| Der, die, das Ball | ||||||||||||
Fußball Weltmeisterschaft 1966, Wembleystadion. Hans Tilkowski springt, hält den Ball aber nicht. England wird Weltmeister. Diejenigen, die damals beim Spiel mitgefiebert haben, können die entscheidenden Minuten beim Anblick der Fassade der Hausnummer 158 in der Münsterstraße noch einmal Revue passieren lassen.
Bei Wind und Wetter und mit Liebe zum Detail haben drei Dortmunder Künstler den ehemaligen National- und BVB-Torwart und seinen Teamkollegen Alfred Preißler auf den Außenmauern des Hauses verewigt. Mehr als 300 Arbeitsstunden, 15 schwarze und blaue Filzstifte, rund 75 Liter Farbe und etliche Pinsel haben die beiden Maler Alexandra und Ulrich Perchner gebraucht, um die Dortmunder Nordstadt ein gutes Stück farbenfroher zu machen.
Anstoß
Über die Zeitung hatte Hauseigentümer Klaus Wegener von der Möglichkeit erfahren, im Rahmen des URBAN II Projektes "Bilderflut" seine Hausfassade verschönern zu lassen: "Das Haus hat eine herrliche Fassade, die sich für ein großes Motiv eignet. Es war vorher mit normalem Anstrich zwar hübsch, aber etwas lustlos und Bilderflut bietet die Möglichkeit - im wahrsten Sinne des Wortes - ein bisschen Farbe hier in die Nordstadt zu bringen", sagt Wegener und blickt stolz auf die fast fertige Fassade.
Vom Bild zur Sprache und zurück
"Bilderflut" wurde 1999 von dem Künstler Uwe Rothe gemeinsam mit dem Planerladen, der seit mehr als 20 Jahren in der Nordstadt aktiv ist, ins Leben
gerufen. Das Image des Stadtteils aufzuwerten und über Kinder- und Jugendbeteiligungen Identifikation mit dem und Verantwortung für den Stadtteil zu schaffen, sind die Ziele von "Bilderflut". In Kooperation mit dem Jugendamt und den Schulen des Viertels entsteht ein kultureller Wanderpfad, der nicht nur den Stadtteil verschönern, sondern auch zum Nachdenken anregen will.
"Vom Bild zur Sprache und Zurück" - jedes Motiv enthält neben Bild- auch Sprachelemente. "Bilderflut ist ein Lexikon der Stadt, mit dem wir Wissen vermitteln wollen. Insbesondere im Rahmen der Beteiligungsverfahren beschäftigen sich die Jugendlichen mit dem gewählten Thema und finden, erfinden gemeinsam mit uns die Worte, die dann auf die Fassade kommen", erklärt Tülin Kabis-Staubach, Architektin und Vorstand des Planerladen e.V. Bei den bisherigen sechs "Bilderflut"-Wandbildern reichte die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen von Fragebogenaktionen, in denen sie Worte und Assoziationen zum jeweiligen Thema finden, bis zur Beteiligung an den Malerarbeiten. Neben privaten Hauswänden wurden bisher vor allem öffentliche Gebäude neu gestaltet.
"Dat Unterbewusstsein iss dat, wo der Mensch nix für kann"
Diese Fußballweisheit des ehemaligen BVB Spielers Adi Preißler prangt seit Mai auf der Seitenwand des Hauses in der Münsterstraße. Die Nordstadt als Gründungsstadtteil des BVB 09, die unmittelbare Nähe zur Sporthalle Nord und nicht zuletzt die Fußball-Weltmeisterschaft waren für Hauseigentümer und Künstler Grund genug, das Thema Fußball in das "Lexikon der Stadt" aufzunehmen. Die Idee für das Motiv entstand gemeinsam. "Fußball ist hier in Dortmund immer ein aktuelles Thema und wird auch immer eins sein", begründet Wegener die Wahl des Motivs. Neben Preißlers Zitaten findet man Worte rund um den Ball. Die wurden von Jugendlichen verschiedener Schulen und der Jugendfreizeitstätte "Konkret" "erfunden und gefunden",wie Tülin Kabis-Staubach den Prozess beschreibt.
