| Zwischen Prügelstrafe und Schulnostalgie | ||||||||||||||
In den fünf Abteilungen des Westfälischen Schulmuseums in Dortmund finden Besucher die Wahrheit über die Prügelstrafe, Klassenzimmer wie vor 100 Jahren, die Schrecken und Manipulationen der NS-Zeit, die Ideen des projektbezogenen Unterrichts in der Weimarer Republik und vieles mehr.
Zwischen Schwefel, Petrolium und nostalgischen Streichholzschachteln gerade in die Welt des Physikunterrichts eingetaucht, wartet der Werdegang des Bleistiftes mit weniger bekannten Informationen zu Rohstoffen und Fertigung des traditionellen Schreibgeräts auf. Wilhelm Busch lacht von der Wand herunter auf eine Virtine in der Max und Moritz auf bayrisch noch die einzig verständliche Sprache scheint und eine Schreibgarnitur aus der Gründerzeit mit Siegel, Tintenfass und Feder zeigt Poesie an sich.
Bis zum 15. Januar kann der Besucher des Schulmuseums die Ausstellung "Ruff damit ins Ofenloch" - Alltägliche Chemie in den Bildergeschichten von Wilhelm Busch erleben und dabei vom Bierlexikon in die Geheimnisse des Honigmachens samt Imkerhaube und Honigschleuder wandeln.
Neben dieser Sonderausstellung hält das Schulmuseum allerdings auch in der Dauerpräsentation bereits reichlich Material für Lernwillige parat. Schließlich handelt es sich laut dem Museumsleiter Jochen Löher um "eines der ältesten und größten Schulmuseen Deutschlands". Kunstvoll dekoriert und ansprechend beschrieben finden sich darin Schulgeschichten von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis Ende der 90er Jahre aus Dortmund und Westfalen.
Der gefürchtete Rohrstock
Übersichtlich eingeteilt in fünf Museumsteile wandert man vom ersten Dortmunder Gymnasium schnurstracks zum heiklen Thema Schulstrafe. "Ein leidiges Thema", meint Löher. War doch die Schulstrafe keineswegs "nur die bekannte Prügel mit dem Rohrstock, vielmehr ging es ums Prügeln bis zur körperlichen Misshandlung". Und die Eltern hatten lange Zeit keine Chance dagegen vorzugehen. "Zeitzeugen berichten beispielsweise von Schülerinnen, die mit nacktem Hinterteil vor den Kaminofen gedrückt wurde", erinnert sich Löher: "Auch auf sogenannten Kniescheiten - dreieckig angespitzen Hölzern - mussten die Schüler ihre Strafen ableisten."
Schnell weg von derartigen Horrorszenarien, lockt im nächsten Zimmer Nostalgie pur. Rustikale Holzbänke, eine linierte Tafel und ein alter Kanonenofen laden ein zum Unterricht wie zu Großmutters Zeiten. Das originale Klassenzimmer von 1900, vom Museumsleiter mit strahlenden Augen als "Glanzraum" bezeichnet, wird auch heute noch genutzt. "Wir bieten darin für Gruppen Unterricht wie vor 100 Jahren an. So richtig mit Griffel und Schiefertafel, dazu gibt es den alten Taktunterricht: Rauf, runter, rauf, Pünktchen drauf und das dann immer schneller", berichtet Löher.
Heute noch in den Ecken stehen und schämen
Wem diese altmodischen Unterrichtsmethode nicht auf Anhieb zusagt, der müsse dennoch nicht mit der Prügelstrafe rechnen. Allerdings lande der Bambusstock bei Tuscheln oder Lärmen auch heute noch auf den Holzpulten. "Wir stellen auch Kinder in die Ecken."
Damit die Besucher nicht zu sehr erschrecken, wird vor dem Unterricht ausführlich erklärt, was früher im Schulwesen an der Tagesordnung war. In dieser Vorbereitungsphase wird die nachfolgende Strenge skizziert, zur Disziplin angehalten. Dann erst geht´s ins Zimmer - mit dem Finger vor dem Mund. "Unser Unterricht führt dann auch schon mal öfter zu Spekulationen, ob früher wohl konzentrierter gelernt wurde", sagt der Museumslehrer.
