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Im Falle einer Panik – das Stadion als Falle?

Das Stadion - kein sicherer Ort?

Im Dortmunder Stadion stellten zwei Experten für Brandschutz und Evakuierung  der Stiftung Warentest "deutliche Mängel" fest: Keine Fluchttore in Richtung Innenraum an Nord- und Südtribüne, teils lange und komplizierte Fluchtwege, zu hohe und unregelmäßige Stufen auf den Rängen. Die Stadt Dortmund sowie die Betreiber des Stadions weisen die Sicherheitsbedenken jedoch zurück.

 

"Unser Stadion hat sich in mehr als 100 internationalen Spielen bewährt", sagt Christian Hockenjos, Geschäftsführer der Außenstelle Dortmund des WM-Organisationskomitees. Experten des Bauordnungsamtes der Stadt Dortmund und der Feuerwehr hatten das Stadion erneut auf seine Sicherheit überprüft. "Das Dortmunder Stadion ist sicher - kein Fan muss sich Sorgen machen", fasst Udo Bullerdieck von der Pressestelle der Stadt das Ergebnis zusammen. Er verweist zudem auf die Rückendeckung von ganz oben: "Landesbauminister Oliver Wittke hat uns in unseren Aussagen bestätigt."

 

 

Die Studie im Magazin "test" sorgte
für einen Medienrummel. 

Doch die Stiftung Warentest unterstrich, dass es bei ihrer Untersuchung nicht darauf ankam, die Stadien nach gesetzlichen Vorschriften zu untersuchen. Sie stütze sich vielmehr auf aktuelle Erkenntnisse aus Wissenschaft und Technik. Die werden jedoch rund ums Stadion nur minimal berücksichtigt. "Ich habe zwar ein eigenes Interesse an diesem Thema, aber ob solche Studien in die Realität umzusetzen sind, ist eine andere Frage", sagt Axel Jeschka vom Bauordnungsamt Dortmund. Er ist verantwortlich für den Bezirk Innenstadt, in dem auch das Stadion liegt. "Für uns sind die Rechtsnormen bindend – das ist ein anderer Schwerpunkt." Auch Rüdiger Billeb von der Polizei Dortmund erklärt: "Polizeiliche Konzepte für den Einsatz bei Fußballspielen basieren nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen." Er leitet bei Heimspielen des BVB die Führungsgruppe im und rund ums Stadion und ist Mitarbeiter im Polizei-Projekt "Sicherheit" während der WM.

 

Stiftung Warentest will Flucht aufs Spielfeld – FIFA eher nicht

 

Die Stiftung Warentest-Experten hatten kritisiert, dass die Zuschauer in Dortmund im Falle einer Panik nicht einfach auf das Spielfeld flüchten können, weil ein Höhenunterschied zwischen Tribüne und Spielfeld von 1,70 Metern sowie Zäune an Nord- und Südtribüne dies verhindern würden. Doch hier kommt eine dritte Ebene hinzu, denn die FIFA gibt ebenfalls Sicherheitsrichtlinien vor: "Der Innenraum der Spielstätte ist durch eine etwa 2,20 Meter hohe Einzäunung oder einen schwer überwindbaren Graben vor unbefugtem Betreten zu sichern", heißt es dort - wobei Dortmund für die geringere Höhe eine Sondererlaubnis erhalten hat. "Das ist kein Problem, da unser Entfluchtungskonzept anders aussieht - aus dem Stadion heraus", erklärt Pressesprecher Udo Bullerdieck. Gesetzliche Vorgaben, Richtlinien der FIFA, wissenschaftliche Erkenntnisse - und der Fan mitten drin.

 

In Dortmund scheinen die Experten der Stiftung jedoch nicht aufmerksam genug gearbeitet zu haben: Sie bemängelten fehlende Fluchttore in den Zäunen an Nord- und Südtribüne. "Die Zäune haben jedoch Rettungstore", sagt Rüdiger Billeb von der Polizei Dortmund. "Zudem ist das eigentlich unwichtig, denn die Zäune werden vor der WM abgebaut", erklärt er weiter. Die Stiftung Warentest wollte diesen Einwand nicht kommentieren, hält an ihrer Aussage fest.

