| Fast wie in der Jugendherberge | ||||||
(InDOpendent) Drei dicke Glastüren. Ein Metalldetektor. Fast wie die Sicherheitszone am Flughafen - so wirkt der Eingangsbereich der neuen Forensik in Dortmund-Aplerbeck. Allerdings: Hier hebt man nicht ab, sondern sitzt ein. Noch herrscht gähnende Leere. Die Kontrollmonitore in der Pforte, auf denen die Bilder der 90 Überwachungskameras zusammenlaufen, zeigen nichts als sterile Räume. In wenigen Tagen wird das anders sein. Dann ziehen die ersten Patienten in die Wilfried-Rasch-Klinik ein. An welchem Tag genau, das unterliegt der Geheimhaltung – aus Sicherheitsgründen. Die neuen Bewohner sind allesamt psychisch kranke männliche Straftäter, die nach § 63 des Strafgesetzbuches verurteilt wurden. "Für uns sind das keine Verbrecher, sondern Patienten", sagt Pflegedirektor Ulrich Liebner. Obwohl sie Verbrechen begangen haben: Sexualdelikte, Brandstiftung, Körperverletzung und Totschlag. "Zum Tatzeitpunkt war keiner von ihnen voll schuldfähig."
Keine vergitterten Fenster
An Knast erinnert hier nichts. Helles Holz, karierte Bettwäsche und strahlend weiße Wände in allen 27 Doppelzimmern. Vergitterte Fenster sucht man vergeblich. Fast wie in einer Jugendherberge. Moderne Sicherheitstechnik ist eben dezent. "Das Fensterglas ist genauso sicher wie die Metallgitter von früher", erklärt die Ärztliche Direktorin Ute Franz, "doch es hat einen großen Vorteil: Der Blick nach draußen ist für die Patienten ungetrübt." Durchschnittlich sechs Jahre seines Lebens verbringt ein Patient in der Klinik. Dementsprechend muss für Beschäftigung gesorgt sein. Zwar füllt die Therapie mit Töpfern, Holz- und Malarbeiten einen Großteil des Tages aus. Doch zusätzlich können die Bewohner in der Cafeteria bald Billard spielen und kickern. Sport ist in der neuen, integrierten Turnhalle und im Innenhof möglich. Alles hinter fünfeinhalb Meter hohen Mauern. "Drüber klettern kann man nicht. Sensoren im Beton schlagen sofort Alarm", reagiert Ulrich Liebner auf besorgte Stimmen von Anwohnern. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei hat das getestet. Die Spezialisten konnten die Mauer nicht unbemerkt überwinden. Alle Bedenken sind damit aber nicht ausgeräumt. Die Aplerbecker Bevölkerung fürchtet sich vor allem vor den Patienten, die einfach durch die Eingangstür hinausspazieren dürfen – als Freigänger.
Der Schutz der Bevölkerung hat oberste Priorität
"Lockerungsmaßnahmen sind unerlässlich, um Therapiefortschritte zu festigen", sagt die Ärztliche Direktorin Ute Franz. "Aber der Schutz der Bevölkerung steht an erster Stelle." Bevor die Patienten allein den Duft der Freiheit genießen dürfen, haben sie bereits mehrere Ausflüge in Begleitung ihrer Betreuer hinter sich.
49 der 54 Plätze in der modernsten Forensik Nordrhein-Westfalens sind bereits für Bewohner der überfüllten Nachbarklinik in Lippstadt-Eickelborn reserviert. Die übrigen fünf Plätze stehen aktuellen Fällen des Landgerichtsbezirks Dortmund zur Verfügung. Dann ist auch der Neubau in Aplerbeck voll. Und wohin mit weiteren nach §63 verurteilten Straftätern? "Wir hoffen, dass an anderen Standorten schnell gebaut wird", sagt Liebner mit Blick auf die derzeitige Situation in NRW. Bis 2009 sollen - verteilt auf die Städte Duisburg, Essen, Herne, Köln und Münster - noch 414 Forensik-Plätze geschaffen werden.
FOTOS: Christine Veenstra | ||||||
|
|
||||||
|
|
||||||

