlanden inoffizielle Europameisterschaften statt. Die Zahl der Wettkampfvarianten ist groß. Meist mit Holz- oder Gummikugeln treten etwa beim Straßenboßeln zwei Mannschaften gegeneinander an. Ziel sind möglichst viele Punkte, auch „Schoet“ genannt. Grob gilt: Je weiter die Kugel rollt, desto besser. Die Regeln sind recht kompliziert, und auch das Boßeln längst nicht so einfach, wie auf den ersten Blick scheinen mag: Neben der richtigen Wurftechnik sind immer auch die Eigenheiten der Boßelstrecke wie Kurven oder Bodenbeschaffenheit zu beachten. Neben den Kugeln wichtigstes Utensil ist der Kraber: Er holt bei misslungenen Würfen die Kugeln aus den Gräben.

 

Boßeln in Dortmund

 

 

Die Ruhrpottfriesen (v.l.): Friedrich Sauer-
wein, Boban Radulovic, Bernd Kuhlmann,
Dirk Uhrmacher, vorne Wilfried Speckmann
und Joachim Müller

Den Anfang für die Dortmunder machte Bernhard Kuhlmann senior, als er 1993 ein Haus im ostfriesischen Bunde kaufte. Als geübter Kegler kam er rasch mit dem Boßeln in Kontakt. Und als für die Renovierungsarbeiten Sohn Bernd und einige Freunde anrückten, konnte er auch die für die neue Sportart gewinnen. Gegen den „Freundschaftsclub“ in Bunde wurden die ersten Spiele ausgefochten, es gab jede Menge hilfreicher Tipps. Auch in den folgenden Jahren fuhren die Männer aus dem Ruhrgebiet immer wieder nach Ostfriesland, nahmen zuerst als Gäste, dann als richtiger Verein am „Rheiderland-Pokal“ teil. Elf Mitglieder zählt die Mannschaft heute, einige Pokale haben sie sich schon erboßelt, der letzte immerhin für den zweiten Platz beim diesjährigen „Rheiderland-Pokal“. „Toll ist dort oben die Gastfreundschaft“, lobt Joachim Müller. Auch Bernd Kuhlmann ist von der Offenheit und Freundlichkeit der Ostfriesen angetan: „Da wurde uns sofort überall ein Schlafplatz angeboten.“

 

Interkulturelle Sportfreundschaft

 

Gerne würden die Dortmunder den Ostfriesen eine Gegeneinladung aussprechen, aber das scheitert vor allem an der mangelhaften Trainingsstrecke: Gerade einmal 800 Meter lang ist das Stück an der Stadtgrenze. Und auch das war nur schwer zu ergattern, überall waren Bordsteine, Berge, zu viele Autos oder Kurven. Doch die „Ruhrpottfriesen“ fanden im „Tiefendorf“ in Witten nicht nur einen Trainingsplatz - der mit seinen Feldern und Windrädern sogar ein wenig an den Norden erinnert - sondern auch gleich neue Freundschaften. Landwirt Gerhard Spill und Ehefrau Brigitte bewirtschaften dort einen alten Hof und versorgen nicht nur auswärtige Besucher, sondern auch die Sportler oft mit heißen Getränken und stärkenden Eintöpfen. In der Scheune dürfen sie Boßelkugeln und Kraber lagern. „Ich fand einfach, das sollte man unterstützen“, erinnert sich Spill an die erste Begegnung. Mittlerweile organisieren die Boßeler auch ihren alljährlichen Familientag bei den Spills. „Unsere Frauen sind nicht immer  begeistert, wenn wir am Sonntag trainieren“, erklären die Männer. „In Ostfriesland macht ja meist gleich die ganze Familie mit.“ Doch beim Familientag dürfen alle mal die Kugel werfen – und Frauen und Kinder lassen sich von der Boßelleidenschaft anstecken.

 

Nun sind die „Ruhrpottfriesen“ schon wetter- und trinkfest für die nächsten Herausforderungen. Doch um weiter sportliche Erfolge zu erzielen, sind sie auf Einladungen neuer Boßelgegner angewiesen. Die Fahrten nach Ostfriesland stehen aber auch für das kommende Jahr schon fest im Plan.

 

                                                                           Fotos: Katja Fischborn

VON KATJA FISCHBORN

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