"Dima, wie lange bist Du schon hier", fragt die Lehrerin den Jungen mit den dunklen Haaren in der letzten Reihe. Er schaut fragend zu seinen Mitschülern. "Sag, wie lange Du schon in Deutschland bist", flüstert ihm ein Mädchen von vorne auf Russisch zu. Dima Sipcov nickt und antwortet: "Seit einem Jahr."
Dima besucht die Hauptschule im Dortmunder Stadtteil Scharnhorst. Es hätte auch kaum anders kommen können. Der Weg für junge Spätaussiedler, die nach Dortmund kommen, führt eigentlich immer an genau diese Schule in genau diesem Stadtteil. Manche Politiker nennen das Ghettoisierung. Scharnhorst ist das Viertel der Spätaussiedler. Rund 30 Prozent der Hauptschüler kommen aus Russland oder den GUS-Staaten, haben aber einen deutschen Pass. Deutsch sprechen die Meisten von ihnen zu Hause jedoch nicht.

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Die Hauptschule in Schanhorst - Integration durch Spracherwerb. |
Deutsch vs. Russisch
Genau das wird aber jetzt von ihnen verlangt. Integration durch Sprach-erwerb. Um Deutsch zu lernen, besuchen Neuankömmlinge zunächst Vorbereitungsklassen. Und die gibt es nur an Hauptschulen. In diesen Klassen wird mindestens 12 Stunden die Woche Deutsch unterrichtet. Auch alle anderen Fächer haben in erster Linie das Ziel, die Sprache zu vermitteln. So geht es zum Beispiel in Biologie nicht in erster Linie um Dinge wie Genetik, sondern auch um ganz alltägliche Begriffe wie Hund, Katze und Maus.
Die Vorbereitungsklasse haben Nadja, Sergej und Dima längst hinter sich gelassen. "Idealerweise lernen die Kinder so schnell, dass wir sie nach einem halben Jahr in eine reguläre Klasse schicken können. Doch das schaffen die Wenigsten", erklärt Deutschlehrerin Ulrike Lindzus.
Eine fremde Sprache in einem halben Jahr zu erlernen, ist eine echte Herausforderung. Vor allem dann, wenn jenseits des Unterrichts die deutschsprachige Welt aufhört. Auch Nadja, Sergej und Dima verbringen ihre freie Zeit am liebsten mit anderen Aussiedlern. Sie hören russische Musik, gehen in russische Diskos und essen russisch. "Es ist für uns schwer, deutsche Freunde zu finden. Sie sind sehr anders, mehr individualistisch, egoistisch sogar", sagt Sergej.
Ankunft in der fremden Heimat

