Eigentlich ist Sommer die schlechteste Zeit, um sich tätowieren zu lassen. Das frisch gestochene Motiv soll vor der Sonne versteckt werden. Doch der Dortmunder Tätowierer André Harke spürt nichts von der vermeintlichen Sommerflaute. Sein Auftragsbuch ist voll. Er arbeitet ohne Schablone und das zieht die Kunden an.
Dirk ist ein kräftiger Mann Ende dreißig. Er sitzt entspannt auf einem Drehstuhl, sein Motorradhelm liegt auf der Couch nebenan. Vor 20 Jahren ließ er sich einen schwarzen zähnefletschenden Panther auf den linken Oberarm tätowieren. Das sei cool gewesen, sagt er. Heute gefällt ihm das Motiv nicht mehr und soll verschwinden: "Ich kann es nicht mehr sehen".
Deshalb ist Dirk hier, in einem Tattoo-Studio in Dortmunder Innenstadt. Ein neues größeres Tattoo soll das alte überdecken. "Cover-up" heißt diese Methode im Fachjargon.
Ein dünner junger Mann, der Dirks Wunsch gleich erfüllen wird, heißt André Harke. Er ist 29 und sieht ein bisschen wie ein Grufti aus, alles in schwarz: T-Shirt, Jacke, Baseball-Mütze, Brille. Seine Ganzkörpertätowierung ist auch schwarz. Dickes Muster aus Figuren, Linien und Schriftzeichen bedeckt seine Arme bis an die Knochen, Elemente eines Ornaments sind auch hinter seinen Ohren und am Hals unter dem Kinn sichtbar. "Ich trage bis auf ein paar Ausnahmen traditionelle Tätowierungen von der indonesischen Insel Borneo. Ich habe mich lange dafür interessiert und die gefallen mir vom Stil her", erklärt André mit einer leisen Stimme.
Ob er noch tattoofreie Körperteile hat? "Ja (er lacht). Unterer Teil vom Rücken, Hinterseite der Oberschenkel... und das Gesicht sind noch frei".
Ein Wuppertaler in Dortmund

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Andrés Bilder: eine düstere Welt. |
Seit acht Jahren ist André bereits im Geschäft. Zunächst in seiner Heimatstadt Wuppertal, wo er eine dreijährige Ausbildung in einem Tattoo-Studio gemacht hat, und jetzt in Dortmund. Es ist sein Traumjob: "Hauptsache ist für mich das Bildermalen. Tätowieren gibt mir die Möglichkeit, den ganzen Tag zu malen und davon leben zu können".
Dass André gerne malt merkt man sofort - an den dunkel rot gefärbten Wänden des Studios hängen seine Bilder mit düsteren Motiven: viele Schädel sind zu sehen, blutende Figuren von Menschen, Tieren oder mystischen Wesen oder schwarz-weiße Muster.
Genau so ein Muster bekommt jetzt Dirk unter die Haut gestochen. Es heißt "Tribal" - ein schwarzes geschwungenes Symbol, das auf alten Stammestraditionen basiert. Dirk möchte ein individuelles Tattoo haben, "ein Unikat". Er sagt, dass er deshalb zu André gekommen sei, weil der beim Tätowieren nicht mit Schablonen, sondern mit eigenen Entwürfen arbeite.
Desinfizieren, malen, stechen
Das oberste Gebot beim Tätowieren heißt Hygiene. André zieht als erstes Einweggummihandschuhe an und besprüht Dirks Oberarm mit einem Desinfektionsmittel. So soll die Gefahr einer Infektion reduziert werden. Dann wird die Tattoo-Stelle glatt rasiert.

