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Deutschlandreise (1) - Fahne oder Badelatschen

Sind wir nicht alle ein bisschen ... Deutschland?

 "Pro Fass 1 Paar Badeschuhe oder 1 Deutschland Fahne Gratis!!!", wirbt ein Supermarkt im Hannoveraner Hauptbahnhof. Wer ein Fass Bier kauft und sich nicht für Badelatschen entscheidet, bekommt Schwarz, Rot und Gold als Nylontuch. Gut, die Biermarke ist in großen Lettern gleich mit draufgedruckt, aber was macht das schon. Sind wir nicht alle ein bisschen ... Deutschland?

 

Die Mexikaner sind auch Deutschland, und die Italiener auch. Deutsche Winkfähnchen und Schminkstifte finden bei ihnen Absatz. Dafür trägt der stämmige Polizist, der vor dem Hauptbahnhof unter dem Ernst-August-Reiterstandbild patroulliert ("unterm Schwanz", wie die Hannoveraner sagen), eine Karte mit den italienischen Farben in seiner Brusttasche. Ein Service für die Fans von der Südseite der Alpen. Und die Apotheke gegenüber ist zur "International Pharmacy" geworden. Glaubt man dem Schild draußen, spricht das Personal dreizehn Sprachen, darunter Arabisch und Persisch.

 

 

 

 Schwarz-rot-gold ist längst Pop-Produkt.

"Falafel Amir" spricht wenigstens Türkisch und Deutsch, und hat seine kleine Bude von außen mindestens zur Hälfte mit einer gewaltigen Deutschlandfahne zugehangen. Bei H&M dagegen stößt das Spanisch der durch den Laden schlendernden Mexikaner auf bedauerndes Kopfschütteln. Sie kaufen trotzdem. Obwohl das Geschäft, prüfend betrachtet, ein wenig hinterherhängt: Kaum schwarz-rot-goldene Produkte, Fahnen gibt es schon gar nicht. Da hat das nicht ganz billige Schuhgeschäft schräg gegenüber schneller geschaltet. Zwischen eleganten Damensandaletten für weit über 200 Euro steht eine einzelne schwarz-rot-goldene Badelatsche im Schaufenster, verloren zwar, aber tapfer. Durchhalten und mitmachen. Drinnen gibt's Kinderschühchen in den gleichen Farben. Verkaufen die sich? "Gestern abend - gleich zwei Paar", sagt die Verkäuferin nicht ohne Stolz in der Stimme. Wenn auch nicht herauszuhören ist, ob es sich um Stolz auf die Deutschland-Schuhe oder den gelungenen Verkauf handelt. Mexikaner hätten die Schühchen gekauft, berichtet sie, aber auch Deutsche fragten nach, "und wenn ein Kind grad laufen lernt in diesem Jahr, passt das doch genau".

 

 Schminke für Mexikaner, so bunt ist Deutschland (9s, 275Kb)

 



Mehr zum Thema

Schwarz, Rot, Gold

 

Die Flagge der Bundesrepublik Deutschland heißt offiziell Bundesflagge, die Farben sind nach Artikel 22 Grundgesetz festlegt und die Proportionen der horizontalen Streifen 3:5.

 

Die Farben stammen angeblich von den Uniformen des Lützowschen Freikorps aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon (alle einheitlich schwarz eingefärbt, dazu rote Aufschläge und goldene Knöpfe). Die Farben des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren Schwarz-Gold.

Mit zart beflaggten Kinderschuhen hatten sich die 20.000 einige Tage zuvor an der Großbildleinwand am Waterlooplatz nicht aufgehalten. Da musste es schon die ganze Palette Deutschland-Merchandising sein, Schminke, gefärbte Haare, lustige Wackelhände auf durchgeschwitzten Schirmmützen. Wir sind Pop. Zumindest, was die Farben angeht. Noch kurz vor dem Spiel drängen sich tausende vor den akribisch genauen Sicherheitskontrollen, von deutschem Schlangestehen keine Spur. Hundert Meter weiter vorne laufen schon die Spieler auf die Leinwand. Dann die Hymne und - nichts. Eher kleinlaut pressen hier und da einige Bemalte "Einigkeit und Recht und Freiheit" zwischen den Zähnen hervor, auf halbem Wege erstirbt der Gesang, macht ja keiner mit. Immerhin dämpft sich der Lärm der 20.000 während der Strophe zu Gemurmel.

 

 Die lautlose Hymne - mit 20.000 Fans in Hannover. Man hört nichts? Genau. (11s, 321Kb)

 

Zwischen diesem Spiel und dem nächsten kann sich der müßige Fan mit Zählen die Zeit vertreiben. In der Vorstadtstraße in Hannover-Kleefeld haben erst zwei Autos Fähnchen, dann vier, dann hat einer zwei gleichzeitig, dann hat einer vier gleichzeitig. Bei Bäcker Pieper steht eine Sieben-Meter-Fahne vor dem Laden, beim "Wurstbasar" die gleiche. Der "Wurstbasar" hieß vor der WM auch schon so orientalisch-international - nur damit keine Missverständnisse aufkommen. Und schließlich hängt auch beim verrenteten Dachdecker, der die Treppe nicht mehr hochkommt und deshalb ins Erdgeschoss gezogen ist, eine kleine Fahne ordentlich im Küchenfenster, und fällt kaum noch auf.

 

Party oder Patriotismus?

 

 

 Das Deutschland-Merchandising ist
 längst aus den Kinderschuhen raus.

Fällt kaum noch auf. So normal ist die Beflaggung geworden. Man denke einige Monate zurück, an den Herbst 2005, den oft fast lethargischen Missmut über die nicht gewollte schwarz-rote Zwangsehe, den offenen Missmut über fünf Millionen Arbeitslose. So kurz liegt das nur zurück. Und vor diesen wenigen Monaten hätte Falafel Amir mit seiner Fahne mindestens für grobe Verwunderung gesorgt, das Schuhgeschäft für Kopfschütteln mit gerunzelter Stirn und Fahnen in Küchenfenstern für schnelle Urteile über politische Positionen. Alles vorbei. "Patriotismus ist Party", schrieb unlängst eine bekannte Hamburger Wochenzeitung. Könnte stimmen, denn wie das mit Partys so ist: sie kommen über Nacht.

 

Dennoch, ob Patriotismus oder Party, diese P-Frage ist noch nicht beantwortet. Auch das eine deutsche Sache, vielleicht. Zurück auf dem Fanfest in Hannover, mit den 20.000 beim Eröffnungsspiel. In der ersten Halbzeit übt sich einer eifrig im ungewohnten Fahnenschwenken, versperrt nach hinten die Sicht. Da gibt jemand aus der letzten Reihe zumindest seine heiser gebrüllte Antwort auf die P-Frage. "Fahne runter!"

 

FOTOS: Sönke Klug

 

VON SÖNKE KLUG

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