| Deutschlandreise (2) - "Es gibt Wichtigeres" | ||||||
Streit und Aufruhr haben in Marburg Tradition. Darüber kann die verwinkelte, hügelige Altstadt mit Fachwerk und Mittelalterflair nur notdürftig hinwegtäuschen.
Schon auf dem Weg in die Stadt an der Lahn steht an der Bundesstraße ein Schild: "Von der B3 Autolärm und Gestank - machen uns krank". Das ist die eine Seite. Direkt darunter allerdings hängt ein weiteres Schild. "Hausmacher Wurstwaren zu verkaufen." Marburger Aufruhr und deutscher Pragmatismus proben die in diesen Tagen viel besungene Einigkeit.
Dennoch, Streit ist in Marburg allgegenwärtig, nicht erst seit 1529, als Luther und sein reformatorischer Kontrahent Zwingli sich im Landgrafenschloss nicht auf die korrekte Übersetzung der biblischen Abendmahlsszene einigen konnten. Was Europa spaltete. Auch heute stehen sich in der Studentenstadt Lager gegenüber. Auf der einen Seite die traditionell konservativen Burschenschaften, auf der anderen Seite die traditionell linken Politikstudenten in Marx-und-Engels-T-Shirts. Eine Demo mehr gegen Studiengebühren ist gerade vertagt, dafür ist morgen Asta-Vollversammlung, und aus vielen Fenstern hängen Bettlaken, auf denen Bildung als "Grundnahrungsmittel" und als "Menschenrecht" eingefordert wird.
"Diese ganzen Konflikte deckt die WM mit ihrer Friede, Freude, Eierkuchen-Stimmung völlig zu", sagt Politikstudent Michael Zok. Klar, "Völkerverständigung bei so einem Ereignis ist super", aber "es gibt im Moment auch Wichtigeres". Zok ist gegen den "Hype", wie er sagt, und die bundesdeutsche Flagge vor seinem Haus, "die hab auch nicht ich aufgehängt", beeilt er sich zu sagen. Ein neuer Patriotismus in "gesunden Maßen", das hält er für in Ordnung, aber "ich sehe die Gefahr, dass das überspitzt wird. Kann aber auch sein, dass ich paranoid bin. Wenn all die Fahnen und die Fröhlichkeit zu einem besseren Image von Deutschland im Ausland beitragen, ist das auf jeden Fall gut." Doch wohin die Veränderung in Deutschland geht, ist für ihn noch nicht abzusehen. Immerhin sei auf das "Wunder von Bern" 1954 auch gleich die Wiederbewaffnung gefolgt, sagt Zok und streicht sich nachdenklich durch den Kinnbart. Wo es auch hingeht, "wir sind noch mittendrin".
Mittendrin ist Marburg nur bedingt - kein Stadion, keine beherbergte Mannschaft, aber die üblichen schwarz-rot-goldenen Devotionalien in den Fachwerkgassen. Immerhin, das Restaurant "Bückingsgarten", direkt unter dem die Stadt überblickenden Landgrafenschloss, hat "Miro Kloses Lieblingsessen" herausgefunden und angeboten: Putenschnitzel mit Bratkartoffeln und Salat für 9,80 Euro. Oben im Schloss verkauft Patrick Claar Eintrittskarten an die internationalen Fans, die vor dem nächsten Spiel deutsche Kultur erleben wollen. "Da kamen Argentinier, Ghanaer, Italiener, aber insgesamt hält es sich in Grenzen", sagt er. Dabei könnten deutschlandreisende Fans hier hessische Skurrilitäten sehen. Da wäre, nur um eine herauszugreifen, die kleine Holzmaske, über die man nebenstehend erfahren kann, sie sei ein "Kleienkotzer aus der Blockenmühle bei der Wommelshäuser Hütte an der Salzböde".
Trotzdem, Besucherströme hin oder her, die WM-Begeisterung tut Deutschland gut, da ist Patrick Claar sich sicher. "Wir waren eine ganze Zeit so zurückhaltend, aber es stimmt schon, man sollte mehr zu seinem Land stehen", sagt Claar. "Ich will's nicht hoffen, dass das nach der WM alles wieder verschwindet." Findet sein Kollege auch, Jörg Muth, der "das Deutschlandtrikot sogar schon mal durchs Wembley-Stadion getragen" hat, und zwar nicht als Fan, sondern mit der U16-Mannschaft, mit Stefan Reuter und Bodo Illgner. "Ich würd's jetzt ja auch hier tragen", sagt er und grinst, "darf ich aber nicht." Uniform ist Pflicht. Obwohl, wenn Deutschland ins Finale kommt, macht das Land Hessen sicher für Jörg Muth mal eine Ausnahme.
FOTOS: Sönke Klug
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