| Beim Frisör gehört (5) – Songs from the second floor | ||||||
Andere haben eine Matte im Badezimmer oder vor der Wohnungstür - meine liegt auf meinem Kopf. Deshalb: runter damit. Doch auch das Summen des Rasierers ist kein Hindernis für meinen Frisör, er schreit halt einfach: "SCHON GEHÖRT...?"
Diese Frage lässt er sich durch nichts nehmen. Immer wieder kommt er mir mit Tipps und Tricks daher. "Sånger från andra våningen ist ein super Film." Sänger ... was? "Auf Englisch heißt der Film 'Songs from the second floor', das andere war Schwedisch." Aha...
Mein Frisör redet sich in Trance: Eine Großstadt kurz vor dem Millennium – Flagellanten-Prozessionen ziehen durch die Straßen, auf denen sich der Verkehr staut, denn die meisten Bürger suchen das Weite.
Ein Asylbewerber wird am helllichten Tag zusammengeschlagen, ein Zauberer zersägt aus Versehen einen Freiwilligen, ein Angestellter klammert sich nach seiner Entlassung verzweifelt am Bein seines Chefs fest, ein General im Altersheim macht den Hitlergruß und der Rat der Weisen opfert eine Jungfrau - hört sich nach einem wirklich kranken Film an. "ENDZEITSTIMMUNG EBEN", schallt es von oben durch das Surren.
Man will es doch nur etwas gemütlich haben...
Eine große Depression drückt auf die Stadt und deren Bewohner. Die Charaktere sind hässlich, verbittert und leichenblass. Außer sie haben gerade wie Kalle ihren Möbelladen abgefackelt, um die Versicherungssumme zu kassieren – Kalle ist aschgrau. Er will das Geld, "um es ein bisschen nett zu haben". Niemand scheint mit dem glücklich zu sein, was er besitzt – "so wie Du mit Deinen Haaren", sagt mein Frisör.
"Das ist Gesellschaftskritik – skurril und wirklich komisch", nutzt er die Stille des Aufsatzwechselns. Regisseur Roy Anderson zeigt gezielt Einzelschicksale, die für das große Ganze stehen. Mein Frisör steht besonders auf den schweigenden Schriftsteller: "Der hat solange Gedichte geschrieben, bis er verrückt wurde, und sitzt jetzt in der Klapse." Eine simple Erklärung für seine Einweisung kommt von den Zimmernachbarn: Es fehle ihm einfach eine Geschäftsidee – deshalb sei schon Jesus ans Kreuz genagelt worden.
Ein Mensch zu sein – eine schwierige Aufgabe
Wie die Menschen im Film bin auch ich jetzt fertig. Der Blick in den Spiegel zeigt mir keinen Vertrauten, sondern einen Fremden. Diese Stimmung passt genau zu "Songs from the second floor", ich schlurfe zur nächsten Videothek. Im Kopf Kalles ultimatives Statement: "Es ist schwer, ein Mensch zu sein" – meint auch mein Frisör.
FOTOS: Rapid Eye Movies | ||||||
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