Start

Stadt

Campus

Kultur

Sport

WM 2006

Service



 

Neues Konzept - alte Vorurteile?

Werben für mehr Verständnis und Toleranz.

In Dortmund leben geschätzte 30.000 Schwule und Lesben. Dennoch haben sie kaum Bereiche, in denen sie sich entspannt und ungestört austauschen können, ohne verurteilende Blicke oder Diskriminierungen zu erfahren, die ihnen auch heute noch entgegnet werden.

 

 

Eine große Anlaufstelle für sie ist bislang das KCR, das Kommunikations Centrum Ruhr e.V., in dem sie sich in aller Ruhe treffen können. Das KCR ist in seiner Form das älteste in ganz Deutschland, und bietet neben einer Privatsphäre auch viele Freizeitangebote, die es so in Dortmund ansonsten kaum gibt. Zwar deklarieren viele Vereine und Kneipen in Dortmund und Umgebung, dass sie "offen für alle" seien, in der Realität bedeutet dies jedoch oft einfach nur, dass Schwule und Lesben "geduldet" werden.

 

Tatsächlich ist die Akzeptanz von Homosexuellen gerade auf Seiten der heterosexuellen Jugendlichen trotz einer neuen und weitaus offeneren Generation erstaunlich hoch. Laut einer aktuellen Studie haben noch immer über 50% der Jugendlichen eine negative Einstellung gegenüber Schwulen und Lesben, und diese lassen sie die Betroffenen oftmals in Form von Diskriminierung, Ausgrenzung oder gar körperlicher Gewalt spüren.

 

Unterstützung und Hilfe anbieten

 

Es ist daher besonders wichtig, junge Menschen die gerade erst beginnen sich selber zu finden, vor derartiger Intoleranz zu schützen und ihnen zu helfen, sich mit ihrer eigenen "Andersartigkeit" auseinander zu setzen. Der SLADO - Schwul-lesbischer Arbeitskreis Dortmund - und der Jugendring Dortmund haben daher gemeinsam mit der Stadtverwaltung ein Projekt ausgearbeitet, mit dem sie gerade diese Jugendlichen in ihrem Coming-out unterstützen und einen eigenen Raum bieten möchten.

 

André Zwiers-Polidori über die neue Jugendarbeit (1,13min/1,1MB)

 

André Zwiers-Polidori ist Vorstandsmitglied 
vom SLADO. 

Das Projekt, das Anfang 2007 starten wird, beinhaltet neben der Betreuung der Jugendlichen auch Aufklärungsarbeit. Besonders unter den Gleichaltrigen müssen noch viele Vorurteile und mögliche Ängste im Umgang mit Schwulen oder Lesben abgebaut werden. Daneben ist auch Elternarbeit vonnöten, denn viele Eltern wollen entweder nicht wahrhaben, dass ihr Sohn oder ihre Tochter gleichgeschlechtlichen Partnern zugeneigt ist, oder sie tun dies schlichtweg als eine "Phase" ab, die nach der Pubertät "schon wieder verschwinden wird". Dabei ist gerade in der ohnehin nicht einfachen Zeit der Pubertät das Coming-out besonders schwierig. In dem Projekt wird mit Hilfe von Pädagogen gezielt den Jugendlichen geholfen, auch mit eigenen Zweifeln umzugehen und sich auf die neue Situation und die damit verbundenen Veränderungen einzustellen.

 

Dem Slado gehören bereits zwei Jugendgruppen an, die 'Friends' sowie die 'Mosquitos' im KCR, die primär junge Schwule zwischen 16 und Anfang 20 erreichen. Dabei sei es wichtig, so André Zwiers-Polidori vom SLADO, dass Lesben und Schwule getrennt betreut werden, da die Interessen sehr stark divergieren und man so besser auf die beiden Gruppen eingehen kann, ohne dass jemand dabei zurückstecken muss. Zudem sei es weitaus schwieriger, an lesbische Mädchen heranzukommen, da sich Jungen viel schneller zu einer Gruppe organisieren. Kein ungewöhnliches Phänomen, denn auch in heterosexuellen Vereinen und Jugendtreffs lässt sich ein Männerüberschuss feststellen.



Mehr zum Thema

§ 175 StGB

 

Der Paragraph von 1871 wurde 1935 von den Nationalsozialisten verschärft, und "widernatürliche Unzucht" zwischen zwei Männern statt mit max. sechs Monaten mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft.

