| Eine Tasse Kaffee und ein Gedicht, bitte! | ||||||
Das Geklimper der Gläser störte, der bierselige Plausch am Nachbartisch auch. Überhaupt war es zu unruhig, um sich komplett der Lyrik hinzugeben. Veranstalter Hans Joachim Nölle wurde zunehmend unruhiger, alles Bitten und Betteln half nichts. Das Weihnachtsgeschäft im Café Backstage brummte und dagegen kam der Dortmunder Kulturmanager nicht an.
Es ist Samstagabend, die erste Lesung des Literaturprojektes "Lyrik zum Kaffee" steht bevor. Das Café an der Reinoldistraße füllt sich bis auf den letzten (Steh-)Platz, viele Gäste wollen die drei jungen polnischen Dichterinnen hören - einige aber auch nicht. "So ein volles Haus für die Lyrik zu haben, ist eine Seltenheit", begann dann auch Hans Joachim Nölle den Abend durchaus frohen Mutes. Ein halbe Stunde später musste er sich eingestehen, dass das Projekt wahrlich noch in der Entwicklungsphase steckt, dass es auch für ihn eben noch ein Experiment sei.
Appetithäppchen
Den Grundstein für diese außergewöhnliche Lesung legten Hans Joachim Nölle und die polnische Dichterin und Drehbuchautorin Anna Piekara (33) im Juni in Krakau. Sie trafen sich, erkannten ihre gemeinsame Leidenschaft für die Poesie. Anna Piekara: "Es war schon immer mein Traum, ein Café zu eröffnen, wo ich den Besuchern auch Gedichte servieren kann." Hans Joachim Nölle gefiel die Idee. Gedichte quasi als Appetithäppchen...
Präsentation auf Buchmesse
Der studierte Theaterwissenschaftler machte sich sogleich an die Umsetzung, gewann die Unterstützung der Auslandsgesellschaft, suchte und fand gemütliche Cafés in Dortmund und anderswo, die gerne "Lyrik zum Kaffee" anbieten möchten. Für 2006 ist geplant das Projekt mit deutschen Dichtern auf der Warschauer Internationalen Buchmesse im Zuge des deutsch-polnischen Jahres zu präsentieren. Neben den talentierten Dichtern – auch aus anderen Ländern – möchte Nölle auch jungen Übersetzern eine Chance geben. Denn die Gedichte werden zuerst in der original Landessprache vorgetragen und anschließend ins Deutsche übersetzt.
Übermacht Geräuschkulisse
Am Samstag im Café Backstage übernahm Dörte Lütvogt diesen Part, sie trug die Werke von Anna Piekara, Agata Stawska und Ewa Wawrzynska auf Deutsch vor, kam aber auch nicht gegen die übermächtige Geräuschkulisse an. Zum Leidwesen auch einiger Besucher: "Man versteht ja kein Wort. Das ist einfach unmöglich", ärgerte sich Astrid Junghardt. "Dann müssen sie halt mal die Tür zumachen.“ Doch darauf hatte wiederum der Café-Betreiber keine Lust. "Wenn ich gewusst hätte, dass die Lesung an einem Samstagabend ist, hätte ich das nie gemacht." Auch er ist sauer, wohl auch auf sich selbst, dass er so unbedacht die Lesung zuließ und sich nicht genauer informierte.
Menükarten mit Gedichten
Dennoch: Aller Anfang ist schwer, weitere Versuche werden folgen. Vielleicht dann mit Eintritt oder zumindest besser abgesprochen. Die ersten Menükarten mit Gedichten der drei jungen Polinnen liegen im Café FluXus, im Chill’R, in der caffé lounge, im Chokolat, in Schürmanns cafebar und im Backstage zum Mitnehmen und Sammeln aus.
Fotos: Christoph Witte | ||||||
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