| Here come the Hippie-Kids | ||||||||
(eldoradio)Mit Auto-Rallyes hat Hugo Race nichts am Hut. Trotzdem kommen wohl nicht viele Menschen auf die Wegstrecke, die der australische Musiker im Laufe seines Lebens zurückgelegt hat. Aufgewachsen in Melbourne, verbrachte er als Heranwachsender mehrere Jahre in Frankreich und in den USA. Später reiste er als Gitarre spielender Bad Seed mit Nick Cave durch die Welt. Meistens ging er aber eigene Wege. Die letzten 10.000 Kilometer seiner aktuellen Tour führten Hugo Race mit seiner Band "True Spirit" durch Europa und durch Dortmund. Nach über 60 Shows in sieben verschiedenen Ländern, meldet sich der Mann mit dem ernsten Gesicht jetzt noch einmal in Deutschland mit zwei Zusatz-Gigs zurück.
Normalerweise ist ein Cowboy-Hut der einzige Schmuck, den Hugo Race außer der Gitarre mit auf die Bühne nimmt. Und selbst der stört ihn, wenn seine eigene psychedelische Musik ihn während der Show immer wieder zwingt, wild die Arme hoch zu reißen oder bei einem Solo wie in Trance von einem Bühnenende zum anderen zu taumeln. Die übrigen Bandmitglieder wirken an ihren Instrumenten konzentriert und fast introvertiert, während Hugo Race mit tiefer Stimme singt und im Licht der glutroten Scheinwerfer aussieht wie ein Voodoopriester. Eine unsichtbare, aber sehr hörbare Kraft hat den Raum erfasst, hat Augen und Ohren des Publikums in Richtung Bühne gebannt.
Wolkenkratzer sahen aus wie schiefe Zähne
Der Ursprung dieser Kraft, aber auch aller Abgründe, liegt in Melbourne im Südosten Australiens. Anfang der 70er lebte Hugo Race hier zusammen mit seinen Eltern. "Damals war ich acht und die Stadt war viel kleiner als heute. Es gab noch keine Wolkenkratzer, die größeren Gebäude sahen eher aus wie eine Ansammlung schiefer Zähne, die gegen den Himmel ragten", sagt Hugo Race und bleibt ernst. "Meine Eltern waren gerade wieder mit mir aus Amerika hergezogen: Die Stadt wirkte auf mich wie der Schlund eines Molochs und seine Zähne wuchsen auf den Hügeln am Stadtrand, als wollten sie alles verschlingen." Heute hat Melbourne dreieinhalb Millionen Einwohner und eine imposante Skyline. Dort, wo sich jetzt die Vorstadt mit 500.000 Menschen ausbreitet, lag in den 70ern das Niemandsland der Wüste. Die Hügelkette auf der anderen Seite der Stadt gibt es aber noch. "Da oben", sagt Hugo Race, "lebten die Hippies und ein paar blökende Schafe." Jetzt lächelt er doch. "Ich wohnte später dort oben mit meiner irischen Großmutter. Sie war eigentlich gegen alles: gegen den Fortschritt, gegen Kapitalismus und auch gegen den Kolonialismus. Ich glaube, sie war einfach eine unglaublich verärgerte alte Frau. Aber irgendwie war sie dabei auch cool. Die ganze Zeit sprach sie über den Tod und über die Kraft der Wiedergeburt. Eigentlich war sie Christin, aber geredet hat sie wie ein buddhistischer Mönch."
Der Weg zum Rock'n Roll
Das allein hätte Hugo Race vielleicht noch nicht zum Rock'n Roll gebracht. Doch 1973 kam ein anderer Mann nach Melbourne. Ein gewisser Nick Cave machte die Stadt mit seinen "Boys Next Door" unsicher. Als diese sich schließlich in "The Birthday Party" transformierten, waren Hugo Race und Nick Cave bereits miteinander bekannt. Etwas später spielte Hugo Race Gitarre als Teil der Urbesetzung von Caves "Bad Seeds". Zwischendurch zog er sogar mit nach Westberlin, um dort das Debüt der "Bad Seeds" aufzunehmen. Aber als sich der erste Erfolg einstellte, stieg Hugo Race aus der Band aus, um "The Wreckery" zu gründen. "Ich wollte nicht nur in die Saiten greifen sondern eigene Sounds produzieren und dabei unentdecktes Land erkunden."
"True Spirit" ist Hugo Race bis heute treu
Irgendwann Ende der Achtziger machte "The Wreckery" ihrem Namen alle Ehre und machte Platz für "True Spirit", der Band, der Hugo Race bis heute treu blieb. Seitdem sind die Pfade des Blues, die Hugos Songs durchziehen, noch düsterer und abgründiger geworden. Fans wie Kritiker hatten immer Schwierigkeiten, eine Schublade für den erdig-kräftigen aber dennoch zerbrechlichen Sound von "True Spirit" zu finden, der die Atmosphäre schwüler, dämonischer Nächte mit sich trägt. Auf den eher experimentellen Platten "Goldstreet-Sessions" und "Ambuscado" verfällt "True Spirit" in blueslastige Dubspiralen mit spirituellen Anleihen, während das aktuelle Album "Taoist Priests" eher meditativ aber dennoch nicht unpolitisch ist. So erzählt Hugo Race die Geschichte von John Walker Lindh, einem Nordamerikaner, der im Jahr 2001 als Talibankämpfer nach Afghanistan ging und dafür von einem US-Gericht zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Weil Lindh vor und während des Verfahrens keinen Anwalt bekam und er von Misshandlungen während der Haft sprach, hatte der Fall weltweit für große Aufmerksamkeit gesorgt. In der "True Spirit"-Version verwandelt sich der Gerichtssaal in einen Mahlstrom, gleichzeitig glaubt man, den Wahnsinn am Hindukusch hören zu können. Aber auch die Geschichte des eigenen Landes und seine Probleme bewegen Hugo Race. "Das Interessante an den Australiern ist ihre Furcht vor Homosexualität. Denn die frühen englischen Kolonialisten waren ja ausschließlich Männer. Um an Frauen zu kommen, fuhren sie nach Irland und verluden die irischen Frauen auf ihre Boote und prostituierten sie." Auf diese Weise kamen auch die Vorfahren seiner Mutter nach Australien. "Ich kann nicht verstehen, weshalb viele Europäer ein so sauberes Bild von Australien haben. Nehmen wir nur das Thema Drogen. Melbourne war in den Siebzigern in Heroin getränkt. Alles was Du tun musstest, war von zu Hause weglaufen.
Als ich mit 15 da unten in Melbourne zum ersten Mal begann Musik zu machen, war jeder um mich herum stoned. Ich habe mit Amphetaminen angefangen als ich 14 Jahre alt war und mit 16 war ich dann mehrere Jahre lang heroinsüchtig." Das brachte ihm ein paar Jahre Gefängnis ein.
Ein Musiker ist frei Abschlusstermine der Hugo-Race-Tour 2006:
24.6.2006 - Dresden, Elbhangfestival - open air (Taoist Priests Special)
25 .6.2006 - Berlin, White Trash-Monsterlunge
FOTOS: Ralf Pfeifer, Glitterhouse
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