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Tennis-Krise: "Es fehlt an Kompetenz"

Ex-Profi Michael Stich übte harte Kritik

Ein Medienliebling war er nie. Das sagt Michael Stich selbst. Auch heute spricht der Ex-Wimbledonsieger aus, was er denkt ? auch wenn es nicht jedem gefällt. "Es fehlt einfach an Kompetenz", so Stich, angesprochen auf das Präsidium des Deutschen Tennis Bundes (DTB). Und nicht nur daran kranke das deutsche Tennis.

 

Einigkeit auf dem hochkarätig besetzten Podium in der Kamener Stadthalle: Auf einem halben Dutzend Baustellen lahme die Arbeit im DTB. Neben Stich diskutierten beim Verbandstag des Westfälischen Tennis-Verbandes (WTV) Ex-Becker-Trainer Günther Bosch, ARD-Tenniskommentator Volker Kottkamp, Davis-Cup-Veranstalter Paul Krengel, Sportwissenschaftler Professor Josef Hackforth und WTV-Präsident Robert Hampe über Wege aus der Krise. "Tennis ? Quo vadis?"

 

Problem Medienpräsenz

 

"Wir brauchen Erfolge", so Volker Kottkamp. "Und wir brauchen eine nationale Komponente. Bis zu einem Maske und einem Schuhmacher waren Boxen und Formel 1 langweilig." So war es beim Tennis bis Becker und Graf auch. Seit ihrem Rücktritt ist das Interesse der Zuschauer auf ein Minimum zurückgegangen. "Die Tennis-Einschaltquoten waren vergangenes Jahr erschütternd", so Kottkamp. "Und so einen Super-GAU wie bei den Australian Open, als alle Deutschen in der ersten Runde raus waren, wollen wir uns in der ARD nicht mehr antun."

 

"Wir brauchen eine nationale Komponente":

ARD-Tennisexperte Volker Kottkamp zwischen

Professor Josef Hackforth (l.) und Günter Bosch.

 

Günther Bosch nickt: "Wir brauchen einen Wolf, der die anderen mitzieht, so wie damals Boris Becker." Wirklich Spaß, mache das Zuschauen nicht mehr, meint Bosch. "Tennis ist nur noch ein Kampf darum, wer die bessere Athletik hat." "Der Rainer Schüttler ist zwar ein lieber Kerl", so Michael Stich, "aber er ist ein blasser Typ", beendet Volker Kottkamp den Satz.

 

Die Medien aber seien unschuldig an der Misere, betonte Diskussions-Moderatorin und RTL-Sportjournalistin Ulrike von der Groeben. "Wir Privatsender setzen eben extrem auf die Einschaltquote." Ein Boris Becker und eine Steffi Graf haben Quoten gebracht. "Aber einen Becker oder eine Graf wird es die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre nicht mehr geben", ist Günther Bosch realistisch. "Selbst als Kiefer und Haas beide in den Top Ten der Weltrangliste waren, sind die Quoten nicht so hoch gewesen wie damals bei Becker", erinnert Volker Kottkamp. "Da fragt man sich heute, ob die Leute damals Tennis oder Becker gucken wollten."

 

"Wir setzen extrem auf die Quote": RTL-

Sportjournalistin Ulrike von der Groeben

mit Michael Stich.

 

Problem Jugendförderung

 

Wo soll aber ein neues deutsches Idol herkommen? "Wir müssen die Kräfte bündeln, alle Leute an einen Tisch bekommen und Eitelkeiten beiseite schieben", fordert WTV-Präsident Robert Hampe. "Da muss Rivalität unter den Spielern herrschen", fügt Günther Bosch hinzu. "Da kann nicht der Eine in der Schweiz trainieren und der Andere in Florida. Jeder geht seinen eigenen Weg, so geht das nicht." Professor Josef Hackforth, Dekan der Technischen Universität München fordert deshalb Zentralität. "Wir gründen ein zentrales Nachwuchszentrum wie in anderen Ländern und Michael Stich wird Vorsitzender." "Und wie wird der Job bezahlt?", fragt Stich lachend zurück.

 

Aber ernsthaft: Eine zentralistische Nachwuchsförderung wie in Spanien oder Frankreich würde mehr nationale Konkurrenz schaffen, so Sportwissenschaftler Hackforth. In einem föderalistischen System mit "Landesfürsten" sei das nicht möglich. Die fünf Millionen Euro, die jährlich in die Nachwuchs-Förderung gesteckt werden, würden verschwendet.

 

Problem Übergang zum Profi

 

Doch Erfolge habe der Nachwuchs ja. "Unser Nachwuchs ist Weltklasse, doch uns ist es zehn Jahre nicht gelungen, Profis daraus zu machen", schimpft Stich. "Sie müssen nicht nur Talent, sondern auch den Biss haben." Paul Krengel, Ausrichter vom Davis-Cup in Sundern nennt ein Beispiel. "Wir hatten ein Bundesligaspiel um 11 Uhr und unser Spieler fragt mich um zehn nach zehn, wann der nächste Bus zum Platz fährt. Ich habe ihm gesagt, wenn er nicht in zehn Minuten im Taxi sitzt, schmeiße ich ihn `raus."

 

"Der Nachwuchs muss Biss haben": Michael Stich

mit WTV-Präsident Robert Hampe (l.) und Davis-

Cup-Veranstalter Paul Krengel (M.).

 

Michael Stich bestätigt das: "Viele wollen den einfachen Weg gehen für etwas, das schwer ist - die Ausbildung zum Tennisprofi." Es fehle die Bereitschaft 100 Prozent zu geben. Volker Kottkamp unterstreicht das: "Vielen Jugendlichen geht es zu schnell zu gut."

 

Problem Deutscher Tennis-Verband

 

Doch wer bringt das Schiff wieder auf Kurs. "In vielen Bereichen ist die Kompetenz nicht gegeben", wird Michael Stich deutlich. Und Einigkeit herrschte auf dem Podium, der Verband betreibe eine schlechte Außendarstellung. "Wir haben den ersten Präsidenten", ärgert sich Günther Bosch, "der das deutsche Tennis kritisiert hat. Da fehlt es an Begeisterung und Freude."

 

Aber schon in der Vergangenheit seien Fehler gemacht worden, so Stich. "Während der Präsidentschaft von Claus Stauder (1985-1999) wurde Geld verdient, das mit vollen Händen zum Fenster hinaus geworfen wurde. Dabei sind wirtschaftlich schlechte Entscheidungen getroffen worden." Sein Rat an das derzeitige Präsidium: "In jedem Unternehmen gehört es dazu, Experten zu Rate zu ziehen. Momentan, unter den jetzigen Strukturen, halte ich das aber für wenig realistisch."

 

Viel Applaus für klare Worte: Rund 150

Zuhörer hatten die Diskussionsrunde besucht.

 

 Weiterführende Links:

 

 Die Homepage des Westdeutschen Tennis-Verbandes.

 Die Homepage des Deutschen Tennis-Verbandes.

Fotos: Michael Schlösser

VON MICHAEL SCHLÖSSER

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