Freitag, 27. Januar, spät am Abend
Kaum hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe bekannt gegeben, dass die Neo-Nazi-Demo in Dortmund erlaubt wird, steht die Nachricht schon auf rechtsextremen Seiten im Internet: “Das Verbot wurde soeben (…) aufgehoben, wir sehen uns also morgen in Dortmund! 12:30 Uhr S-Bahnhof Stadthaus.“
Samstag, 28. Januar 2006, Dortmund Hbf, 10.20 Uhr
Mitten im Dortmunder Hauptbahnhof herrscht Normalbetrieb: Reisende eilen hin und her, Brötchen werden verkauft, Züge angekündigt. Nur die Anwesenheit von Polizeikräften in grünen und schwarzen Uniformen deutet auf etwas Ungewöhnliches hin. Seit 20 Minuten ist hier eine linke Demo gegen Rechtsextreme im Gange. Viele junge Männer und Frauen haben sich an der Freitreppe versammelt: schwarze und graue Jacken mit Kapuzen, vermummte Gesichter mit Sonnenbrillen. Was auf ihren Plakaten geschrieben ist, sieht man nicht sogleich, aus den Lautsprechern dröhnt aggressive deutsche Musik. Sind das vielleicht die Neonazis? Nein, auf einem Plakat steht: “NS-Verherrlichung stoppen“.
Es sind doch die Linken, eine Gegendemo, organisiert vom „Bündnis 28.03“. Das Datum erinnert an den tragischen Fall, als letztes Jahr in Dortmund ein Neonazi einen Punker erstochen hat. Nun sind viele Punker zu der Antifa-Demo gekommen.
Die Stimmung ist angespannt. Das merken viele Journalisten daran, wenn sie Fotos von der Versammlung zu machen versuchen. Sie werden gefragt, was sie hier machen. Sie zeigen ihre Presseausweise, bekommen die Empfehlung, sich von den Veranstaltern kennzeichnen zu lassen und erhalten einen weißen Lappen mit einer roten Überschrift “Presse“. Die Nachfragen hören damit auf.
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Linke Demonstranten am Bahnhof |
Kurz nach 11.00 Uhr beginnt die eigentliche Demonstration. Etwa 400 Linke drehen die Musik noch lauter auf und marschieren los.
S-Bahnhof „Stadthaus“, 12.10 Uhr
Sie kommen in Gruppen von drei bis zehn Leuten, begleitet von ebenso vielen Polizisten. Meistens junge Männer um die zwanzig in schwarzen Jacken. Aber auch Frauen. Vermummte Gesichter, Sonnenbrillen. Doch diesmal gibt es keine Verwechslung. Bei einigen sind die Köpfe glatt rasiert, wenn sie zu einander sprechen, sagen sie “Kamerad“. Kein Zweifel, es sind die Rechten. Sie grinsen und scherzen miteinander, die Stimmung ist offenbar gut.
Auf dem Parkplatz Südbad hat die Polizei ein Zelt aufgestellt. Die Neonazis müssen sich hier ausweisen und durchsuchen lassen. Das Ganze wird von Anfang an von der Polizei gefilmt. Fast jeder zweite Ordnungshüter hat eine Kamera dabei. Auch die Neonazis machen Aufnahmen mit ihren Digitalkameras und Fotohandys. Es sieht wie ein komisches Spiel aus: Du filmst mich, ich filme Dich.
Dortmund Hbf, 13.00 Uhr
Da um 15.30 Uhr das Heimspiel der Borussia gegen den VfL Wolfsburg angepfiffen werden soll, laufen inzwischen auch allerhand Anhänger des BVB durch den Hauptbahnhof. Sprechchöre erklingen von allen Seiten. Auf dem Weg zur U-Bahn erhebt sich ein neuerlicher Fangesang. Passanten trauen ihren Ohren nicht, denn sie hören plötzlich die Fans singen: "Wir bauen eine U-Bahn von Gelsenkirchen bis nach Auschwitz."
Auch bei genauerem Hinhören bleibt kein Zweifel - die Fans singen das allen Ernstes. Der eine oder andere Passant fühlt sich gleichsam beschämt wie vor den Kopf gestoßen. Denn gerade gestern erst war der Jahrestag der Befreiung Auschwitz' durch die Rote Armee.
Parkplatz Südbad, 13.30 Uhr
Es geht los. Die braune Truppe setzt sich in Bewegung, flankiert von Hunderten von Polizisten. Mitten in der Kolonne fährt ein grüner VW-Transporter mit auf dem Dach platzierten Lautsprechern. Es ist erstaunlich, wie ähnlich diese Demonstration der von den Linken ist. Man könnte die meisten Teilnehmer austauschen und keiner würde es merken. Auch die Parolen, die die Rechten auf ihre Fahnen geschrieben haben, könnten von den Linken stammen: “Weg mit Hartz IV“ oder “Kapitalismus zerschlagen“.
Doch es gibt auch eindeutige Merkmale, die einen sofort erkennen lassen, wer da durch Dortmunder Straßen zieht. Auf einem Plakat steht: “Nein zu Multi-Kulti. Dortmund ist unsere Stadt“. Die Demonstranten selbst brüllen immer wieder im Sprechchor: “Frei, sozial und national!“ oder “Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“.
Von Anfang an wird der Neonazi-Aufmarsch von einzelnen Gegendemonstranten begleitet, die von beiden Seiten der Straße “Nazis raus“ rufen. Die Stimmung ist angespannt, aber nicht aggressiv. Um die Menge nicht zusätzlich zu provozieren, tragen die Polizeikräfte ihre Helme an der Seite und haben keine Schutzschilder.
