(InDOpendent) Ein Mord, der durch die Hitze der Sonne provoziert wird... Das ist die archaischste, einfachste und zugleich rätselhafteste Lesart der Novelle "Der Fremde" von Albert Camus.
Die Vielzahl der möglichen Deutungen macht das Buch so interessant, zeitlos, klassisch: Eine Parabel auf die Entwurzelung des Menschen in der Moderne. Ein Grundwerk des Existentialismus, eine Reflexion über den (fehlenden) Sinn des Lebens und die Beliebigkeit menschlicher Beziehungen. Man kann es immer wieder lesen - gerade im Sommer, wenn die Hitze groß ist, wenn die Luft flirrt und flimmert, der Horizont sich in der Ferne aufzulösen scheint. Dazu ein kühles Getränk, kühl wie die meisten Gedanken des Ich-Erzählers, Monsieur Meursault.
Aber wie alle guten Bücher braucht das Werk solche Unterstützung nicht: Es schafft sich seine Welt beim Lesen. Ich selbst habe es verschlungen wie nur wenige Bücher. Ich las es zuerst auf Deutsch, 1990 auf einer Herbstferienreise durch Mecklenburg-Vorpommern, als Vorbereitung auf die Lektüre des Originals im Französischkursus. Der Kontrast zwischen ostdeutscher Herbstlandschaft und algerischem Sommerstrand hätte größer kaum sein können. Außerdem war ich damals eher ein Büchermuffel. All das vergaß ich schnell, vor lauter Begeisterung über die spannende Lektüre.
2002 ist im Verlag Frémeaux & Associés eine Autorenlesung des kompletten Textes auf drei CDs erschienen (in Französisch). Eine herbe Enttäuschung: Camus liest gänzlich unbeteiligt, aber das scheint nicht gewollt zu sein. Nur der Schluss wirkt "groß".
"L’Étranger" lu par Albert Camus. 3 CDs, Frémeaux & Associés, FA 5052.
FOTO: Daniel Gehrmann