| Stadt geht auf Nummer sicher | |||||
Hat sich die Sicherheitslage auch bei uns verschärft? Tut die Stadt genug, wenn in einem Jahr "Die Welt zu Gast bei Freunden“ ist? Und wie reagieren Städte und umliegende Kommunen, wenn es während der WM-Spiele und Veranstaltungen in Dortmund zur Katastrophe kommt?
Ein pessimistischer Blick in die Zukunft: Wir schreiben den 4. Juli 2006. Noch 15 Minuten sind zu spielen im Dortmunder Westfalenstadion. 60.000 Zuschauer feuern die Teams an. Die Stimmung bei der Halbfinalpartie ist ausgelassen. Fangesänge hallen durch das Stadion. Dann wird es dunkel. Kompletter Stromausfall. Keiner weiß warum. Blitzartig verbreitet sich das Gerücht, dass Terroristen unter den Zuschauern sind, weil drei Tage zuvor in Frankreich mehrere Bomben explodiert waren. Plötzlich bricht Panik aus. Auf den unteren Rängen wird gedrängelt. Zuschauer werden gegen die Begrenzungszäune gedrückt, die unter dem enormen Druck nachgeben. Dutzende Verletzte liegen im Innenraum, viele schreien vor Schmerzen. Das Ausmaß der Katastrophe ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht annähernd absehbar. Währenddessen entgleist im Stadtteil Hörde eine vollbesetzte Straßenbahn und stürzt um.
Für den Ernstfall gerüstet
Was bei uns schon beim Lesen eine Gänsehaut auslöst stellt für die Rettungsdienste der Stadt Dortmund und der umliegenden Kommunen anscheinend kein größeres Problem dar. Jedes Szenario scheint genauestens geplant und durchgespielt zu sein. Dafür hat die Stadt Dortmund einen Krisenstab eingerichtet, der im Ernstfall Kontakt zu den Rettungsdiensten in den umliegenden Städten und Kreisen und den Landes- und Bundesbehörden hält.
Der Krisenstab trifft sich an einem geheimen Ort, denn auch er könnte Ziel eines Anschlags werden. Von dort aus wird rund um die Uhr Kontakt zur Einsatzleitung vor Ort und zur Polizei und anderen wichtigen Behörden gehalten. Die Einsatzleitung ist fest in städtischer Hand. Das NRW-Innenministerium und die Bezirksregierung haben im Katastrophenfall kein Mitspracherecht. "Früher wurde immer sofort ein kompletter Löschzug raus geschickt", sagt der Leiter des Krisenstabes Guntram Pehlke. "Heute wird erst mal der Bedarf geklärt. Wird viel Wasser gebraucht, dann werden nur Tanklöschfahrzeuge alarmiert." Effektive Einsatzplanung ist das Zauberwort. Ähnlich wird es auch bei der WM sein.
Richtungsweisendes Sicherheitskonzept
Bis zu 1.200 Verletzte könnten im Ernstfall in und um Dortmund behandelt werden. Sollte direkt am Stadion etwas passieren, dann wäre der Rettungsdienst für rund 50 Verletzte pro Stunde da. Die Erstversorgung im gesamten Stadtgebiet soll innerhalb von 30 Minuten sichergestellt sein. In der Innenstadt könnten 200 Patienten bereits innerhalb der ersten halben Stunde nach einer Katastrophe erstversorgt werden. Dafür werden in der Stadt und am Stadtrand – je nach Größe des Unglücks – bis zu zehn Behandlungsplätze eingerichtet. Das Sicherheitskonzept soll auch nach der WM Bestand haben.
Besonders gefährdet sind nach Ansicht der Stadt Dortmund der Bereich um das Westfalenstadion und das Medienzentrum. Aber auch Straßen und Schienen sind potentielle Einsatzziele, schließlich werden doppelt so viele Menschen wie sonst während der WM auf Dortmunds Straßen und Schienen unterwegs sein.
Die unklare Rolle der Bundeswehr
Auch wenn die Stadt alles tut um die Sicherheit der Gäste aus aller Welt zu gewährleisten, ein Problem bleibt: "Wir brauchen echten Heimatschutz", sagt Krisenstab-Chef Pehlke. "Bundesweit müssen die Kräfte stärker verzahnt werden." Gerade die Rolle der Bundeswehr sei nicht vernünftig geregelt. Statt am Hindukusch könne man die Soldaten auch sinnvoll im eigenen Land einsetzen, meint Pehlke. "Wenn die fliegende Lazarett-Airbusse in Afghanistan im Einsatz sind, bringen sie uns im Ernstfall hier nichts." Obwohl Bundeswehrsoldaten auch im Dortmunder WM-Krisenstab vertreten sind, bleibt ihre Rolle unklar. Bei der Weltmeisterschaft 1972 sah das noch anders. Damals waren insgesamt 70.000 Soldaten in die Organisation eingebunden. Nächstes Jahr müssen deren Aufgaben zum Teil von ehrenamtlichen Helfern übernommen werden.
Fotos: Thorsten Adolphs
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