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Cover-up: Eine neue Tätowierung überdeckt die alte. |
Jetzt geht es los. André nimmt einen roten Filzstift und malt das Motiv auf Dirks Haut. Dirk guckt sich das im Spiegel an. Es gefällt ihm. Das eigentliche Tätowieren kann nun beginnen. Eine Aufgabe, die einen Ganzkörpereinsatz erfordert. Mit der linken Hand spannt André Dirks Haut auf dem Oberarm an, in seiner rechten Hand hält er die Tätowiermaschine und bedient sie mit einem Fuß, genauso wie ein Zahnarzt. Auch das summende Geräusch der Maschine erinnert an eine Zahnarztpraxis, nur ist die Tätowiermaschine noch lauter.
André macht mit der Maschine kreisende Bewegungen so wie Kinder in einem Ausmalbuch. Die schwarze Tinte wird dabei ca. 1,5 mm unter die Haut gespritzt. Ob es weh tut? "Nein, ganz und gar nicht. Es fühlt sich so wie kleine Nadelstiche an, kann man gut aushalten", versichert Dirk und lächelt. Ein Teil der Flüssigkeit tritt auf der Armoberfläche aus und glitzert im Lampenlicht. André muss sie immer wieder mit einem Papiertuch abwischen. Das sei normal, sagt er.
Pflege ist wichtig für Heilung
Langsam verschwindet der Panther unter dem Tribal-Tattoo, bis er nach ca. anderthalb Stunden ganz weg ist. Das neue Tattoo sieht sehr dunkel aus, die Haut an den Rändern ist rot und angeschwollen. Nun ist Pflege angesagt. André wickelt Dirks Oberarm in Frischhaltefolie ein, die er mit Klebeband befestigt. Die tätowierte Stelle darf zunächst nicht gewaschen werden und muss von der Sonne geschützt sein, weil das Motiv verblassen könnte. Die Heilung wird mindestens zwei Wochen dauern, sagt André. Spezielles Balsam soll den Prozess beschleunigen.
Dirk scheint sehr zufrieden. Das Cover-up hat ihn ca. 200 Euro gekostet - viel Geld für einen arbeitslosen Walzwerker. "Ich habe lange gespart, aber es hat sich gelohnt", sagt er und geht.
"Schöne saubere Linien"

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Zunächst wird das Motiv mit einem Filzstift auf die Haut gemalt. |
Andrés nächster Kunde an diesem Tag heißt Andy, ein junger Musiker aus Dortmund. Er ist ein Freund und ein Stammkunde. Seinen ganzen rechten Oberarm hat André tätowiert und ist sehr stolz darauf. Wenn er irgendwann eine Bewerbungsmappe mit seinen besten Arbeitsproben zusammenstellen sollte, werde er Fotos von Andys Arm auf jeden Fall darin legen.
Inzwischen kommt noch ein Motiv dazu: eine Rose mit Diamanten und Trommelschlegeln im Hintergrund, denn Andy ist ein Trommler.
"Projekte" wie Andys Arm, also mehrere Tätowierungen, die konzeptionell aufeinander abgestimmt sind und über längere Zeit entstehen, macht André "super gerne". Je größer ein Tattoo sei, desto anspruchsvoller sei seine Arbeit. Das reizt ihn offenbar als Künstler. Qualität sei für ihn wichtig und bedeute "schöne saubere Linien und schöne Übergänge bei Schattierungen".
Ein Tattoo zum Geburtstag
Die Arbeit an Andys Oberarm wird für kurze Zeit unterbrochen. Eine Kundin ist gekommen. Sie möchte ihrem Mann ein Tattoo zum Geburtstag schenken. Er sei Fernfahrer und habe schon einige Tattoos, sagt sie und fügt hinzu: "Ich habe gehört, dass sie gut sein sollen".
André fühlt sich offenbar geschmeichelt. Er bedankt sich, lächelt und fragt: "Was soll es denn sein?". "Ein Indianerband". "Wie soll er aussehen?" "Mit Federn und so". Das wichtigste ist damit geklärt. Schnell wird ein Termin vereinbart, an dem der Fernfahrer vorbei kommen wird, um sich ein von André entworfenes Motiv anzuschauen. Über den Preis wird nicht gesprochen.
Harter Job, der Spaß macht
Nun ist Andy wieder dran. Mehr als drei Stunden dauert es, bis die schwarze Rose auf seinem Oberarm fertig ist. Es blieb bei Diamanten und Trommelschlegeln, die in anderen Farben gestochen werden: blau und rot. Wenn auch diese Elemente fertig sind und Andys angeschwollener Arm sicher in eine Frischhaltefolie eingewickelt ist, ist auch Andrés Arbeitstag zu Ende.

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Andys Arm: vorher... | ...und nachher. |
Es sei ein harter Job, gibt der Tätowierer zu. Man müsse sich ständig konzentrieren. Doch es mache ihm auch einen Riesenspaß: "Ich habe das Glück, davon leben zu können".
FOTOS: Roman Goncharenko