(InDOpendent) Auch wenn die Streifen aus der Filmstadt Bollywood mit dem realen Indien wenig gemein haben, avancieren sie in Deutschland zu echten Publikumslieblingen. In den rund dreistündigen Streifen erwartet die Zuschauer eine Mischung aus Liebe, Leid und Tragik – und das alles jugendfrei.
Der Stoff, aus dem indische Filme gemacht sind, ist immer der gleiche: Mann trifft Frau, beide verlieben sich, ein Bösewicht ist gegen die Vermählung. Doch am Ende siegt das Gute. In Indien wird der Inhalt gerne mit dem Wort Masala beschrieben. Dahinter verbirgt sich eine Gewürzmischung, aber eben auch alle Zutaten für einen erfolgreichen Film: Liebe, Drama, Komik, Action und jede Menge Tanz und Gesang.
2003 beginnt der Bollywood-Boom
Nachdem 2003 einer der ersten indischen Filme in den deutschen Kinos lief ("In guten wie in schweren Tagen"), sorgte das für einen echten Boom. Seitdem hat das Kölner DVD-Label Rapid Eye Movies sechs Titel herausgebracht. Der Streifen "Und ganz plötzlich ist es Liebe" schaffte es sogar von null auf Platz eins der deutschen DVD-Charts. Mit dem Erfolg hat niemand gerechnet. "Aber wir haben an die Filme geglaubt", erklärt Nina Lobinger von Rapid Eye Movies. Im Fernsehen hat sich RTL II auf die indischen Epen spezialisiert und erreicht damit nach eigenen Angaben bis zu acht Millionen Zuschauer.
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Filmszene aus "Veer und Zaara". |
Dass Hollywood sich einmal im Jahr zur Oscar-Verleihung als Mekka der Filmwelt feiern lässt, mag an der glamourösen Eitelkeit der Stadt und ihren Machern liegen. Mit der Realität hat das nämlich – gemessen am Produktionsvolumen – nicht viel gemein. Denn das echte Mekka liegt in Bombay und nennt sich passend zum amerikanischen Pendant Bollywood. Rund 800 neue Streifen entstehen hier jährlich, in denen sich Gut und Böse bekämpfen, Mann und Frau zueinander finden.
Streifen haben mit der Realität nichts gemein
"Mit dem realen Leben haben die Filme aus Bollywood aber nicht viel zu tun", sagt der Dortmunder Student Bobby Cherian, der als Kind die Sommerferien häufig in der indischen Heimat seiner Eltern verbracht hat. "In den Filmen wird zum Beispiel die freie Liebe glorifiziert. Auch wenn sich das Land in diesem Punkt langsam wandelt, stehen arrangierte Hochzeiten immer noch auf der Tagesordnung", sagt der 24-Jährige. Dass in seinem Freundeskreis die Bollywood-Produktionen Anklang finden, wundert Cherian aber nicht. "Es ist eben etwas Neues, etwas, das man hier nicht kennt. Außerdem haben die Filme einen hohen Unterhaltungswert."
Mit ihren eindimensionalen Charakteren, den simplen Handlungen und den immer wiederkehrenden Happy Ends seien die Filme eine Alternative zu den üblichen Spielfilmen, meint der Filmwissenschaftler Gerald Koeniger von der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Design. "Die Filmemacher lassen sich Zeit. Das ist etwas anderes als die üblichen Schnittgewitter und Hightech-Produktionen aus Hollywood", erklärt er. Dass die indische Filmlänge von dreienhalb Stunden irgendwann mal die typischen 90-Minuten-Spielfilm ablösen wird, glaubt der Professor aber nicht: "Man darf das Ganze auch nicht überbewerten." Ein weiterer Grund für den Erfolg aus Bollywood liege an der Atmosphäre. "Indien mit seiner Filmkultur wirkt auf Europäer wie Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert", sagt Koeniger. Kitschig, schnulzig, aber schrecklich schön.
Filme optisch auf Europa getrimmt
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Filmszene aus "Denn meine Liebe ist unersterblich". |
Auch die Attraktivität der (weiblichen) Schauspieler, kann ein Grund für den Boom sein. Sie sind im Laufe der Produktionsjahre schlanker geworden, haben eine angenehme Sonnenstudio-Bräune und die Gesichtszüge fallen in das klassische Kindchen-Schema. So verwundert es auch nicht, dass die Miss World von 1994 zu den erfolgreichsten Schönheitsköniginnen im indischen Filmgeschäft zählt. "Die Filme wurden optisch auf Europa getrimmt", erklärt der Filmwissenschaftler.
Doch in einem Punkt ist Indien seiner Moral treu geblieben: Vor laufender Kamera wird nicht geküsst, von Sex-Szenen ganz zu schweigen. Dafür gibt es Tanzeinlagen, Gesang und eine zarte Erotik, die wie der typische Filmwind durch die Handlung flattert. "Erotik hat etwas mit Träumen zu tun. In diesen Filmen wird die Leidenschaft nicht wie ein McDonalds-Gericht serviert, sondern der Zuschauer hat auch etwas zu tun", sagt Koeniger. Und bis dieser Traum zu ende geht, werden wohl noch tausende Filmminuten voller Liebe, Dramatik und Musical-Szenen über deutsche Leinwände flimmern.
Fotos: Rapid Eye Movies.