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Kein Sex bei Wal Mart

Die Lieferscheine für den Grossisten.

Sie gehören zum Ruhrgebiet wie die Pommes zur Currywurst: Klümpchenbuden sind Kioske, die im Kohlenpott in den 60 `ern wie Pilze aus dem Boden geschossen und heute nicht mehr wegzudenken sind zwischen den einst blühenden Zechen. Sie sind Farbtupfer in all dem Grau, das noch den melancholischen Hauch der boomenden Kohle-Zeit in sich trägt. Farbtupfer deshalb, weil sie ihre Außenwände mit diversen Zeitungs- und Zeitschriftenlogos zupflastern – und das aus gutem Grund: Die Pressegrossisten verlangen das so.

 

Pressegrosso – was ist das eigentlich? Grossisten sind Großhändler. Sie beliefern bundesweit den Einzelhandel mit Printmedien und haben dabei das Recht auf einen gebietsbezogenen Alleingang. Dass die Verlage die Kioske, Tankstellen, Supermärkte und Lotto-Toto-Läden nicht selbst versorgen, hat seinen Grund: Grossisten können dank der Zusammenarbeit mit Speditionen flächendeckender und preisgünstiger ausliefern.

 

Grossisten haben Dispositionsrecht

 

Praktisch geht das so: Der Verlag (zum Beispiel Axel Springer) legt neben der Menge den Einkaufspreis fest, zu dem der Grossist die Ware bezieht. In zweiter Ebene bestimmt der Verleger aber auch, zu welchem Preis der Großhändler die Zeitungen und Zeitschriften an den Einzelhändler (zum Beispiel Kiosk) verkaufen darf (hier erwirtschaftet der Grossist in der Regel eine Handelsspanne von 19 Prozent) und was letztendlich der Endverbraucher dafür bezahlt. Der Grossist behält das Dispositionsrecht. Er stellt also auf Basis jahrelanger Erfahrung individuelle Pakete für jeden einzelnen Kiosk, jede einzelne Tankstelle und so weiter zusammen.

 

Sortimenten-Mix in Dortmund

 

In Dortmund – neben  Duisburg und Bochum -  ist die Firma W. Schmitz GmbH & Co. KG mit Sitz in Dorstfeld für die Disposition von insgesamt rund fünf Millionen Exemplaren zuständig. Christian Rafflenbeul-Schaub, der zur Inhaberfamilie gehört, schwört beim Sortiment-Mix auf empirische Verkaufszahlen. Außerdem bestimmt die Art des Einzelhandels, welche Produkte und Mengen an seine Kunden rausgehen. In welchem Gebiet ein Kiosk liegt, und welches Publikum dort verkehrt, spielt erstaunlicherweise keine Rolle.

 

 

 

Hier werden die Zeitschriftenpakete
pro Einzelhändler zusammengestellt.

Nachgeliefert wird bei Bedarf jederzeit. Anders herum ist es schwieriger: Der Einzelhändler darf die Annahme einzelner Printmedien nicht verweigern. Er muss die komplette Ware auslegen, kann aber nach einer Woche unverkaufte Exemplare zurück geben und eine Gutschrift kassieren (Remissionsrecht). Er muss die Ware allerdings so lange stapeln und vorfinanzieren. In Dorstfeld wandern beispielsweise 70 Prozent der Romane zurück über den Remissionstisch ins Altpapier. Selten wird etwas für karitative Zwecke verschenkt. Das sei eben die Politik der Verlage, heißt es in Dortmund.

 

"Überall-Erhältlichkeit" sichern

 

Das System findet in Artikel 5, Grundgesetz seine Berechtigung: So wird das Recht auf Informationsfreiheit, Pressevielfalt und „Überall-Erhältlichkeit“ gewahrt. Könnten Einzelhändler selbst über ihr Angebot bestimmen, verkauften sie ausschließlich so genannte gewinnbringende Brotobjekte wie Spiegel, Stern und Bild. Spezielle Fachliteratur mit geringer Auflage verstaube dann in den Kisten der Verlage.

 

Ausnahme Wal Mart

 

Auch der Grossist muss sich dem Vertragszwang unterwerfen und völlig neutral alles verkaufen, was die Verleger ihm auftischen. Manchmal sind Ausnahmen möglich: Mit dem Wal Mart in Dortmund ist vereinbart, dass keine „Sexpresse“ geliefert wird. Der Inhaber ist US-Amerikaner und gläubiger Mormone. Andere Absprachen hingegen scheitern. So wollte der Springer-Verlag seine Bild-Zeitung über die Grossisten bundesweit an Mc Donalds – Filialen ausliefern lassen. Geht nicht! Der Grossist darf die Fastfood-Kette nur dann bestücken, wenn sie neben Bild noch andere Zeitungen auslegt. Weil die Konzernleitung das verweigerte, liefert Springer jetzt im Direktvertrieb. Die Verlage können neben der Preisfixierung nämlich auch den Vertriebsweg selbst bestimmen. Bahnhofs-Pressestellen werden grundsätzlich von den Verlagen direkt bestückt. Da erscheint dann die Montagsausgabe vom Spiegel schon mal vorzeitig am Samstag. Ausgegoren ist das System keineswegs. „Aber“, so Rafflenbeul-Schaub, „ein besseres ist auch zukünftig nicht in Sicht.           

VON INA RETKOWITZ

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