| Das Patriarchat in Kochbüchern | ||||||
Wenn kleine Mädchen zuviel lesen, enden sie als alte Jungfern. Denn Bücher unter der Bettdecke blättern verursacht schlechte Augen. Und mit einer dicken Brille bekommt man keinen Ehemann. Diese und ähnliche Lehrgeschichten haben lange Zeit ein absurdes Bild der Frau diktiert.
Im Deutschen Kochbuchmuseum im Westfalenpark wird gezeigt, wie junge Frauen zu Dronen im hauswirtschaftlichen Bereich erzogen wurden. Als roter Faden leiten die Bücher von Henriette Davidis durch die Ausstellung, die inhaltlich um 1845 beginnt und in den 50er Jahren endet. Dortmunds bekannteste Kochbuch-Autorin hat ihre Leben (1801-1876) der Küche verschrieben. Ganz nebenbei enthalten ihre Werke auch Benimm- und Anstandsregeln.
"Schweigsam und artig" heißt es oft in ihren Büchern, auch "möglichst geräuschlos". So finden sich zudem etliche Stickarbeiten, deren "Unser Heim sei reinlich"-Dogmatik nur noch als Mahnung für die Hausfrau gesehen werden kann. Dass die fleißigen Hände nie ruhen sollten, zeigen bemalte Salzfässer und gehäkelte Zwiebelkörbe.
Da überrascht es kaum noch, dass Kleinkinder weiblichen Geschlechts bereits ab vier Jahren Strümpfe stricken konnten und Schulkinder als Hausaufgabe Sticktücher ("Schalke 1882, Elise Schulte, Schülerin") einreichten.
Noch eine Schippe mehr
In dem Gebäude der Bundesgartenschau aus dem Jahr 1959 werden neben zahlreichen Buchoriginalen zum Thema Kochen, Essen und Trinken auch Unterweisungen in Gartenarbeit und Umgang mit Dienstpersonal - natürlich nur für jene die "gut geheiratet" haben - präsentiert. Küchenmöbel- und Utensilien beleben die Ausstellung ebenso wie großformatige Fotos. Zahlreiche Öfen machen die Küchengeschichte plastisch. "Damals musste der Ofen nicht auf 180 Grad geheizt werden. Da wurden noch Schippen Kohle nachgelegt", erklärt die Museumsangestellte Ursula Kusnierz. Kanonenöfen, Weck-Gläser, Bügeleisen, Fliegenschränke und Fleischwölfe aus über 100 Jahren wecken bei Generationen Erinnerungen und lassen Jüngere staunend zurück.
"Es ist ein wunderschöner Arbeitsplatz", schwärmt die Museumsangestellte. "Andere Leute fahren zur Kur, ich gehe jeden Tag ins Museum." Besucht ist das 1988 eröffnete Museum "immer so wie der Park". Interessierte kämen meist "zögernd" durch die Eingangstür. Das Vorurteil im Kochbuchmuseum nur auf "alte Bücher" zu stoßen, müsse erstmal entschärft werden. Doch dann "erinnern sich insbesondere Ältere an ihre Jugend und gehen eigentlich ganz glücklich wieder raus". Dabei lässt das Museum Klassenunterschiede ebensowenig außer Acht wie die Diskrepanz des weiblichen Alltags beispielweise in Zeiten des Krieges gegenüber denen des Aufschwungs in den 50er Jahren. Hatte doch auch jede Zeit ihre Kochbücher. "In der Kriegszeit ging es dann darum, wie man mit weniger etwas Gutes kochen kann", weiß Kusnierz über die Ratgeber für Frauen. Diese haben unabhängig von Überfluss oder Not zumindest eins gemeinsam: Gute Tipps für den Umgang mit Männern, der angeblich gar nicht so schwer ist.
"Das Gemüseposter hätte ich gern", sagt eine ältere Dame nach ihrem Museumsbesuch. Als sie mit der Papierrolle unter dem Arm zum Ausgang geht, fragt ihr Begleiter was sie gekauft hat. "Ein Bild für unsere Küche, Schatz". Soviel zum Patriarchat.
Fotos: Larissa Beu | ||||||
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VON LARISSA BEU, LARS SCHALL |
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