| Rote Karte für Gelsenkirchen | ||||||
Mangelhaft! Ein solches Zeugnis stellt niemand "auf Schalke" aus, ohne ungeschoren davon zu kommen. Die Stiftung Warentest erteilte nach knapp achtstündiger Prüfung der neu gebauten Veltins-Arena die rote Karte, weil Zufluchtswege in den Innenraum verbaut sind, das Mobiliar im VIP-Bereich brennbar ist und Hydranten zum Löschen fehlen. Diesem vernichtenden Urteil begegneten die Königsblauen bereits fünf Stunden nach Bekanntwerden in einer Pressekonferenz mit klaren Ansagen. Kurz: Auf Schalke entzog man der Studie den Boden.
Auf Forderungen des Vereins, die vorhandenen Gutachten und verantwortlichen Behörden in das Prüfverfahren mit einzubeziehen, sei Stiftung Warentest nicht eingegangen. Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) dazu: "Stiftung Warentest hat sich zu keiner Zeit mit der Genehmigungsbehörde in Verbindung gesetzt. Das verwundert uns sehr." Mehr noch: Baranowski hält die Grundannahme, dass Menschen in einer Paniksituation in den Innenraum flüchten, für "komplett falsch". Gutachten für die Veltins-Arena zeigten, dass die Besucher vielmehr nach oben strömten. "Damit ist der Wertung der Boden entzogen."
FIFA schießt sich ins eigene Knie
Kurios: Bei Bundesligaspielen ist die Fluchtmöglichkeit in den Innenraum der Veltins-Arena gewährleistet - es gibt besagte Brücken. Für die Zeit der WM aber hat die FIFA eigens die sprichtwörtliche Mauer des Anstoßes gefordert: "Der Innenraum der Spielstätte ist durch eine etwa 2,20 Meter hohe Einzäunung oder einen schwer überwindbaren Graben vor unbefugtem Betreten zu sichern." So steht es geschrieben in den FIFA-Sicherheitsrichtlinien. Damit schieße sich der Verband ins eigene Knie, skandiert man "auf Schalke". Dennoch: Die Sicherheitsforderungen nimmt man ernst. Ebenso die Angst vor Paniksituationen. Die Gelsenkirchener Polizei hat sofort nach dem Auslosungsverfahren die Einheiten und das Sicherheits-Training aufgestockt, weil das Team der USA hier zu Gast ist.
Für jedes Rockkonzert gibt es eine eigene Baugenehmigung
Beruhigend: Seit der Eröffnung der Arena im August 2001 gab es laut Aussage des Schalke-Clubs bei den 163 Großveranstaltungen und rund neun Millionen Besuchern keinen einzigen Zwischenfall. Die Sicherheit im Stadion steht, so der technische Leiter der Arena, Ulrich Dargel, ständig auf dem Prüfstand: "Für jedes Rockkonzert, für jeden Biathlon oder andere Großereignisse müssen wir eine eigene Baugenehmigung beantragen." Da könne man nicht jedes Mal korrupt reagieren, sagt er mit Blick auf die von Peter Danckert, Vorsitzender des Parlaments-Sportausschusses, geäußerte Kritik, in manchen WM-Stadien sei die Bauprüfung vermutlich nicht ernsthaft durchgezogen worden, die Prüfer seien wohl lediglich gut bewirtet worden.
Fernseher als Wurfgeschosse
Auch andere Punkte halten den Argumenten der Königsblauen nicht stand: Die Tester haben u.a. die angebrachten Fernseher in der Veltins-Arena bemängelt; sie könnten von den Fans abmontiert und als Wurfgeschosse benutzt werden. Peter Peters, Vorstand von Schalke 04, dazu: "Die Geräte sind massiv angeschraubt und hängen 3,50 Meter hoch. Einfach lächerlich." Auch die Kritik am fehlenden Brandschutz lässt er nicht gelten: "Es wurde alles intensiv mit der Feuerwehr geplant." Branddirektor Michael Axinger bestätigte das auf der Pressekonferenz.
Für Ex-OB Wittke hört der Spaß hier auf
"Mecker" bekommen die Warentester noch von ganz anderer Seite. NRWs Bauminister Oliver Wittke schimpft: "Die oberflächliche Herangehensweise der Stiftung ist wenig zielführend." Der Spaß höre hier auf, weil Kritikpunkte überhaupt nicht konkretisiert würden. Die Arena sei in Einvernehmen mit dem zur Bauzeit (1998 bis 2001) geltendem Baurecht und den Versammlungsordnungen errichtet worden. Wittke (CDU) muss es wissen: Zu dem Zeitpunkt war er noch Gelsenkirchens OB.
Angekratztes Image
Allerdings: Der Spaß hört hier wirklich auf. Denn die Arena ist das Aushängeschild von Schalke 04 und der Kommune. Und dessen Image als eines der modernsten Stadien in Europa und als sicherer Veranstaltungsort ist nun definitiv angekratzt. Hartgesottene Fans wie Michael Girschol halten den Rummel zwar für lächerlich: "Bisher habe ich mir bei einer Bundesliga-Partie oder Champions-League-Begegnung nie den Kopf darüber zerbrochen. Unsere Arena ist doch sicher." Aber nicht jeder Besucher denkt so. Um die Verunsicherung zu stoppen, behält man sich juristische Schritte vor und hat die örtliche SPD-Ratsfraktion beantragt, dass der Sportausschuss in seiner nächsten Sitzung im Februar über die Situation diskutiert. Sicher ohne fürstliche Bewirtung.
FOTOS: Ina Retkowitz | ||||||
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