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Ein Leben in Bewegung(en)

Ruth Piotrowski (2.v.l.) lernt zu erkennen, woran die Schildkröte gestorben ist.

Still ist es bei Ruth Piotrowski. Ein großformatiges, gemustertes Tuch vor der Wohnungstür verschlingt jedes Geräusch aus dem Treppenhaus. Durch die geöffnete Balkontür dringt die Stadt nur leise herein. Im Wohnzimmer zeugen zahlreiche Fotoalben in den deckenhohen Bücherregalen stumm von liebgewonnenen Erinnerungen. Ruth Piotrowski selbst ist gar nicht still. Energisch berichtet die 71-Jährige von ihrer Reise nach Indien, von Nächten auf gefrorenem Waldboden bei Gorleben, von der Gewerkschaftsbewegung und dem Vorteil, jetzt "Oldie" zu sein.

 

Drei Wochen war Ruth Piotrowski im ostindischen Orissa. Zahlreiche Tage und Nächte verbrachte die Dortmunderin damit, tote Schildkröten zu katalogisieren: Fundort, Todesursache, laufende Nummer. "Wir waren da, um die Tragödie zu dokumentieren, damit keiner behaupten kann, es sei nicht wahr," beschreibt sie ihre Arbeit. Ein Team von Greenpeace-Aktivisten aus der ganzen Welt hatte sich in der indischen Region getroffen, um darauf aufmerksam zu machen, dass die olivfarbene Bastardmeeresschildkröte durch den zunehmenden Fischfang bedroht ist.

 

 Bilder und Hintergründe des "Turtle Witness Camp"

 

 

 

Teil der Dokumentation, die in Indien und der Welt Aufmerksamkeit wecken soll.

Ruth Piotrowski hätte natürlich nicht unbedingt selbst nach Indien fliegen müssen, um sich für die Sache einzusetzen. Sie hätte auch ein bisschen von ihrer Rente an die Organisation spenden können. Sie hätte es den Jungen überlassen können, nachts ohne Taschenlampe durch den schweren Sand zu stapfen, drei Wochen lang hunderte Schildkröten zu sehen, nur eine davon lebend. Aber das wäre nicht gerade typisch für Ruth Piotrowski.

 

Auf der Suche

 

"Ich habe an vielen Stellen Glück gehabt." So ganz nimmt man ihr das mit dem Glück nicht ab. Glück ist zufällig. Hinter Ruth Piotrowskis Werdegang steckt viel Arbeit und Willen. "Ich gehöre zu denen, die im Krieg hätten zur Schule gehen sollen." Ruth Piotrowski wird in Dortmund geboren. Als die Stadt bombardiert wird, zieht sie zu ihren Großeltern in Ostpreußen. "Ich kam erst 1944 zurück, da stand keine Schule mehr. Ich hatte einen geringen Schulstand. Nicht Wissensstand – das lehrt das Leben," lacht Piotrowski.

 

Später heiratet sie, bekommt zwei Töchter. "Nur Kinder, Familie, Garten." Dann kommt die erste Rezession, ihr Mann verliert seine Arbeit, die Ersparnisse schmelzen schnell. Ruth Piotrowski arbeitet wieder halbtags in einem Büro und bekommt so Kontakt zur Gewerkschaftsbewegung. Eine wichtige Tür öffnet sich.

 

 

Die Rollen wechselten, die Stadt blieb. Ruth Piotrowski lebt in Dortmund.

Abitur mit 41

 

"Ich habe lange Gewerkschafts- und Frauengruppenarbeit gemacht. Als ich 40 war, hat mir jemand vorgeschlagen, aufgrund meines Engagements ein Stipendium zu beantragen." Und das hat sie bekommen. Mit 41 Jahren verlässt Ruth Piotrowski das Kolleg mit dem Abitur. Dann studiert sie in Dortmund, Bochum und Amsterdam Pädagogik. "Es ging mir nicht aus dem Kopf, warum Menschen aus der gleichen Situation etwas anderes lernen. Manche reden totalen Stuss, andere sehen ihre Lage glasklar." Deshalb will sie in die Erwachsenenbildung. Und noch ein Beweggrund treibt sie an: "Ich bin so vielen Menschen begegnet, die mir geholfen haben, die mich gefördert haben, die mir Wege aufgezeigt haben, als ich auf der Suche war. Ich wollte was zurück geben."

