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Vom ersten Mal und einer nicht gerauchten Zigarre

Die donews-Redakteure Lars (v.l.) und Stefan vor der Allianz-Arena.

Wenn der Dortmunder Traditionsclub BVB 09 gegen den amtierenden deutschen Meister spielt, ist das einfach ein Ereignis - auch wenn am Ende fast immer die Bayern gewinnen. Für BVB-Fan Lars Schall ein echtes Muss, für Fußballmuffel Stefan Dietrich ein Kulturschock. Beide haben sich mit dem Bus des Fanclubs Budenzauber Dülmen auf den Weg nach München gemacht. Eine Reportage aus zwei bewusst subjektiven Perspektiven.

 

8.10 Uhr: Ja, wo laufen Sie denn? Ich hätte wirklich angenommen, dass mehr Fans am Bahnhof wären. Immerhin habe ich sie gefunden und sitze nun mittendrin im Wespennest: um mich herum im Bus alles schwarz-gelb. Ich bin umzingelt von Fußballfans, fast nur Männer, ein halbes Dutzend Frauen. T-Shirts und Schals, Rucksackaufnäher und die gelben Luftballons an den Fenstern zeigen, welchem Verein hier gehuldigt wird. Wir sind im Bus des Fanclubs Budenzauber Dülmen und fahren zum Spiel Dortmund gegen Bayern - zu meinem ersten Stadionbesuch...

 

8.30 Uhr: Zwar befinde ich mich durchaus in großer Vorfreude auf das Spiel; da ich aber die Nacht zum Tage gemacht habe, muss ich mich erst einmal ausschlafen. Mit den Fangesängen im Ohr, die um mich herum erschallen, schließe ich die Augen und versuche zu träumen...

 

Innenansicht im Fanbus Richtung München.

10.30 Uhr: "Auswärtssieg in München!" brüllen die Businsassen um mich herum. Sie beginnen nun endlich, meiner Vorstellung von Fußballfans zu entsprechen. Fast jedenfalls - sie sind etwas zu tolerant. Zwei Stunden bevor "Schwarzgelb ist Borussia" (Heino lässt grüßen) durch die Lautsprecher tönt, war schon "Viva Colonia" zu hören, was ja strenggenommen als musikalische Untreue gelten müsste. Ich fürchte inzwischen nicht mehr, als Ungläubiger gesteinigt zu werden. Das sind keine Sektierer, das sind einfach Menschen, die Spaß haben wollen.

 

10.50 Uhr: Ich schlafe immer noch, nur hier und da werde ich von den laut gröhlenden Borussenfans in meiner "Nachtruhe" unterbrochen. 

 

11.29 Uhr: Beim Passieren der bayerischen Grenze gibt es kein Halten mehr: "Sch... FC Bayern!" sprudelt aus den Kehlen der Fans heraus, gesungen auf die schöne Melodie von "Guantanamera". Die musikalische Vielfalt der BVB-Gesänge erfreut mein Musikerherz: die Herkunft der Originale reicht von Drafi Deutscher über Udo Jürgens bis zu traditionellen Spirituals. Fußball sei eben eine eigene Kultur, erklärt mir jemand rechts hinter mir.

 

13.00 Uhr: Ich bin wach und ausgeschlafen. Jetzt erst einmal ein Pils trinken. Die Menschen um mich herum, so sehe ich, sind mir schon meilenweit voraus.

 

15.30 Uhr: Wir überholen einen Bus mit Bayern-Fans. "Ihr könnt ja ruhig Stimmung machen, aber unsere Scheiben sind nicht BVB-tauglich!" mahnt unser Busfahrer. Die Scheiben sind offenbar empfindlicher als ich. Ich habe inzwischen meinen Frieden mit dem BVB und seinen Biertrinkenden Anhängern geschlossen und  ertappe mich beim Mitklopfen der Fan-Lieder. Ich habe mich sogar geoutet und zugegeben, kein BVB-Fan zu sein. Und da ich kein "Blauer" bin, wird es akzeptiert.

