| Kritischer Blick durch die schwarz-gelbe Brille | ||
Auf einer Fotomontage blättert BVB-Präsident Gerd Niebaum im Vereinsjahrbuch. "Volksmärchen" steht auf dem Heft, "Es war einmal der reiche BVB..." in der Gedankenblase über seinem Kopf. Diese Satire gefällt der Borussen-Geschäftsführung ganz und gar nicht. Und sogar vielen Fans geht so eine kritische Berichterstattung über ihren Verein zu weit.
"Da fallen schon einige böse Worte", sagt Holger Sitter vom Internet-Fanmagazin "Gib mich die Kirsche". "Viele fragen uns, ob wir damals auch schon so geschimpft haben, als Borussia zwei Mal Deutscher Meister und Champions League-Sieger wurde." Auf jeden Fall gehörte das zehnköpfige Redaktionsteam damals schon zur treuen BVB-Anhängerschaft. Zehn unterschiedliche Charaktere aus den verschiedensten Ecken Deutschlands. Ihr gemeinsames Hobby: schreiben für "die Kirsche" - das freche Fanmagazin, das seit Beginn dieser Saison online ist.
Holger Sitter hat das Redaktionsteam Stück für Stück "rekrutiert", die Fans fürs Schreiben begeistert. Man kennt sich aus dem Stadion, von Auswärtsfahrten und von der "dritten Halbzeit" in der Stammkneipe. "Wir sind eine bunt gemischte Truppe", lacht Sitter. Ein Chemiker, ein Ingenieur, ein Computerfachmann, zwei, in kürze drei Doktoren, nur Sitter selbst ist gelernter Journalist. Gemeinsam sind sie im Sommer vergangenen Jahres online gegangen - seitdem wachsen die Besucherzahlen auf ihrer Homepage kontinuierlich.
"Die Kirsche" unterwegs: Die Redaktions- mitglieder auf Auswärtsfahrt in Freiburg.
Ein Hauptgrund: "Die Kirsche" macht keinen Verlautbarungsjournalismus, redet der BVB-Presseabteilung nicht nach dem Mund. Die Redaktionsmitglieder tragen zwar eine "schwarz-gelbe Brille", können durch die aber ganz klar sehen. Die Folge: Spielberichte, Kommentare und Hintergrund-Reportagen sind loyal, aber höchst kritisch. Wenn Borussia gut spielt, gibt's auch das verdiente Lob.
"Die Dortmunder rochierten, sprinteten, kombinierten und schossen begeisternd, wie ewig nicht mehr." (Spielbericht BVB-Frankfurt) Wenn Borussia versagt, hauen die "Kirsche"-Schreiber verbal drauf.
"Was auch immer dann in der Kabine ablief, was auch immer dort gesagt wurde, welch Gesöff die Spieler auch immer getrunken haben mögen, es war falsch und es war schlecht!" (Spielbericht Hannover-BVB) Leider haben die Hobby-Journalisten zur Zeit mehr Anlässe, Kritik zu üben. Beim BVB brennt es an allen Ecken und Enden. Die Eskapaden der Dauer-Verletzten "Diva" Marcio Amoroso, das Wechsel-Theater um Tomas Rosicky und vor allem die Finanzkrise der Borussia. Die "Kirsche"-Schreiber sagen in Kommentaren deutlich ihre Meinung - und zwar in einer Sprache, die jeder versteht.
"Es ist eine Minute vor Zwölf, der BVB steckt bis an die Nasenspitze im Sumpf, jede Wellenbewegung hat das sofortige Ertrinken zur Folge." (Kommentar zur Bekanntgabe der Halbjahresbilanz des BVB)
Mit den Gedanken woanders: Die "Kirsche-Schreiber" nehmen die Vereinsspitze aufs Korn.
Die Hobby-Journalisten wollen mit ihrer Berichterstattung keinen Dampf ablassen, sie wollen vor dem Abgrund warnen, auf den sich Borussia zubewegt. Und sie wollen, dass die Fans ernst genommen werden. "Die Kirsche" schickte deshalb einen vierseitigen, offenen Brief an die Vereinsführung.