Auch nach dem Krieg blieb der § 175 erhalten und zwischen 1953 und 1965 wurden in der BRD fast 100.000 Männer deswegen angeklagt, fast jeder Zweite davon rechtskräftig verurteilt.

1973 wurde Straflosigkeit ab dem 18. Lebensjahr eingeführt. Der Ausdruck "Unzucht zwischen Männern" wurde durch "Homosexuelle Handlungen" ersetzt.

Trotz der vielen Lockerungen verschwand der § 175 erst im Jahre 1994 und von der Öffentlichkeit fast unbemerkt aus dem Strafgesetzbuch.

 

Gemeinsam mit der Politik

 

Um dieses Jugendprojekt überhaupt realisieren zu können, haben sich der SLADO und der Jugendring ihrer langjährigen Erfahrungen und diversen Studien bedient, um gemeinsam mit der Regierung dieses Konzept zu erarbeiten und auch die finanziellen Mittel sowie Räumlichkeiten zu bekommen. Der "Runde Tisch", bei dem der Oberbürgermeister, VertreterInnen einzelner Ratsfraktionen und der Verwaltung der Stadt Dortmund gemeinsam mit Mitgliedern der Schwul-lesbischen Vereine, Arbeitskreise und Initiativen ein Programm für die Gleichstellung homosexueller Menschen entwickeln, besteht bereits seit Ende 1999. Er dient dazu, die Gleichstellung von Homosexuellen und Heterosexuellen im öffentlichen wie auch privaten Bereich zu gewährleisten bzw. zu verbessern. Vor allem im Arbeitsbereich sind Diskriminierungen und Vorurteile noch immer keine Seltenheit.

 

Probleme im Alter

 

Aber auch im Alter haben viele homosexuelle Menschen mit Klischees und Intoleranz zu kämpfen. Daher will der SLADO auch für diese Gruppe einen geschützten Raum anbieten, in dem sie sich frei von Herabwürdigungen ihrer Generation treffen können. Gerade weil viele von ihnen unter dem § 175 noch gelitten haben, der homosexuelle Handlungen strafbar machte, wäre eine Begegnung mit damaligen Befürwortern des Paragraphen sicher alles andere als angenehm. Deshalb soll eine offizielle Altenbegegnungsstätte entstehen, und das bisherige Treffen "Gay and Gray" in dem Lesben- und Schwulenzentrum Dortmund weiter ausgebaut werden. Somit haben sie einen Ort zur Verfügung, in dem sie nicht nur den "strickenden Omas" begegnen, sondern ihresgleichen.

 

Über die Gruppe "Gay and Gray" - Schwulsein im Alter (60s/901Kb)

 

Mahn- und Gedenkstätte Steinwache

 

Erinnerungen an Verfolgung in
der Mahn- und Gedenkstätte.  

So gut die Zusammenarbeit mit der Stadt auch läuft, die Unterstützung der Lokalpresse weist teilweise große Mängel auf. Als der Verein in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache am Bahnhof eigens einen Raum über die Verfolgung Homosexueller in NS-Zeiten einrichten ließ, war die Dortmunder Lokalpresse nicht im Mindesten daran interessiert. Dabei ist dieser Raum in ganz Deutschland einmalig, keine andere Gedenkstätte erinnert in dieser Weise an die verfolgten Schwulen und Lesben in der NS-Zeit. Aufgrund der Aufrechterhaltung des § 175, der trotz der Verschärfung unter dem Regime nicht als "typisch nationalsozialistisches Unrecht" angesehen wurde, konnten verfolgte Homosexuelle auch nicht offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt werden.

 

Wenig Resonanz der Lokalpresse (1,18min/1,2MB)

 

Das Beispiel macht deutlich, wie viel weiterer Handlungsbedarf in diesem Bereich besteht, und dass noch viel altes Gedankengut in den Köpfen der Menschen steckt, das hoffentlich nach und nach verschwinden wird.

 

 

FOTOS: Juliane Höhn

 

Mehr auf donews
  Die Geschichte einer Verfolgung  vom 10.01.05  

 Mehr zum Thema 

  SLADO  

  Kommunikations Centrum Ruhr e.V.  

  Jugendring Dortmund  


VON JULIANE HÖHN

« Zurück


 
   

  Start    Stadt    Campus    Kultur    Sport    WM 2006    Service  

Copyright © 2000 - 2006 donews.de