 

15.45 Uhr: Ungefähr zur gleichen Zeit muss ich mich rechtfertigen, keinerlei BVB-Utensilien bei mir zu haben. Immerhin gelte ich in unserem Donews-Duo als der bekennende BVB-Anhänger. Um mich zu "retten" zähle ich die UEFA-Cup-Begegnungen und -Ergebnisse von Borussia in der Saison 1986/87 auf. Wofür gibt es schon sonst Statistiken?

 

Grillen und Biertrinken vor dem Spiel.

17 Uhr: Wir haben unser Ziel erreicht. Obwohl es in Strömen regnet, schmeckt die Bratwurst mit Borussia-gelbem Senf vorzüglich. Nebenbei sticheln einige BVB-Anhänger gegen vorübergehende Bayern-Fans. Plötzlich kommt es beinahe zu Handgreiflichkeiten. "Was ist los?" frage ich, jäh aus Wurst- und Wettergedanken gerissen, Lars: "Das sind Bayern."

 

17.30 Uhr: Inzwischen habe auch ich eine Bratwurst gegessen. Danach fällt mir auf, dass ich keine Zigaretten mehr habe. Auch die Umstehenden können mir nicht aushelfen. Wir rätseln, ob es wohl Zigaretten im Stadion zu kaufen gibt.

 

19.45 Uhr: Fans sind liebenswerte, aber unergründliche Geschöpfe. Warum, in aller Welt, tauscht jemand meinen billigen Platz auf der oberen Empore gegen eine teure Karte für die erste Reihe des Mittelblocks? "Ich möchte beim Pöbel sitzen", lautet die lapidare Antwort. Nun sitzen wir hier in der ersten Reihe des winzigen Borussen-Blocks und blicken wie von einem Balkon herunter direkt auf das Tor, in dem in der ersten Halbzeit "unser Mann" Roman Weidenfeller stehen wird. Ich verzehre zwei Brezeln und eine "Rote Riesenbratwurst". Hoffentlich darf man das als Borusse essen? Niemand beachtet die Stadionleinwand. Mein Nachbar zur Linken ärgert aus sicherer Entfernung Bayern-Fans: "Ey, Seppl, wo is'n dein Hosenträger?" Dann hoppeln die Torwarte und die Mannschaften ins Stadion. Während sich meine umgestoßene Apfelschorle über den Beton ergießt, marschieren in einer Art Inthronisationsritus fahnenschwenkende Kinder und speerbewaffnete Frauen über das Grün.

 

Die Liga feiert den Saisonauftakt mit Feuer.

20.00 Uhr: Das Zigarettenproblem ist gelöst: im Stadion gibt es kleine Wägelchen, hinter denen nette Frauen stehen, die der süchtigen Kundschaft Zigaretten und Zigarren verkaufen. Sollte der BVB gewinnen, so denke ich, werde ich mir nachher noch eine Zigarre kaufen. Bis dahin nehme ich vorlieb mit den Zigaretten und begebe mich auf die Tribüne.

 

20.45 Uhr: Der Ball rollt. Schon nach 30 Sekunden bolzen die Bayern erstmals auf "unseren" Kasten. Der Torwart wehrt ab, während an den Stadionbanden gerade die Werbung wechselt. Als der Gegenangriff erfolgt, haben sich ungleiche Freunde neben uns gesellt. Der Rote blickt jede halbe Minute irritiert nach oben, wo ihm "Heja, BVB" entgegenschallt. Schwarzgelb scheint auf der Tribüne trotz Unterzahl stärker zu sein. Unten ist es umgekehrt. Die Männer in den gelben Hemden spielen den Ball bestenfalls ins Aus. Wahrscheinlich ist in Dortmund das Spielfeld größer. Rechts von uns diskutiert ein erboster Fan lautstarkt mit Ordnern, während unten ein Dortmunder den Ball auf die Latte statt in Kahns Kasten schießt. Nach 18 Minuten wird Sebastian Kehl vom Platz getragen, nach 23 Minuten schießt Roy Makaay das erste Bayern-Tor. Durchs Stadion tönt plötzlich laute Musik, als hätte Bayern schon die Meisterschaft. "Wenn Dortmund führen würde, wäre hier eine Achterbahn", erklärt mir ein Fan. Tatsächlich wird hier jeder Beinahe-Torschuss bejubelt.