 

Rollenwechsel

 

Gesellschaftliches Engagement und Studium rücken ins Zentrum: "Ich war vor dem Studium aus der Familie raus gegangen. Erst sind meine Töchter ausgezogen, dann ich. Diese Freiheit zu haben und in gesellschaftlichen Begewungen eingebunden zu sein, hat mir sehr viele Fenster geöffnet." Gewerkschaftsbewegung, Frauenbewegung, dann die Anti-Atomkraft-Bewegung. Ruth Piotrowski hatte für sich entdeckt, dass es ihr Kaft gibt, Teil eines größeren Ganzen zu sein: "Man weiß zwar schon, was einen umtreibt, man ist wütend über etwas. Aber man kann es nicht formulieren oder denkt, man steht allein damit da. Wenn man dann auf Menschen trifft, die ähnlich über etwas denken, dann gibt es eine Verbundenheit, in der man miteinander wachsen und auch was erreichen kann."

 

Und wenn man das gewünschte Ziel auch nach Jahren oder Jahrzehnten nicht erreicht? Wenn der Atomausstieg wackelt und die Frauenbewegung nicht nur von den Feuilletons für tot erklärt wird? Die erste längere Pause im Gespräch. "Ja, viele Menschen resignieren. Ich glaube, das sind die Leute, die die falschen Erwartungen hatten. Die, die glaubten, dass sie das mit 5000 Leuten in kurzer Zeit stemmen können. Nein, Widerstand braucht langen Atem. 

 

Die Erinnerungen an Indien       füllen etliche Fotoalben.

Wenn man alles realistisch einschätzt, weiß man auch, es können immer nur Etappensiege gewonnen werden. Die andere Seite gewinnt auch Etappen, und wir müssen dagegen halten." Widerstand, Etappensiege, die andere Seite - wenn Ruth Piotrowski von dem erzählt, was sie umtreibt, klingt das im besten Fall nach einem sportlichen Wettkampf.

 

Harte Nächte in Gorleben

 

Einen persönlichen Sieg hat sie vor zwei Jahren während des Castor-Transports nach Gorleben errungen. Damals war sie 69: "Wir haben uns zwei Nächte durch die Wälder gerobbt, bei Minusgraden. Beim ersten Mal sind wir nicht durchgekommen, weil die Polizeihunde unsere Späher erschnüffelt hatten und bellten." Also eine weiter Nacht im Wald, dicht am kalten Boden. "Wenn wir so erschöpft waren, dass wir uns hinlegen mussten, haben wir die Nase in den Dreck gesteckt, weil in der Dunkelheit Hände und Gesichter weit leuchten, als ob man mit Kreide bemalt wäre. Das war ein persönlicher Erfolg. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich das schaffen würde."

 

Vorteil durch Weißheit 

 

Bei Greenpeace-Dortmund ist Ruth Piotrowski nicht die Einzige über 50, die sich ehrenamtlich engagiert. Hier gibt es sogar eigens eine Gruppe für die Älteren: Team 50 Plus. Plus klingt verheißungsvoll nach mehr und so ähnlich sieht das Ruth Piotrowski auch: "Viele kommen heute früher aus ihrem Berufsleben heraus, sind noch sehr aktiv, ihr Auskommen ist gesichert, sie haben viele Erfahrungen, die sie einbringen können und vor allem haben sie auch die Zeit." Aus der Sicht der Organisation muss es schon allein deshalb Sinn ergeben, eine Gruppe älterer Aktivisten zu haben, weil es Aufmerksamkeit erweckt.

 

Anfangs habe es viele Vorurteile bein den Jüngeren gegeben: "Die denken, die Alten reden immer dasselbe, sind starrköpfig und besserwisserisch und da muss alles sauber sein und gespült werden." Mittlerweile werde die "Oldie-AG", wie Piotrowski die Gruppe manchmal nennt, aber sehr geschätzt. Gerade beim Projekt in Indien habe sich gezeigt, dass mit dem Alter eine gewisse Gelassenheit einher gehe, die sich positiv auf alle ausgewirkt habe.

 

"Man haut seiner Oma nicht ins Gesicht"

 

Die beruhigende Wirkung ihrer weißen Haare hat Ruth Piotrowski schon in Gorleben praktisch getestet. Bei einer Demonstration drohte die Lage zu

 

 "Das Schönste waren die Begegnungen."

eskalieren: "Die Jüngeren wollten vorpreschen und die Polizisten hielten dagegen. Ich bin sicher nicht lebensmüde, aber ich habe mich nach vorne geschoben. Ich weiß, wie meine Haare wirken. Man haut seiner Oma nicht ins Gesicht. Da ist eine Beißhemmung und die kann man natürlich nutzen.“

 

Ruth Piotrowski erwartet gespannt das nächste Fenster, das sich öffnet. Ein größeres Projekt hat sie sich schon vorgenommen: "Bisher kenne ich von Indien nur Flughäfen und das Camp. Ich will bald zurück und das Land bereisen. Am liebsten mit meinem Enkel."

 

FOTOS: Greenpeace, Piotrowski, Voglreiter

VON SANDRA VOGLREITER

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