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Kunst im Freien - an der Autobahn

Holzkreise als Raum- und Klangkörper

(eldoradio) Die Autobahnen sind wichtig, für das Ruhrgebiet und für die gesamte Welt. Hektik und Lärm bestimmen die Umgebung, die für Kunst so ungeeignet scheint. Hundefänger, das Pseudonym des Künstlers Rudi Domidian, besetzt diesen Unraum mit Kunst, in dem er die herumliegenden Äste, die auf Autobahnauffahrten geblieben sind, sammelt, anordnet und zu Kreisen formt. "Bochum eingekreist" heißt das Projekt des "Outdoor"-Kunstschaffenden – bald sollen weitere Projekte im ganzen Ruhrgebiet folgen.

 

Irgendwo in der Nähe des Autobahnkreuzes Bochum, der Schnittstelle zwischen A 40 und A 43, beginnt die Besichtigung der Kunstwerke des Rudi Domidian. Wind und Wetter spielen keine Rolle, er sei ohnehin ein Naturmensch und halte nicht viel von Atelierkünstlern, so Domidian. Im Sommer habe man bei der Erstbegehung – gefördert vom Museum Bochum – noch ein Glas Wein getrunken, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt müssten wir auf den Wein verzichten und eben ein bisschen mehr laufen. Das hält warm. Der Pfälzer im Ruhrgebiet begreift Kunst nicht zuletzt als Arbeit, in einer für ihn schönen, aber manchmal eben kalten und anstrengenden Umgebung.

 

 

 Eines der Kunstwerke an der A 43

Der Lärm gehört dazu

 

Einer seiner Kreise befindet sich direkt an einer Auffahrt auf die A 43 in Gerthe, jeder Autofahrer könnte den Kreis zumindest kurz sehen, wenn er nicht auf die Straße achten müsste und hektisch daran vorbeirauschen würde. Doch Hundefänger hat einkalkuliert, dass seine Kunst in der Rastlosigkeit und im Lärm der Autobahn untergeht. Für ihn ist es wichtig, diese Inseln der Natur mit seinen Werken zu besetzen, damit sie nicht länger ein beiläufiger Raum sind. Die Begleitumstände sind nicht nur bewusst gesucht, sie finden sich letztlich auch in seinen Werken wieder, denn "Lärm, das ist für mich Sound. Das gehört zur Skulptur dazu, fließend, vergänglich, wie die Arbeit selbst."

 

Hundefänger über den Lärm an Autobahnen (19s/583KB)

 

Ebenso rast- und ruhelos wie seine Werke ist der Künstler selbst. Er streift durch die Natur und formt aus dem vorhandenen Material Raum- und Klangkörper, aus lose herumliegenden Ästen werden gewollte Arrangements. Der Naturmensch Hundefänger verwendet dabei stets nur das Material, was er vor Ort vorfindet. Er verändert nur, in dem er neu strukturiert. Die Idee dahinter beschreibt er so: "Ich wollte überall auf diesem Planeten mit leeren Händen ankommen, etwas Kreatives tun können und wieder gehen. Ich bin unabhängig von der ganzen Industrie, die Kunst, Kultur oder so produziert." Er komme und gehe mit leeren Händen, alles dazwischen sei Kunst. Seine Kunst. Welche Bedeutung sein Künstlername dabei hat, will er lieber nicht erklären. Die Leute müssten sich darauf ihren eigenen Reim machen, sagt Hundefänger. 

 

Kunst ist vergänglich

 

Eben weil er sich seine Unabhängigkeit bewahren möchte, setzt der Künstler Domidian auch bewusst darauf, die Kunst nach deren Entstehung sich selbst zu überlassen. Die Natur verändert die Skulpturen mit Wind und Wetter ohnehin, aber auch der menschliche Einfluss ist ebenso erwünscht wie unvermeidbar. Manchmal hat das sehr radikale Folgen. Das nächste Objekt auf der Besichtigungstour ist einer Rodung zum Opfer gefallen. Der Künstler schaut sich zunächst verzweifelt nach seiner Installation um, muss dann aber erkennen, dass ungeschützte Kunst in "freier Wildbahn" sehr vergänglich ist. Vergänglicher als erwartet, vergänglicher, als ihm lieb ist. Veränderungen sei er gewohnt, aber "mit so einem Eingriff habe ich eigentlich vorher noch nie zu tun gehabt. Das ist schon ein bisschen schockierend." Er blickt auf die komplett gerodete Stelle, als sei ein Teil von ihm mit abgeholzt worden.

 

Ist der Kreis nun da oder ist er weg? (19s/588KB)

 

 

 Der Künstler und die Vergänglichkeit

Allerdings lässt er sich von kleinen Rückschlägen nicht aus der Bahn bringen. Der nächste Kreis, besser geschützt und direkt an die A 40 grenzend in einem Waldstück gelegen, ist so gut wie unverändert. Er spüre bei jeder Besichtigung eine Energie, die sich auf ihn und die ganze Umwelt auswirke. Auch wenn Passanten nur selten mit der Kunst in Kontakt kommen, so sei ihr Einfluss doch spürbar. Diese Erfahrungen hat er bereits in der ganzen Welt gemacht, seine Kunst führte in unter anderem nach Australien und Japan. Und Rudi Domidian wird weitermachen, wieder losziehen und neue Kreise entwerfen. Auf lange Sicht sollen im ganzen Ruhrgebiet solche Installationen zu finden sein. In Essen gibt es bereits einige, der Großraum Dortmund soll bald folgen. Vielleicht verschlägt ihn das Projekt auch irgendwo anders hin. Er selbst könne das währenddessen nicht vorausahnen.

 

Ein Atelier ist kein Arbeitsplatz

 

Egal wo, die Begehung wird hoffentlich auf einen Sommertag fallen, mit wärmender Sonne und einem schönen Glas Wein. Hundefänger denkt nämlich nicht daran, sich in einem Atelier zu verkriechen: "Das Atelier betrachte ich eigentlich als einen Arbeitsplatz von Künstlern, der sich jeden Morgen um neun dorthin begibt und abends um acht wieder rausgeht, und dazwischen ist irgendwas passiert oder eben nichts passiert. Das habe ich nicht, ich habe keinen Raum. Und ich bin damit glücklich."

 

FOTOS: Björn Boch

 

VON BJÖRN BOCH

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