 

Polizei-Experte Rüdiger Billeb über Zäune, Tore, Mundlöcher und das "Entfluchten" (47s/190 KB) 

 

Die Spieler machen's vor
- nach oben orientieren. 

Bei den Planungen für eine mögliche Flucht gehen die Meinungen ohnehin auseinander: Während die Stiftung Warentest eine Evakuierung über das Spielfeld favorisiert, planen Stadt und Betreiber eher, die Menschen durch das Stadion heraus zu leiten. Polizei-Experte Billeb ist der Meinung, die Masse werde im Falle einer Panik durch die Mundlöcher – die Verbindungen zwischen Tribüne und Treppengängen – nach hinten fliehen.

 

Tatsächlich ist das Fluchtverhalten der Zuschauer nur schwer einzuschätzen. Axel Jeschka vom Bauordnungsamt Dortmund führt Berichte von Sachverständigen aus den USA an: "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – er will auf dem Weg zurück gehen, auf dem er hergekommen ist." Auch die Experten der Stiftung Warentest vergleichen die Fanmassen im Falle einer Panik mit Tieren: Wie eine Büffelherde würden sie kopflos nach vorn Richtung Spielfeld stürmen. "Herdentrieb und Instinkt – diese Begriffe lassen sich nach neuester Auffassung auf das Verhalten des Menschen nur schwer anwenden", sagt hingegen Roland Neumann, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Dortmund. Die menschliche Motivation sei viel komplexer, Verhaltensvorhersagen kaum möglich.

 

Die Tragödie von Heysel als mahnendes Beispiel

 

Neumanns Auffassung nach ist die Frage nach dem Fluchtverhalten der Menschen in einem Stadion generell schwer zu beantworten. Viele Merkmale der Situation spielen eine wichtige Rolle: Hat der Fan Ähnliches bereits erlebt? Kennt er das Stadion? Ist er alkoholisiert und in welcher Gruppe befindet er sich? "Erregung zum Beispiel führt dazu, dass ich weniger darüber nachdenke, was am besten in der Situation zu tun ist", sagt er. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, neige der Mensch dazu, sein Verhalten dem der anderen anzupassen – das sei aber kein Herdentrieb, sondern eigentlich eine intelligente Strategie. "So kann es allerdings auch passieren, dass das Fehlverhalten eines Einzelnen fatale Folgen hat", erklärt er und verweist auf die Tragödie im Brüsseler Heyselstadion 1985 – bei einer Panik starben 39 Menschen, 400 wurden verletzt. "Dort haben sich viele Menschen einheitlich entschieden – allerdings einheitlich falsch", sagt er.

 

 

Unregelmäßige Stufen, steile
Abgänge - bei Panik eine Gefahr. 

Festzuhalten bleibt: Das Dortmunder Stadion erfüllt die gesetzlichen Vorgaben bis auf wenige Ausnahmen, wie Udo Bullerdieck von der Pressestelle der Stadt mitteilt. Die städtische Kommission habe bei ihrer eigenen Untersuchung Mängel an vier Stufen ausgemacht, die der BVB kurzfristig beheben werde. Ein Hinweisschild wurde bereits geändert, die gesamte Beschilderung der Fluchtwege soll noch einmal intensiver überprüft werden. Die bautechnischen Vorgaben beziehen jedoch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse nur zu einem geringen Maße ein – ein Kritikpunkt der Experten auf dem Gebiet der Evakuierung und des Fluchtverhaltens von Massen. Doch welche Ansätze realisiert werden sollten, darüber sind sich die Experten nicht einig. "Viele Punkte laufen auf einen Gelehrtenstreit hinaus", sagt OK-Dortmund-Chef Hockenjos. Dem Fan nutzt das freilich wenig. Er sollte sich im Falle einer Panik an den anderen Zuschauern orientieren, dabei allerdings nicht blind hinterher laufen – damit das Stadion nicht zur Falle wird.

 

FOTOS: Simon Bückle/Stiftung Warentest/Firo Sportphoto

VON SIMON BÜCKLE

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