Fern ab der blanken Disziplin und des puren Paukens, führt die Ausstellung im nächsten Abteil zu den Lernmitteln der Weimarer Republik. Unter dem Motto projektbezogenes Lernen finden sich neben einem Sandkasten, in denen Schüler Landschaften nachbauten, Fingerrechenmaschinen.
Eins, zwei, drei - so geht das Dezimalsystem vorbei... (46s/710kB)
Mitten in der NS-Zeit
Weit weniger unbelastet empfängt einen der nächste Museumspart mitten in der NS-Zeit. Fibeln, die schon in der Grundschule den Führerkult förderten, neben Rassenlehre als Teil des Biologieunterrichts. Die Hitlerjugend und Technikschulungen mit Segelfliegern, die Schüler für die Luftwaffe ködern sollten. "Wenn wir Oberstufen zu Gast haben, dann oft zum Thema Schule zur NS-Zeit. Dann zeigen wir im Seminarraum noch spezielle Filme zum Thema und machen nicht nur Führungen sondern richtige Unterrichtsstunden in Pädagogik oder Geschichte", betont Löher, der bei seiner Arbeit von neun Museumspädagoginnen unterstützt wird. Immerhin kommen täglich fünf bis sechs Klassen und 20.000 Besucher jährlich, meist Grundschüler. "Dabei kommen aber nur rund 40 Prozent aus Dortmund, 60 Prozent reisen aus dem restlichen NRW an", weiß der Leiter des Schulmuseums.
Anekdoten sind "höchstinteressant"
Auch für die ältere Generation, der Schule längst Entwachsener, ist das Museum ein Anziehungspunkt. "Wenn wir Seniorengruppen führen, dauert der Rundgang statt 70 Minuten meist 2,5 Stunden", erklärt Löher: "Irgendeiner erinnert sich immer ausgiebig an die alten Zeiten, das ist dann wirklich oft höchstinteressant." Nicht fehlen darf natürlich auch die Nachkriegszeit. So taumelt der Besucher vorbei an zerstörten Gebäuden über lange Schulwege bis zur Bildungsreform der 50er Jahre. Der zunehmende (und abnehmende) Einsatz von Medien in der Schule findet ebenso Erwähnung, wie die neusten Schulmöbel.
Neben der Schule im Allgemeinen hat auch das Schulwesen in Dortmund im Besonderen einen Platz in der Dauerausstellung. "Die Schule ist nicht losgelöst von den Industrieformen zu sehen, die die Region prägten", meint der Museumsdirektor. So werden Bergbau, Stahlproduktion und Maschinenbau gesondert behandelt und ihrer Aufbereitung in Schulbüchern präsentiert. Und wenn nicht gerade Temperaturen wie momentan vorherrschen, dann gibt´s nach all dem Lernen über die Schule noch Entspannung nach Art des Hauses: "Auf dem Hof machen wir dann die alten Pausenspiele, wie Hinkelhäuschen."
Offene Führungen
Der Eintritt in das Dienstags bis Sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnete Museum kostet für Erwachsene 1,50 Euro, ermäßigt 0,75 Cent. Kinder bis zu einschließlich sechs Jahren sind frei. Jeden ersten Sonntag können Familien ohne vorherige Anmeldung um 14.30 Uhr eine offene Führung samt historischem Unterricht erleben. Kostenpunkt: 1,50 Euro zuzüglich des Eintritts. Die nächste "altbackene" Schulstunde wird bereits am 4. Dezember gehalten. Wer richtig frech ist, kann sich dann wohl zwei Tage später die Rute sparen und frühzeitig vom Bambusrohr kosten.
Für Geburtstage, Weihnachtsfeiern oder sonstige Feste kosten zwei Privatstunden im "Glanzraum" mit in der Ecke stehen insgesamt 40 Euro. Und wer danach noch nicht richtig Abschied vom historischen Treiben nehmen mag, kann im Museum als Souvenir eine Schiefertafel samt Griffel und gehäkeltem Läppchen erwerben. Vielleicht hilft´s für die Ruhe daheim. Zumindest lässt sich so zu Weihnachten auch mal eine Lektion in Sachen Disziplin verschenken.
FOTOS: Larissa Beu | ||||||||||||||
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VON LARISSA BEU, LARS SCHALL, JANE HÖHN |
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