 

Die Startaufstellung des BVB 09.

20.55 Uhr: Schon nach zehn Minuten schwant mir nichts Gutes. Die Borussen reagieren bloß, bewegen sich schlecht, und wenn sie sich im Besitz des Spielgeräts befinden, ist der Ball nach wenigen Stationen wieder bei den Bayern gelandet. Das 1:0 für München fällt, es ist zum Heulen. Danach plätschert das Spiel vor sich hin. Halbzeitpfiff.

 

21.45 Uhr: Durch die Öffnung in der Stadiondecke sieht man den schwarzen Nachthimmel, während gigantische Strahler das Stadion erleuchten. Wieviel Energie die wohl brauchen? Und erst die tolle Beschallungsanlage... Auf den Rängen hängen Transparente seltsamer Fanclubs wie (rot) "Red Dogs Stopfenheim", "Sunshine-Bazis" und "Hessenmob" oder (gelb) "Borsti". Vermutlich sind es Bandnamen, denn dies ist ein gewaltiges Sängerfest. Der gelbe Chor mit "Borussia, Borussia, BVB" gegen den roten Chor. Oder beide Chöre in Echowirkung - der rote Chor ruft "Bayern", der gelbe ein Fäkalwort. Hier oben sind die Fronten klar, unten haben die Seiten gewechselt. Den Borussen nützt es nichts. In der 55. Minute fällt das zweite Tor für Bayern, und zum Zillertaler Hochzeitsmarsch spritzt jemand von hinten Bier auf mich.

 

21.55 Uhr: Nach Ablauf der ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit keimt Hoffnung in mir auf. Borussia macht Druck, beginnt Bayern einzuschnüren. Doch dann, grad als sich Dortmund in der Vorwärtsbewegung befindet, kommt es zu einem dummen Abspielfehler, es folgt ein Konter, und wenige Sekunden später liegt der Ball im falschen Tor. 2:0 für Bayern, jetzt wird's schwer.

 

22.05 Uhr: Irgendwann landet der Ball auch im Bayern-Tor, aber das zählt nicht, vielleicht, weil Olli Kahn sich tot stellt. Mein BVB-Nachbar beginnt, auf die eigene Mannschaft zu schimpfen. "Da ist nichts Konstruktives, das ist alles Zufall. Mein Gott, wie doof seid ihr eigentlich?"

 

22.20 Uhr: Ich fange allmählich an, mich mit der Niederlage abzufinden. Eine Zigarre wird heute bestimmt nicht mehr geraucht werden. Dortmund hat zwar Chancen, aber in einem ergebnisorientierten Sport wie Fußball zählt das wenig, wenn sie nicht auch mal verwertet werden. Nein, meine Siegeserwartungen verflüchtigen sich wie blauer Dunst im Stadionrund.

 

22.25 Uhr:

Das Bayern-Stadion bei Nacht.

Das Spiel war mittelmäßig. Aber das Essen war echt klasse. Ich bleibe hier in München. Lars wird alleine zurück fahren. Und während ich durch die Nacht gehe, vorbei am aufdringlich roten Stadion und am langen Parkhaus mit seinen endlosen Blechlawinen, tönt in meinem Kopf leise "Am Tag, als der FC Sch. starb"...

 

23.30 Uhr: Die Heimreise gen Dortmund beginnt. Die Stimmung im Bus ist mehr als mau. Hätte Borussia gewonnen, ei, was würde nun gefeiert werden! Doch so, wie das Spiel gelaufen ist, tut man wohl besser daran, zu schlafen, um zu vergessen, dass acht Stunden Busfahrt folgen. Leise rieselt es durch die Radio-Boxen: "Tanze Samba mit mir" - welch ein Hohn denkt sich der niedergeschlagene Borussenfan. 

 

FOTOS: Stefan Dietrich, Lars Schall

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VON STEFAN DIETRICH, LARS SCHALL

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