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Unna-Massen: erste Anlaufstelle für Spätaussiedler - seit 1951. |
Die erste Anlaufstelle für Spätaussiedler wie Dima, Sergej und Nadja ist in Nordrhein-Westfalen die Landesstelle Unna-Massen. Seit 1951 werden hier Aussiedler und Flüchtlinge aufgenommen. In den vergangenen zehn Jahren sind 208.985 Spätaussiedler nach NRW gezogen. Die meisten von ihnen kommen aus Russland. Die Landesstelle Unna-Massen ist mittlerweile NRWs Migrationszentrum geworden.
"Wir wollen den Bildungsstand der Menschen so an die deutschen Verhältnisse anpassen, dass sie auf unserem Arbeitsmarkt eine Chance haben", so der zuständige Abteilungsleiter Joachim Donnepp. Deshalb gibt es vom ersten Tag an sogenannte Kompasskurse in russischer Sprache, die eine erste Gebrauchsanweisung für das Leben in Deutschland geben sollen. Außerdem werden jedem Ankömmling sechsmonatige Deutschkurse angeboten. Von Unna-Massen aus geht es dann weiter in eine der 396 Aufnahmekommunen des Landes.
"Ein Sergej bleibt immer der Russe"
Aus einem Igor ist dann oft schon ein Gerhard geworden. "Die Eindeutschung der Namen ist ein wichtiger Teil des Integrationsprozesses", so Christina Hammer, Mitarbeiterin der Landesstelle Massen. Viele russische Namen seien schwer auszusprechen und wegen der kyrillischen Schrift für die Behörden kaum zu gebrauchen. "Ein Sergej kann sich noch so sehr anpassen, mit seinem Namen bleibt er immer der Russe." Dabei ist die Umbenennung keineswegs eine Pflicht sondern ein gesetzlich geregeltes Recht.
Die "94er" nennt Monika Mronzinski die Aussiedler, die sich bei ihr im Standesamt Dortmund umbenennen lassen. Sie bezieht sich dabei auf den entsprechenden Paragraphen des Bundesvertriebenengesetzes. Dieser besagt, dass Vertriebene und Spätaussiedler ihre Vor- und Familiennamen in deutsche ändern dürfen. "Gerade ältere Aussiedler finden es toll, plötzlich Gerhard heißen zu können", erzählt Mronzinski.
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Nadja ist froh, immer noch Nadja zu heißen. |
Vormittags Stefan - nachmittags Slava
Jüngere Aussiedler finden das weniger toll. Nadja, Dima und Sergej haben ihren Namen behalten. Dima scherzt: "Wenn man mir vorgeschlagen hätte, auf einmal Dieter zu heißen, wäre ich lieber gleich zurückgefahren." Dass es ein Recht und kein Pflicht ist, wissen viele Russland-Deutsche aber nicht. Sergej erzählt: "Meinen Eltern wurde gesagt, man müsse die Namen unbedingt ändern, damit sie deutsch klingen." Jetzt heißt einer seiner Brüder Stefan statt Slava und der anderer Dieter statt Dima. Im "deutschen" Leben Stefan, im Privaten Slava. "Der würde ausrasten, wenn wir ihn Stefan nennen".
Jemand, der zuhört
"Eigentlich hat alles, was wir hier machen, mit Integration zu tun" - das ist einer der wenigen Sätze, die Ursula Budde beim Gespräch in ihrem Büro sagen kann, ohne unterbrochen zu werden. Hauptschulleiter sind derzeit gefragte Interviewpartner. Den ganzen Vormittag war ein Kamerateam da, das ein "positives Beispiel" einer Hauptschule dokumentieren wollte. Ständig klingelt das Telefon.

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Schulleiterin Ursula Budde ist ein gefragter Interviewpartner. |
Einige Lehrer sind krank, deshalb schiebt auch die Chefin Pausenaufsicht. Und wenn ein Schüler den Schlüssel für die Toilette braucht, klopft er auch an Ursula Buddes Tür. Viermal die Woche sind die Kinder bis 16 Uhr an der Schule. Alltag einer erweiterten Ganztagsschule. "Woran es allen Kindern in der Regel mangelt, ist jemand, der ihnen zuhört", berichtet Budde.
Die schuleigene Sozialpädagogin Claudia Abrat hört zu. Wenn jemand redet. Aber besonders die Spätaussiedler seien sehr verschlossen und würden die meisten Dinge unter sich regeln. Nur einmal hätten sie offen über ihre Gefühle und Sorgen gesprochen. Kurz vor Weihnachten hat sich ein Junge das Leben genommen. Er kam aus Kasachstan und war einer von ihnen.
Kein Weg zurück
"Die Hauptprobleme unserer Schüler sind die Perspektivlosigkeit und das soziale Umfeld", sagt Ursula Budde. Die meisten Eltern der Russland-Deutschen Kinder seien ständig auf Job-Suche. "Mein Vater ist eigentlich Feuerwehrmann, hier arbeitet er aber als Müllsammler", sagt Sergej. "So ist es halt", zuckt er gelassen mit den Schultern. Doch zurück nach Russland will keiner von den Schülern. "Hier gibt es einfach viel mehr Chancen", sagt Sergej. Der 17-Jährige hat schon genaue Pläne für seine Zukunft: Drei Jahre Bundeswehr und dann Feuerwehrmann werden - wie damals in Russland sein Vater.
FOTOS: Voglreiter, Landesstelle Unna-Massen