Ruhralle, 13.50 Uhr
Die Gegendemonstranten versammeln sich mittlerweile auf der Ruhrallee. Es sind circa 150 Menschen, die meisten von ihnen Punks. Ihre Auskünfte sind widersprüchlich. So erfährt man, dass es zu Einkesselungen und Festnahmen gekommen sei. An anderer Stelle wird erzählt, dass dies nicht den Tatsachen entspräche.
Die Versammlung mutet unterdessen ziemlich unorganisiert an. Niemand weiß so rechtens, was noch passieren soll. Das hängt jedoch vor allem damit zusammen, dass die Neonazis eine andere Route durch Dortmund laufen würden, als ursprünglich geplant war. Eine Demonstrantin findet dafür den prägnanten, doppeldeutig klingenden Kommentar: "Die Nazis sind zu feige, ihren gewählten Weg zu gehen."
Kreuzung Ernst Mehlig Straße / Heiliger Weg, 14.05 Uhr
Der Neonazi-Zug trifft auf eine große Versammlung von Gegendemonstranten. Die beiden Gruppen sind nur wenige hundert Meter von einander entfernt. Man sieht Flaggen von Bündnis90/Die Grünen und Gewerkschaften. Doch zu einem direkten Kontakt kommt es nicht, die Polizeipräsenz wird massiver.
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Immer wieder wurde die Neonazi-Demo gestoppt. |
Die Demonstration wird von nun an immer wieder gestoppt. Die Route muss geändert werden, um direkte Kontakte mit Linken und mögliche Provokationen zu vermeiden. Die Rechten haben mit solchen Pausen offenbar nicht gerechnet. Alle Texte mit Bespielen aus dem Leben der “Kameraden“ und gegen § 130 des Strafgesetzbuches (Volksverhetzung) sind schon verlesen. Also gibt es ein bisschen braune Musik. Eine Männerstimme brüllt zu Heavy-Metal-Getöse aus den Lautsprechern auf dem Transporter: “Du - bist - ein Idealist“.
Ruhrallee, 14.20 Uhr
Es kommt allmählich Bewegung auf. Einerseits wird die Versammlung der Anti-Faschisten von Demonstranten des DGB und Ver.di gekreuzt, die ihren eigenen Marsch gegen Rechts
veranstalten. Und andererseits gehen die Anti-Faschisten ziemlich spontan Richtung Ostwall.
Der Eindruck, den man bisher von der Unorganisiertheit des Ganzen hat gewinnen können, bestätigt sich dadurch noch einmal. Allerdings ist die Neonazi-Demonstration ja auch nur äußerst kurzfristig genehmigt worden, also habe man auch nur sehr kurzfristig und spontan darauf reagieren können, so die Erklärung von Gegendemonstranten. Außerdem hatte man vor, den Neonazis direkt zu begegnen. Gerade dies aber versuche die Polizei zu vermeiden, heißt es. Der Demonstrationszug zieht weiter in Richtung Ostwall.
Landgrafenstraße, 14.30 Uhr
Schon wieder wird mit der Polizei verhandelt. Weiter vorn ist eine Synagoge, deshalb wird eine Alternativroute vorgeschlagen. Die Neonazis lehnen diese ab. Am Straßenrand erscheinen immer wieder kleine Gruppen von Nazigegnern. Die Rechten versuchen ihnen Angst zu machen, fotografieren und schreien: “Wir kriegen euch alle“. Das hat keine Wirkung. Die Linken greifen auch zu ihren Digitalkameras, machen Bilder von den Demonstranten und rufen “Nazis raus“. So geht es noch lange weiter.
Ostwall, 15.00 Uhr - Eskalation
Am Ostwall werden die Demonstranten bereits von der Polizei erwartet. Sie sollen daran gehindert werden, weiterzulaufen. Eine Weile geht das gut, bis die Situation plötzlich eskaliert. Warum, kann man nicht sagen. Man sieht bloß, dass ein Pulk von circa 50 Mann losstürmt, um an den Polizisten vorbeizukommen. Die antworten, indem sie ihnen
hinterherjagen. Weil die Demonstration ohnehin jederzeit von der Polizei gewaltsam aufgelöst werden kann, besteht die Gefahr, sich Verhaftungen und Strafanzeigen auszusetzen. Die ersten Leute ziehen sich daher zurück Richtung U-Bahnstation Stadthaus.
Vor dem Eingang steht eine schwarzuniformierte Formation des Sondereinsatzkommandos. Die Demonstranten machen sich darauf gefasst, nicht in das U-Bahngebäude gehen zu dürfen. Tatsächlich wird die Gruppe zunächst angehalten. Wohin man wolle? Die Leute müssen ihre Tickets vorzeigen. Anders als erwartet, machen die SEK-Beamten danach den Weg frei.
Hainstraße, 15.25 Uhr
Es ist vorbei. Der Versammlungsleiter, ein junger Mann mit Pferdeschwanz statt Glatze, hat vor wenigen Minuten die Demo für beendet erklärt. “Von nun an ist jeder für sich alleine verantwortlich“, sagt er. Dieser Satz bringt Stimmung in die eingefrorene Kolonne, die sich fast eine halbe Stunden nicht bewegt hat. Andererseits scheint die braune Truppe etwas an zu heitern. Wenn sie endlich Richtung S-Bahn Stadthaus losgehen, fangen sie an zu rufen: “Hier - marschiert - der nationale Widerstand“. Diese Parole wurde am Anfang von der Polizei ausdrücklich verboten. Ob der Verstoß nun Konsequenzen haben wird? “Bestimmt“, sagt ein Polizist. “Wir haben ja alles gefilmt“.
FOTOS: Roman Goncharenko
Fotostrecke Naziaufmarsch