Auszüge aus dem Brief:
"Warum wird von Seiten des Vereins auf Kritik nicht mit klaren, umfassenden Informationen, sondern stattdessen oft mit Allgemeinplätzen, Euphemismen und Gegenangriffen reagiert? [...] Viele Fans, die zum Teil schon seit Jahrzehnten den BVB mit Herzblut begleiten, haben in den letzten Jahren dem Verein gegenüber ein zunehmendes Gefühl von Entfremdung entwickelt."
Fühlen sich nur noch als Kunden: BVB-Fans.
"Die betonte Selbstdarstellung des Vereins in der Öffentlichkeit als modernes, prosperierendes Wirtschaftsunternehmen, die in der Bezeichnung der Fans als 'Kunden' gipfelte, hat bei vielen Fans das Gefühl hervorgerufen, nur noch als verkaufsfördernder Imagefaktor für das 'Produkt BVB', aber nicht mehr als integraler, lebendiger Bestandteil des Vereins wahrgenommen zu werden. [...] Ist die Führung des Vereins sich darüber im Klaren, dass ein Abwenden großer Teile seiner Fans dem BVB einen entscheidenden Faktor seiner Identität rauben würde?"
Die zögerliche Antwort der Vereinsführung: Die Einladung zu einem persönlichen Gespräch mit BVB-Präsident Dr. Gerd Niebaum. "Wir werden dieses Gespräch führen, wenn es Sinn macht", vertagt Holger Sitter den Termin zunächst einmal. Die Enttäuschung über die Informationspolitik der BVB in der aktuellen Finanzkrise ist groß. Zudem zeige die Borussia-Presseabteilung wenig Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem Fanmagazin. Zwei Anfragen, in den Presseverteiler des BVB aufgenommen zu werden, blieben bisher ebenso unbeantwortet.
Hier stehen die Redaktionsmitglieder: Nicht auf der Presse- sondern der Südtribüne.
Die "Kirsche"-Macher haben ohnehin ihre Konsequenzen zugunsten "Fan-naher" Betrachtung gezogen: Sie wollen gar nicht in die "Medien-Meute" auf der Pressetribüne - sie schreiben ihre Berichte mit Erkenntnissen von ihren Stammplätzen im Stadion aus. Oder sogar daheim vor dem Fernseher beim Studium der Live-Übertragung im Bezahl-Fernsehen. "Wir regen uns im Stadion darüber auf, dass der Schiedsrichter Elfmeter oder Abseits pfeift. Das steht dann natürlich falsch im Spielbericht. Warum soll dann nicht derjenige den Bericht schreiben, der am Fernseher sitzt und die x-fache Zeitlupe hat?"
Spielberichte sind natürlich längst nicht alles auf "die-kirsche.com". Die Hobby-Schreiber machen wöchentlich "Streifzüge" durch den internationalen Fußball, erinnern an "Helden wie Nieten" in Schwarz und Gelb, erinnern an die größten Spiele im Westfalenstadion, liefern umfangreiche Statistiken und berichten aus der Fan-Szene. Und natürlich wird im Forum, in das übrigens jeder kommen darf, fachlich und fair miteinander diskutiert.
"Die Kirsche" ist nah dran an den Spielern: Holger Sitter im Interview mit Oddo Addo.
Genau so wie in der Redaktion. "Wir machen einmal wöchentlich eine Redaktionskonferenz per Chat", erklärt Sitter. Anders kämen die Redaktionsmitglieder so auch gar nicht zusammen. Der Eine wohnt in Mecklenburg-Vorpommern, der Andere am Bodensee.
Das BVB-Internet-Fanmagazin "Gib mich die Kirsche". Ein weiteres Fanmagazin im Internet: www.schwatzgelb.de. Die Vereinshomepage von Borussia Dortmund. Fotos: Gib mich die Kirsche | ||
|
||
|
|
||
