| Mehr als tausend Worte | ||||||||||
Humor ist, wenn man trotzdem lacht, dies scheint zumindest das Motto der Alzheimer Gesellschaft in Dortmund. Die betroffenen Angehörigen finden dort ebenso zusammen, wie die Erkrankten. Und während die einen Rat, Hilfe, Verständnis und immer offene Ohren finden, trainieren die anderen ihr Gedächtnis.
Der hünenhafte Mann am Tischende erzählt, dass seine Frau täglich nur noch knapp zehn Worte spricht. Alles ist anders, seit ihrer Krankheit. Früher war sie an seiner Seite "ganz Frau" und im Haus "der Chef". Jetzt muss er sich mühsam "die Küche erobern". Aber vor einiger Zeit, nach einem Mittagessen, hat er zu seiner Frau gesagt: "Du hast wirklich einen guten Mann." Nur so im Scherz - wie früher - als sie sich gern gegenseitig auf den Arm nahmen. An jenem Tag hat sie ihm geantwortet: "Einen sehr guten."
Der ältere Herr schiebt die Brille zurecht, schluckt schwer und erklärt, dass aus der Partnerin für ihn noch lange keine Patientin geworden ist. Sein Nachbar stiftet ihm bei. Oft stehe er vor seiner Frau, verstehe nicht, wie sie handelt, wolle sie schütteln, wach machen. Doch dann "denke ich immer wieder: Mein armes Mädchen, du kannst ja gar nichts dafür und fühle mich ihr ganz nah, verantwortlich".
Wie es ist, im Alltag mit Alzheimer-Erkrankten zu leben, kann sich "keiner vorstellen, der nicht betroffen ist". So lautet die einhellige Meinung der Gruppe und wer ein bischen zuhört, muss ihnen recht geben. Da ist die Rede von Windeln für Erwachsene, von Freunden die sich zurückziehen, von einer Anhänglichkeit, die dem gesunden Partner manchmal kaum Raum zum Atmen lässt und ständiger, quälender Unruhe. "Wir sprechen über unsere Kranken, geben uns Kraft, stützen uns", so das Fazit der Anghörigen.
Die Oma als Hobby
Einen Raum weiter treffen ehrenamtliche Betreuer mit den Alzheimer-Erkrankten zusammen. Es wird gebastelt, gesungen, geturnt. Für die Angehörigen ein gutes Gefühl: Es sei wohltuend zu sehen, dass die Ehrenamtler liebevoll mit den Kranken umgehen.
Oft sind es ehemalige betroffene Angehörige, die nach dem Verlust ihrer Kranken als Ehrenamtler weiterarbeiten. Eben weil sie um die Not und Hilfsbedüfrtigkeit der Familien wissen. Auf Reisen und kleineren Ausflugsfahrten ermöglichen die Betreuer den Angehörigen seit 1996 Auszeiten vom stressigen Alltag mit den Alzheimer-Erkrankten. "Ich wollte immer etwas Ehrenamtliches machen", erklärt die Leiterin des Angehörigengesprächskreises, Johanna Kossmann, die selbst 13 Jahre lang die Mutter ihres Mannes mit gepflegt hat. "In der Zeit war Oma unser Hobby", berichtet die Lehrerin heute. "Nach dem Tod meiner Schwiegermutter war dann für meine Mutter und mich klar, wir bleiben dabei. Wenn man einmal mitbekommt, wie wenig Lobby sowas hat..." Ihre Zeit - zehn bis fünfzehn Stunden wöchentlich - investiert sie gern in die Gruppe. "Ich habe schließlich viele der Erfahrungen bereits gemacht und kann viele Ratschläge geben."
15 Jahre kompetente Hilfe
Im Winter vor 15 Jahren wurde die Alzheimer Gesellschaft Dortmund e.V. gegründet. Eine ehrenamtlich arbeitende Selbsthilfegruppe gab es bereits seit März 1989. Seither fanden bei den Treffen viele Betroffene kompetenten Rat und neuen Mut.
Wichtig ist vor allem, zu lernen mit der Krankheit umzugehen. "Man kann seinen eigenen Willen nicht durchsetzen, es dauert Jahre bevor man das begreift", erläutert eine Angehörige. Wenn die Betroffenen beispielsweise Probleme mit Spiegeln in der Wohnung haben, weil die darin angesprochene Person nicht antwortet und dies die Kranken aufregt, sollte man "nicht widersprechen, sondern einfach die Spiegel abhängen", weiß Kossmann heute. Die veränderte Welt nach Krankheitsbeginn hat eigene Gesetze. Und dabei ist längst "nicht jeder Krankheitsverlauf gleich".
Unmerklicher Beginn
Alzheimer bedeutet eine degenerative Krankheit des Gehirns, während deren Verlauf die Nervenzellen des Gehirns irreversibel zerstört werden. Von den ersten Symptomen bis zum Tod dauert die Erkrankung durchschnittlich sieben Jahre. Charakteristisch für Alzheimer ist der schleichende, nahezu unmerkliche Beginn. Die Lern- und Reaktionsfähigkeit nimmt ab, Orientierungsstörungen tauchen auf. Kranke werden antriebsschwächer und verschlossener. Körperpflege oder Nahrungsaufnahme sind allein nicht mehr zu schaffen. Viele Patienten reagieren mit Wut, Angst, Scham, Niedergeschlagenheit. Aggressionen und Depressionen treten verstärkt auf. Im Spätstadium werden Familienmitglieder nicht mehr erkannt, verbale Verständigung ist unmöglich. Die Ursachen der Alzheimer-Krankheit sind bislang noch unzureichend erforscht. Genetische Faktoren spielen jedoch eine untergeordnete Rolle. Hauptrisikofaktor ist das Alter. Während weniger als drei Prozent der 65- bis 70-Jährigen erkranken, ist im Alter von 80 Jahren rund jeder Fünfte, mit 90 Jahren jeder Dritte betroffen.
Liebe als Schlüssel
Vorträge der 1995 vom Bundesministerium für Familie und Senioren ausgezeichneten Alzheimer Gesellschaft in Dortmund sollen die Betroffenen aufklären. Fachkräfte unterstützen Kranke auch im häuslichen Bereich. Doch neben dem Wissen um die Krankheit und die fachliche Hilfe brauchen betroffene Angehörige vor allen Dingen eins, da ist sich die Dortmunder Gruppe sicher: "Liebe. Denn wenn man sich an früher erinnert, ist das natürlich schon schmerzlich."
Der Arzt, der die Krankheit 1906 erstmals als Erkrankung physiologischen und nicht psychologischen Ursprungs diagnostizierte hieß Alois, Alois Alzheimer.
FOTOS: Larissa Beu | ||||||||||
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