Als zugleich städtebauliches und künstlerisches Projekt wurde Bilderflut im Dezember 2005 in das Programm der EU-Initiative URBAN II aufgenommen und wird bis 2007 mit 173.000 € gefördert.
Malen nach Zahlen
Sobald die Fassade des viergeschossigen Hauses mit einem Gerüst verkleidet ist, beginnt die eigentliche Arbeit. Mit Reißleine und blauer Kreide bringen Alex und Uli Perchner senkrechte und waagerechte Linien auf die Wand, so dass ein Raster entsteht. Die Computervorlage, von der die beiden abmalen, zeigt das gleiche Muster. "Das ist dann wie Malen nach Zahlen", erklärt Perchner. Innerhalb der Rasterflächen wird dann das Motiv mit Filzstift vorgezeichnet und die entstandenen Flächen mit Buchstaben gekennzeichnet, die vorher den Farben zugeordnet wurden. Für den Beobachter ein langatmiger und unspektakulärer Job, der über mehrere Tage keinen wirklich sichtbaren Fortschritt bringt.
Höhenangst darf man bei diesem Job nicht haben. Aber auch ein alter Hase wie Uli Perchner ist nicht völlig schwindelfrei: "Man wird ein bisschen verkrampfter ganz oben. Da hat man nur eine Bohle unter den Füßen, da wird es schon mal ganz schön mulmig. Das Problem ist, wenn Du nichts mehr über Dir hast und links und rechts nur noch eine Stange, dann wird’s unangenehm." Seit 20 Jahren kreieren sie Wandbilder. Früher als Sprayer, heute mit Eimer und Farbe.
Verlängerung
Innerhalb von zwei Tagen erhält die Front des Hauses den ersten Farbanstrich. Einige Tage später auch die Seitenwand. Drei bis vier Farbschichten müssen aufgetragen werden, damit der Anstrich mindestens zehn Jahre hält und die Farben frisch aussehen, leuchten und richtig decken. Mit jeder Schicht müssen Uli und Alex unpräzise Formen und falsche Farben korrigieren. Ein so großes Motiv ist eben trotz exaktem Raster nicht so richtig überschaubar. Während Alex Perchner Farben und Ränder nachzieht, geht Uli Perchner das gesamte Motiv von oben nach unten durch, Raster für Raster und kontrolliert ein letztes Mal die gemeinsame Arbeit.
Hochstimmung macht sich im gesamten Team breit. Nach fast vier Wochen Arbeit an der Fassade ist die Fertigstellung des Motivs und damit das Ende des Projektes in Sicht. "Das ist immer wieder aufs Neue faszinierend zu sehen, wie es entsteht; von der ersten Idee bis hinterher das Bild an der Wand ist. Das Faszinierendste überhaupt ist die unterschiedliche Wirkung, je nach Tageszeit, je nach Beleuchtungsverhältnissen und wenn ich, nachdem das Bild fertig ist, hier vorbei fahre und höre, wie Passanten auf das Bild reagieren", sagt Rothe und man bemerkt seine Vorfreude darauf, das Wandbild endlich ohne Baugerüst zu sehen.
Finale
Der letzte Schritt, die Schrift muss auf die Fassade. Innerhalb weniger Bis zum nächsten Sommer entstehen zehn weitere Wandbilder, u.a. an der Kindertagesstätte "MulitKulti" in der Münsterstraße, dem Kinder- und Jugendtreff "Kezz" in der Martha-Gillesen-Straße und der Jugendfreizeitstätte "Konkret" in der Burgholzstraße.
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Nach der Vollendung des Bildes vergehen noch einmal vier Wochen bis zur offiziellen Vorstellung durch den Stadtrat Ullrich Sierau, der als Planungsdezernent für die Umsetzung der URBAN II Maßnahmen in Dortmund verantwortlich ist. Alex und Uli Perchner sind zum ersten Mal wieder hier. Alex Perchner ist von der Leuchtkraft der Farben begeistert: "Ist echt schön geworden. Aber mit dem Kopf ist man schon wieder weiter."
FOTOS/VIDEOS: Annika Zeitler | ||||||||||||
|
|
||||||||||||
|
|
||||||||||||



