Das Spiegelbild ihrer rehbraunen Augen schimmert in der Scheibe. Ihr Blick ist starr und leer. Die junge Frau wirkt an diesem trüben Novembermorgen traurig. Gerade noch war sie euphorisch - bis sie es ihrem Freund erzählt hat. Jetzt wünscht sie sich wahrscheinlich, dass es dieses Handy-Gespräch niemals gegeben hätte.
Sie hat ihm offenbart, im dritten Monat schwanger zu sein. Und er hat geschwiegen. Nicht nur wir haben es mitbekommen. Um uns herum unterbrachen Bahnreisende ihre Zeitungslektüre.
"Du Schatz, freust du dich denn gar nicht?" – Totenstille am anderen Ende der Leitung. Und die resultiert nicht aus der miserablen Verbindungsqualität in der Bahn.
"Bist du noch dran? Hallo?" Er ist noch dran, weiß aber scheinbar nicht, wie er auf die "freudige Botschaft" reagieren soll.
Dass er falsch reagiert hat, können wir in diesem Moment nicht nur an den tiefen Stirnfalten der jungen Frau ablesen, sondern auch von ihren Lippen: "Aber wir wollten doch immer…", flüstert sie, als sie bemerkt, dass sie von allen Seiten taxiert wird.
Was nicht passt, wird passend gemacht. Oder etwa doch nicht?
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Eiskalt abserviert |
"Jetzt komm mir nicht wieder mit so 'ner Ausrede. Ey Maik, du bist im Januar mit deiner Ausbildung fertig. Wir kriegen das schon hin". Doch ihre Euphorie will sich nicht auf Maik übertragen. Er hat anscheinend Bedenken. Ist es die Angst vor finanziellen Schwierigkeiten, oder fühlt er sich noch nicht reif für ein Kind? Sie jedenfalls wirkt bodenständig, sieht aus wie Anfang 20, kann sich – für heutige Verhältnisse – ordentlich artikulieren und scheint im "Mikrokosmos Bahn" nicht dem Bildungs-Proletariat anzugehören. Ein Bahnreisender, der der Frau gegenüber sitzt, wird frontal von ihrem Blick getroffen und schaut sofort verlegen zur Seite.
Ein Lippenbekenntnis
Ihre eben noch vollen Lippen sind zusammen gepresst. "Ich muss gleich aussteigen. Lass uns heute Abend darüber reden. Ach so, dann sehen wir uns also nicht? Wann trefft ihr euch denn?" Man kann nur erahnen, wie wichtig es ihm ist, dass seine Freundin schwanger ist. Aber man kann sehen, dass sich sein gerade geäußerter Satz nicht besonders positiv auf ihre Laune auswirkt.
"Gut. Dann tschüss". Sie steckt ihr Handy in die Innentasche des Mantels, dreht den Kopf und verbirgt ihr Gesicht hinter ihrer Hand.
Auch wir sind betroffen, leicht verlegen und wundern uns, wie Männer reagieren können.
Es hat begonnen zu regnen. Das Trauerspiel drinnen hat sich auf draußen übertragen.
Foto: Thorsten Adolphs
Der Tierschützer
Die Rio-Reise
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Der parteiische Unparteiische