| Verheiratet mit Hoesch | ||||||||
(InDOpendent) Das Hoesch-Museum erinnert seit seiner Eröffnung im Oktober an 160 Jahre Dortmunder Stahlgeschichte. Zusammen mit der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Marlies Berndsen ist Jil Türck durch die Ausstellung geschlendert und hat die schönsten Stücke und ein bisschen Wehmut eingefangen.
Marlies Berndsen ist mit Hoesch verheiratet. Das sagt die 73-Jährige zumindest, wenn sie auf ihr Leben zurückblickt. Ein erster Schritt in jungen Jahren: Die Hochzeit mit dem Verwalter des Hoeschparks. Der war zudem Sohn von Alfred Berndsen, dem ersten Arbeitsdirektor von Hoesch (1949-1960). Ihr halbes Leben hat Marlies Berndsen in der Dienstwohnung am Hoeschpark verbracht, ihre drei Kinder dort aufgezogen und ihren Mann nach Kräften unterstützt. Mit den Grundpfeilern von Hoesch, Bergbau, Produktion und Weiterverarbeitung von Stahl, kannte sie sich kaum aus. Aber sie schrieb für die Werkszeitung und übernimmt bis heute Ehrenämter in der Hoeschfamilie. Mittlerweile packt sie als eine von 50 Ehrenamtlichen im Museum mit an. Viele der Ausstellungsstücke konnte sie durch ihre zahlreichen persönlichen Kontakte beschaffen. Andere stammen aus ihrem eigenen Keller. Zu jedem einzelnen fällt Marlies Berndsen eine Geschichte ein.
Harte Zeiten
"Ach ja, die Stechuhr. Da mussten jeden Tag Tausende dran vorbei. Jeder Arbeiter hatte seine eigene Karte. Einmal beim Reingehen stempeln und einmal beim Rausgehen. Es passierte öfter, dass jemand nach Feierabend nicht abgestempelt hatte, also nicht vom Werksgelände runter war. Dann hieß es suchen. Hatte es irgendwo einen Unfall gegeben? Gut möglich. Aber einmal, da ist einer auch einfach an einem Herzinfarkt gestorben. Einfach so auf Hoesch gestorben. Und sonst? Was mir noch zur Stechuhr einfällt: Wir suchen dringend einen netten Studenten, der sie wieder in Gang bringt."
Wahres Symbol
"Das gotische "H" ist ja schon immer das Zeichen für Hoesch gewesen. Heute gibt’s diesen schrecklichen modernen Schriftzug. Total nichtssagend. Für die alten Hoeschianer wird das gotische "H" immer das einzig wahre Hoesch-Symbol sein – und für mich sowieso."
Hitzige Tonne
"Der Streikofen war bei uns zum Glück wenig in Gebrauch. Bei Hoesch gab es halt nicht viel zu streiken. Aber wenn es dann nötig war – so wie 1969, als so ziemlich alle Stahlarbeiter für bessere Löhne kämpften – hat er die Nacht erwärmt. Und viele schwielige, von der Arbeit zerfurchte Hände."
Gusseisernes Handy
"Die Glocke vom Eingang des Hoeschparks – wenn sie läutete, war entweder Feierabend oder der Pförtner war in Not. Etwa wenn ein Besoffener der Meinung war, er müsse Randale machen. Solche Typen gab es auch tagsüber. Da der Feierabend immer mit Einbruch der Dunkelheit begann, hieß Geläut am helllichten Tage: schnell ab zum Tor, dem Pförtner helfen! Was soll ich sagen, die Glocke war einfach das Handy der Hoeschianer."
Maßgeschneiderte Uniform
"Wir hatten sogar einen eigenen Karnevalsverein. Hoeschianer zu sein hieß auch neben der Arbeit viel zusammen zu sein. Mein Schwiegervater wollte seinen Angestellten als Direktor wirklich das Leben versüßen. "Das macht Spaß, das muss es bei uns auch geben", hat er mehr als einmal gesagt. Er war auch Ehrensenator im Karnevalsverein. Und ich – das darf man eigentlich gar keinem mehr erzählen – war das Funkemariechen. Die maßgeschneiderten Uniformen wurden alle von Hoesch bezahlt. Heute in Deutschland wohl undenkbar. Aber wir hatten früher bei Hoesch noch unsere eigene kleine Welt."
Stacheliger Gott
"Der gute alte Neptun stand lange bei uns zu Hause rum. Das war der Entwurf für die große Neptun-Figur am Planschbecken des Kindergartens im Hoeschpark. Aber ich hab mich jedes Mal beim Staubputzen an seinem Dreizack gepiekst."
Das Hoesch-Museum in der Eberhardstraße 12 hat geöffnet: Dienstag und Mittwoch 13 bis 17 Uhr sowie Donnerstag 9 bis 13 Uhr oder 16 bis 20 Uhr und Sonntag 10 bis 17 Uhr. Führungen können vereinbart werden unter Tel.: (0231) 844 5856 oder per Email: Hoesch-Museum(at)web.de
FOTOS: Jil Türck
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