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"La Paloma" zum Abschied

Prof. Jürgen Heinrich bei seiner Abschiedsvorlesung.

Eines der schönsten Industriedenkmäler Deutschlands, die Kokerei Hansa in Huckarde, hatte sich das Institut für Journalistik (IfJ) der Uni Dortmund für seinen Institutstag am gestrigen Mittwoch, 24. Mai, ausgesucht. Besser gesagt: Die Journalistik-Studierenden, die erstmals die Veranstaltung und das Programm selbständig organisiert hatten.

 

Ein prall gefülltes Programm hatten die rund 200 Gäste vor der Brust. 58 Diplomurkunden, ein Rekord in der 30-jährigen Geschichte des IfJ, wurden überreicht - eine Änderung der Prüfungsordnung hatte viele noch zur Diplomarbeit gedrängt. Vor der Diplomübergabe hatte der beliebte Medienökonomie-Professor Jürgen Heinrich, der nach 26 Jahren am IfJ seinen Ruhestand antrat, seine Abschiedsvorlesung gegeben. Und nicht zuletzt wartete auf die Gäste eine hochrangig besetzte Podiumsdiskussion, bei der unter anderem Jörg Schönenborn, Journalistik-Absolvent und Chefredakteur Fernsehen des Westdeutschen Rundfunks (WDR), mitwirkte.

 

In seiner rund einstündigen Abschiedsvorlesung sprach Prof. Heinrich über das Thema "Wirtschaft in den Medien - Medien in der Wirtschaft: Anatomie einer komplexen Dreierbeziehung". Die Dreierbeziehung Wirtschaft - Medien - Wirtschaft, kurz WMW, reduzierte Heinrich auf WM - passend zum Jahr der Fußball-WM 2006. Doch beiseite mit den Scherzen, Heinrich ließ Zahlen sprechen: Das Wirtschaftsgut Medien produziert jährlich 35 Milliarden Euro Umsatz, beschäftigt 200.000 Menschen, davon 75.000 Journalisten. Ohne die klassischen Massenmedien Print, Fernsehen und Radio wäre die Werbeindustrie aufgeschmissen. Die Medien bezeichnete Heinrich als die weibliche Seite der Branche, die Wirtschaft als die männliche - mit all ihren Attributen.

 

Publikum wenig willig zu zahlen

 

 Prof. Heinrich erhielt einen Handball und einen Schal
des THW Kiel - dieser Sport ist seine Leidenschaft.

Auf das Thema Wirtschaft kann kein Massenmedium verzichten, es überspringt jegliche Ressortgrenzen bis in das Lokale hinein, auch wenn, wie Jürgen Heinrich einräumte, das Thema meistens trocken und seriös präsentiert wird. "Keiner überblickt den Apparat Wirtschaft wirklich", erklärte Heinrich.

 

Beim ungekehrten Fall, Medien in der Wirtschaft, forderte der Ökonom eine strikte Trennung von Werbung und Text. "Wenn Johannes B. Kerner Teueraktien von Billigfliegern anpreist oder die Süddeutsche Bücher verkauft, entstehen gefährliche Liebschaften", meint der in Kiel geborene Professor, der dort auch seinen Lebensabend mit Segelscholle und Seebrise verbringen wird.

 

Talk- und Quizshows statt Qualitätsjournalismus

 

Das Problem der heutigen Medien: Das Publikum ist nicht bereit, viel für das Gut Journalismus zu zahlen. Zeitungen für 10 Euro sind in Deutschland kaum denkbar. Entsprechend stark ist die Abhängigkeit von Werbeeinnahmen. Vergleichbar ist das Dilemma mit Billigfleisch. Sämtliche Appelle an die Verbraucher, auf Qualität zu achten und nicht ausschließlich auf den Preis, schlugen weitgehend fehl. Gleichzeitig steigen die Kosten für die Medienproduktion ständig – ein Teufelskreis. Günstigproduktionen wie Talk- oder Quizshows nehmen Überhand, Gottschalk und Jauch statt Leyendecker & Co. sind die Gewinner des Systems.

 

Die Wirtschaft zu zwingen, nur in qualitativ hochwertige Formate zu investieren, oder gar die Rezipienten zu zwingen, solche Formate zu sehen, ist selbstverständlich ausgeschlossen. "Die einzige Lösung: Eine reizende Darstellung, ohne die Inhalte zu verändern", sagte Heinrich, der im Anschluss an seinen Vortrag auf eigenen Wunsch mit dem Lied "La Paloma" verabschiedet wurde. Tränen kullerten. Hintergrund ist: Ursprünglicher Berufswunsch von Jürgen Heinrich war, Kapitän auf Hoher See zu werden. Mit kleinem Segelschein ausgestattet, schippert er heute über die flachen Gewässer.

 

Hochkarätig besetzes Podium

 

Zum Thema Journalismus diskutierten fünf Podiums-
gäste, unter ihnen Jörg Schönenborn (2.v.l.).

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde versucht, die Frage zu klären, wie der Journalismus in zehn Jahren aussieht. Unzweifelhaft ist: Die Informationen werden durch das Internet immer freier zugänglich, sagte Rainer Kurlemann, Chef vom Dienst bei der Rheinischen Post und bis April 2006 Leiter der Internetredaktion RP Online. Aufgabe des Journalismus sei, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, die Leute in ihrem Leben zu begleiten, Lebenshilfe und Nutzwert zu bieten. Die Medien als Vermittler, Erklärer. Dort, wo Medien die Kritikfunktion verloren geht oder einen Bedarf übrig lassen, zum Beispiel aus ökonomischen Zwängen, besorgen sich die Menschen die Kritik selbst, hat Prof. Christoph Neuberger von der Uni Münster erkannt.

 

Zum Beispiel im Internet, wo Produktkritik oder Politikerchecks heute Gang und Gäbe sind. An der Überbelastung von Journalisten, da machten die Podiumsteilnehmer den Absolventen keine Hoffnung, wird sich nichts ändern. Der WDR beispielsweise, sagte Jörg Schönenborn, produziert heute 50 Prozent mehr Programm als noch vor zehn Jahren, ohne die Mitarbeiterzahl gravierend verändert zu haben.

 

Bei der Absolventen- und Fachschaftsparty feierten die Journalistik-Studierenden bis tief in die Nacht in der "Alten Schmiede".

 

FOTOS: Daniel Gonzales

 Mehr zum Thema 

  Homepage des IfJ  


VON DANIEL GONZALES

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