Allein nach der Kältenacht Anfang dieser Woche gab es in Deutschland vier Todesopfer zu beklagen. In Sachsen-Anhalt starben eine Frau und ein Jogger, in Niedersachsen erfror ein 68-jähriger Mann alkoholisiert in einem Gebüsch unweit seiner Haustür, in Hessen ein Obdachloser. In Russland waren es am Wochenende laut Medienberichten 40, in Polen 20 Menschen.
Auch die Dortmunder Bahnhofsmission bekommt die Kälte zu spüren. Zwar gibt es dort für Menschen ohne festen Wohnsitz keine Schlafplätze um der klirrenden Kälte in den Nächten zu entgehen, doch die Missionsmitarbeiter vermitteln Obdachlose weiter. "Viele kommen in unsere Räume, wollen sich einfach eine Weile aufhalten, Wärme suchen, reden und ein warmes Käffchen trinken", berichtet die Missionsmitarbeiterin Berg. Angesichts der eisigen Temperaturen sind es "mehr Besucher als sonst".
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Eisige Zeiten für Wohnungslose |
Die Kälte hat in Dortmund bereits im November des vergangenen Jahres ein Menschenleben gekostet. Ein 52-jähriger Obdachloser wurde nach einer der Eisnächte dieses frostigen Winters von Dortmunder Spaziergängern tot unter einer Fußgängerbrücke an der Maurice-Vast-Straße gefunden. Erfroren in der Nacht vom 26. auf den 27. November 2005 hat es im Polizeibericht geheißen. Die städtische Pressestelle erklärte, es seien ausreichend Übernachtungsmöglichkeiten vorhanden.
Ein daraufhin gestellter Dringlichkeitsantrag der Linken.PDS im Dortmunder Stadtrat, während der kalten Jahreszeit einige U-Bahnhöfe im Stadtgebiet rund um die Uhr geöffnet zu halten, wurde abgelehnt. In einer Begründung hieß es: "Der verstorbene Obdachlose war im Hilfesystem bekannt. Er selbst verfügte seinerseits über Kenntnisse des Beratungs- und Unterstützungsangebots." U-Bahnhöfe stellten kein adäquates Unterbringungsangebot dar, wenn Wohnungslose eine Unterbringung ablehnen, müsse man dies im Rahmen der Eigenverantwortlichkeit akzeptieren.
Einstellungen in der kalten Winterphase überdenken
So heißt es denn auch in einem gemeinsam vom Diakonischen Werk und dem Sozialamt entwickelten sowie verbreiteten Flyer an wohnungslose Frauen und Männer zur Unterbringung im Winter: "Auch wenn Sie die Übernachtungsmöglichkeiten ablehnen, möchten wir an Sie appellieren, Ihre Einstellungen zumindest während der kalten Winterphase zu überdenken. Für diese Zeit bieten wir Ihnen nach Möglichkeit die Unterbringung in einem Einzelzimmer an. Sofern Sie über kein eigenes Einkommen verfügen und Grundsicherung für Arbeitssuchende beziehen oder sozialhilfeberechtigt sind, werden keine gesonderten Benutzungsgebühren erhoben. Bei vorhandenem Einkommen kann eine Benutzungsgebühr (4,63 Euro täglich) berechnet werden."
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Kalte, ungemütliche Plätze in Dortmund |
Angeregt durch die Diskussionen erscheint in der Zeitschrift von Bodo e.V. ein "Selbstversuch" zur Frage, ob Obdachlose problemlos einen Schlafplatz bekommen. Der Autor landet in der Übernachtungsstelle des Sozialamtes der Stadt Dortmund in der Unionstraße. Fazit: Ohne Geld und ohne Papiere lässt sich dennoch für eine Nacht ein – wenn auch wenig anheimelnder – Schlafplatz finden. Auch der verstorbene Obdachlose hatte in der Unionstraße oftmals genächtigt.
Städtische Notunterkünfte werden oft gemieden
Die Problematik scheint, dass ein großer Teil der Obdachlosen die städtischen Notunterkünfte aus verschiedenen Gründen nicht nutzt. Teils aufgrund der Zustände, aufgrund möglicher Übernachtungskosten, aus Angst vor Obrigkeiten – die Gründe sind vielfältig. Nadja (17) jedenfalls geht auch nicht gern in die städtischen Unterkünfte. Aber nicht nur in Dortmund, überall nicht. Sie ist auf der Durchreise und nein, sie hat ihn nicht gekannt, den Obdachlosen, der erfroren ist. Es ist Nadjas vierter Winter auf der Straße irgendwo in Deutschland. Gegen die Kälte hat sie ihren Hund, den Schlafsack und die Isomatte. Andere "haben Schnaps". Erfrieren ist was für "Alte, Unvorsichtige", denn "die saufen sich zu und merken dann nichts mehr", meint die junge Obdachlose. Das passiere ihr nicht.
Eine Untersuchung der Universität Bochum, Lehrstuhl für Kriminologie, Strafvollzug und Kriminalpolitik, zum Thema "Obdachlose, Nichtsesshafte und Straßenkinder in Großstädten" aus dem Jahr 2001 spricht von teilweise "heruntergekommenen Unterkünften". Laut Studie trifft Wohnungslosigkeit - die sich häufig damit begründet, dass Vermieter aufgrund von "Zahlungsunfähigkeit oder mietwidrigem Verhalten" fristlos kündigen – aber eben nicht nur Erwachsene. "In Dortmund waren 1999 von rund 190 Wohnungslosen 15 Prozent Kinder und Jugendliche."
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Hauseingänge bieten Wärme. |
Jetzt gehört Nadja dazu, die zwischen den Zeilen erklärt, dass sie die Unterkünfte aus Angst vor Übergriffen meidet und damit eine weitere Erhebung der Bochumer Untersuchung stützt. Platz wäre in der Frauenübernachtungsstelle des Diakonischen Werks in Dortmund. Doch da weibliche Wohnungslosigkeit ohnehin seltener ist, kehrt das dortige Klientel eigentlich seltener wegen der kalten Temperaturen als vielmehr aufgrund häuslicher Notlagen ein.
Eine wirklich weihnachtliche Idee
Dass letztlich auch nicht immer nur städtische, soziale und kirchliche Einrichtungen gefragt sind, hat Kapitän Daniel van Buyten vom Fußball-Bundesligisten Hamburger SV kürzlich bewiesen. Er kellnerte für Obdachlose im Rahmen der Veranstaltung "Wundervolle Weihnacht" vom Hamburger Radiosender Oldie 95 und der Obdachlosenzeitung "Hinz und Kunz". Rund 400 Hamburger ohne festen Wohnsitz und ihre Hunde waren in den Hamburger Weihnachtsfeiercircus auf dem Gelände der Trabrennbahn Bahrenfeld eingeladen. Bei einem Adventsbuffet erlebten die Gäste Zirkus, Musik und Show. Prominente wie van Buyten, FC St. Pauli-Spieler Fabio Morena, die Schauspieler Fabian Harloff und Marek Erhardt, "Rattles"-Frontmann Dicky Tarrach sowie "Aale Dieter" vom Fischmarkt füllen das Essen auf die Teller. Für ein warmes Stück von der fröhlichen Weihnacht.
FOTOS: Larissa Beu