| Die dunkle Seite der Nacht | ||||||||
Und dann stellt der Barmann das Glas hin, nur Schaum drin, und auch nur halbvoll. Hier scheiden sich die Eingeweihten von den Frischlingen. Wer das Glas nimmt und stirnrunzelnd anfängt, Schaum zu nippen, ist ein Frischling. Wer ein paar Minuten auf das Top-Up (den letzten Schuss aus dem Zapfhahn) wartet, hat eines von dutzenden Geheimnissen des schwarzen irischen Biers entdeckt.
Eigentlich ist es ja nur geröstete Gerste, Hopfen, Wasser und Hefe. Doch in dem Gemisch fließen so viele Geschichten und Rituale wie in wenigen anderen Biersorten. Guinness ist Irland, und umgekehrt, und dahinter steckt ein beispielloser Marketingerfolg. Seit fast 250 Jahren.
Denn schon Arthur Guinness, der die Wasserrechte seiner 1759 in Dublin gegründeten Brauerei mit der Axt in der Hand verteidigte, war ein Geschäftsmann, der es heute problemlos in das nach ihm benannte Buch geschafft hätte. Nicht nur, dass er das Brauereigelände auf 9000 Jahre für 45 Pfund jährlich pachtete. Guinness - Die dunkle Macht
Jährlich werden zehn Millionen Pints (0,56 Liter) Guinness getrunken
Der Konzern beschäftigt weltweit 12.500 Menschen
Guinness wird in 50 Ländern gebraut
Es gibt 6 Sorten in etwa 20 Variationen
Nigeria ist der fünftgrößte Markt für das irische Bier
Er stellte seine Kupferkessel auch ganz auf die Produktion von dunklem Porter-Bier um, nachdem er gesehen hatte, wie beliebt das Gebräu bei den Londoner Lastenträgern (Porters) war. 1799 erfand er, was seitdem Guinness heißt. Seitdem ist das schwarze Getränk mit der Geschichte Irlands verwoben, wird in Gedichten und Songs besungen, in Romanen verewigt und - je nach Standpunkt sogar wichtiger - Abend für Abend hektoliterweise getrunken.
Eines hat sich deswegen nur wenig verändert: die Morgen, an denen übernächtigte Pubbesitzer die leeren Fässer aus der Kellerluke über den Gehsteig zum Guinness-Laster rollen, der sie mitnimmt. Früher klang es nach Eiche, heute nach Aluminium, das Ritual bleibt.
Und solche Rituale verlieren nicht an Kraft in dem kleinen Land am Rand Europas, das über Nacht zur Wirtschaftsmacht geworden ist. Das Pub ("Public House") in Irland ist Wohnzimmer, Büro, Club, Partykeller, Lounge, Konzerthalle und je nach Andrang auch mal Sauna. Und wer in dem Andrang nicht zur Theke vordringen kann, formt einfach mit dem Mund das magische Wort "Guinness" oder hält die gewünschte Anzahl Finger hoch - hat bisher noch immer funktioniert. Gezahlt wird sofort, und das könnte einer der Gründe sein, warum die irischen Fünfeuroscheine alle aussehen, als hätte man sie in den Wald zum Überlebenstraining geschickt.
Ein Fünfer reicht für ein Bier, und man bekommt zwischen zwei Euro und zwanzig Cent Wechselgeld. Bis zu 4,80 Euro verlangen die Pubs im schrillen, lebhaften und etwas künstlichen Kneipenbezirk Temple Bar für ein "Pint", 3,80 ist ein normaler Preis und 3 Euro schon Winterschlussverkauf.
3,70 kostet es im "Celt Bar" auf Talbot Street, einem winzigen Pub in Dublins Nordstadt, abseits der Hauptschlagadern. An einem normalen Mittwoch kann es hier brechend voll sein, jeden Abend Livemusik, und dass die ersten ihr Guinness in der Mittagspause trinken, ist Normalität. Schließlich sagt man, es habe soviel Kalorien wie ein Steak, aber das ist hoffentlich nur Legende.
Zwei Kanarienvögel beäugen hier Abend für Abend die Kundschaft, taub sind sie sicherlich, aber immerhin können sie atmen. Seit zwei Jahren herrscht in Irlands Pubs Rauchverbot, und wenn das die Pubkultur beschädigt haben sollte, sind die Schäden längst ausgebessert. Glas um Glas geht über die Theke, an Dubliner von Um-die-Ecke, norwegische Rucksacktouristinnen und australische Didgeridoospieler.
Letzterer war Howard, und er war gerade 23 geworden. "Da müssen ihn jetzt 23 Frauen küssen", bellte Betty, die füllige Gitarristin von ihrem Stammplatz am Tisch in der Ecke ins Mikrophon. Und zählte an: eins zwei ... bei siebzehn stockte es, da durften die vom Anfang nochmal. Howard bedankte sich mit einem Didgeridoo-Röhren während des nächsten irischen Stücks. So eine Sorte Pub ist das.
Ein Pub, in dem die Geigenspieler permanent Angst um ihren Bögen haben, weil in den schmalen Durchgängen ausgelassen getanzt wird. In dem Fotos von den Stammgästen an der Wand hängen, und eine Plakette von der Arbeitsbrigade "Che Guevara" aus Kolumbien. In dem jede Nacht die Nationalhymne gespielt wird, wenn um 23.30 Uhr die Lichter angehen. Und in dem man schon mal mit Eiswürfeln beworfen wird, wenn man dann nicht gehen will. Doch die Zapfhähne schweigen, unerbittlich. Bis zum nächsten Abend. Mit "Worth the wait" bewerben die cleveren PR-Strategen und geistigen Urenkel von Arthur Guinness in der neuesten Kampagne ihr Bier. Es hat eben seine eigene Zeit.
FOTOS: Sönke Klug
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