Was am 4. Mai 1904 in der Hauergasse im Westen des Gelsenkirchener Stadtteils Schalke seinen Anfang nahm, wird in diesen Tagen und Wochen vollendet: "Jeder wird spüren, dass wir unser Jubiläum feiern wie kein Verein hierzulande zuvor", kündigte Gerhard Rehberg, Vorsitzender des FC Schalke 04 schon mal vorsorglich an.
Angesichts dieser Drohung gehen alle Nicht-Schalker lieber in Deckung, denn der Traditionsverein penetriert noch bis September ganz Deutschland mit einem Programm, wie es nicht einmal Liga-Krösus Bayern München zum 100jährigen Vereinsjubiläum hinbekommen hat. Historische Ungereimtheiten beinträchtigen die Feierlichkeiten keineswegs: so existiert von der Club-Gründung keine offizielle Urkunde und eigentlich konstituierte sich der Verein als FC Schalke 04 erst im Jahr 1924. Immerhin setzt sich der Club nach Jahren des Schweigens mit seiner NS-Vergangenheit auseinander: im dritten Reich galten die Knappen als Vorzeige-Club der Nationalsozialisten. Eine Studie soll bis zum Herbst diesen Jahres klären, wie eng die Verbindung zwischen Fußball und Faschismus war. Trotz allem hat sich Schalke den Party-Marathon redlich verdient. Kaum ein Verein blickt auf solch eine, an Kuriositäten reiche Geschichte zurück: der Hundebiss gegen Friedel Rausch, die doppelte Beerdigung von Ernst Kuzorra, Carmen Thomas´ Schalke 05-Versprecher oder den "Pokalwurf" von Rudi Assauer nach dem Endspielsieg 2002 - um nur einige zu nennen.
Bewegte Fussball-Zeiten: 100 Schalker Jahre
Wie Schalke feiert
Angriff auf die Spitze
Angesichts eines Mammutprogramms mit Städte-Tour, Fan-Turnier und Live-Party im Fernsehen, vollzieht Schalke endgültig den Schritt vom Arbeiterverein hin zum Unterhaltungsbetrieb - eine Art "FC Bayern light". Für die nächste Saison plant der Club dank der Millionen des Londoner-Finanzmaklers Stephen Schechter den Sturm auf Platz eins: Stars wie Ailton und Krstajic sind bereits verpflichtet, weitere sollen folgen. Natürlich passt sich Schalke nur den Entwicklungen im Profifußball an, doch eine solche Karriere hätte den Knappen vor 100 Jahren wohl niemand zugetraut. Das nächste Projekt ist schon in Planung: unweit der Arena soll ein Hotel entstehen. Mit dessen Eröffnung könnte dann eine Ära zuende gehen: Manager Rudi Assauer hat den Bau als seine letzte große Amtshandlung angekündigt.
Macht die Musik bei "Null Vier": Enjott Schneider
Musikalisches Vorbild für Dortmund, Hamburg und München
Zu den Hauptattraktionen der Schalker Festspielwochen gehört zweifelsohne das Musical "Null Vier - keiner kommt an Gott vorbei". Zum 100. Geburtstag haben sich die Vereinsoberen um Manager Rudi Assauer ein eigenes Musical auf den königsblauen Leib komponieren lassen. Adressaten sind laut Assauer "alle, denen Schalke etwas bedeutet" - Gelsenkirchen hat aktuell rund 275.000 Einwohner. Verfasser des Jubelstücks ist der studierte Organist "Enjott" (Norbert Jürgen) Schneider. Mit "Null Vier" will der Münchener die "ganze Fußballwelt aufhorchen lassen." In drei Monaten hat Schneider die Partitur heruntergerissen - das Ergebnis ist, O-Ton Maestro, "für ein deutsches Musical absolute Oberklasse."
"Du musst Wodka trinken, der macht keine Fahne"
Die Story - verfasst von Ruhrpott-Poet Michael Klaus - ist dagegen schnell erzählt: In den 80er Jahren dümpelt Schalke am Tabellenende vor sich hin, als Star-Kicker Stephan Krause im vorletzten Spiel den entscheidenen Elfmeter verschießt. Absichtlich, wie sich später herausstellt, Wettschulden haben ihn dazu gezwungen. Hierbei wird, gewollt oder nicht, eine Verbindung zu den schwärzesten Stunden der Schalker Vereinsgeschichte hergestellt, als die Spieler am 17. April 1971 für ein Schmiergeld von 40.000 Mark das Liga-Spiel gegen Arminia Bielefeld verkauften. Zum Retter in buchstäblich letzter Sekunde avanciert in "Null Vier" schließlich Nachwuchstalent JoJo Schrader, der im letzten Spiel das entscheidende Tor schießt und ganz nebenbei die Frau fürs Leben findet. Während der 120 Minuten bekommt der Jungstar wertvolle Tipps für den Profialltag, die von Katar-Kicker Mario Basler stammen könnten: "Du musst Wodka trinken, der macht keine Fahne."
Alles wird gut: Musical-Szene nach dem Sieg
Erfolg vorprogrammiert
Trotz Überlänge und dramaturgischer Hänger überzeugt die Darstellerriege bei den gut choreografierten Tanzszenen durch Kampf und Leidenschaft - Attribute, die seit jeher mit Schalke in Verbindung gebracht werden. Charmant wirken auch jene Momente, in denen "der Alte" - ein Fußballfan am Ende seines Lebens - mit Gott über den Sinn des menschlichen Daseins, also Fußball, fabuliert. Das stimmgewaltige, fanschalbehangene Publikum jedenfalls war von der Darbietung der ihren hellauf begeistert, vor allem, wenn Interaktion gefragt war - "Steht auf, wenn ihr Schalker seid". Bei 35.000 Vereinsmitgliedern und einem Zuschauerschnitt von über 58.000 in der Arena ist der Erfolg natürlich vorprogrammiert: für "Null Vier - keiner kommt an Gott vorbei" sind für die 27 Vorstellungen von 25.800 Karten bereits über 20.000 verkauft.
Herzlichen Glückwunsch, Schalke und Glückauf! Du kannst es brauchen.
Weiterführende Links:
Musiktheater Gelsenkirchen
FC Schalke 04
Stadt Gelsenkirchen
Fotos: FC Schalke 04, Musiktheater Gelsenkirchen