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Beim Frisör gehört (6): Angriff auf Amerika

Tonaufnahmen machen historische Reden lebendig.

(InDopendent) Bei dem üblichen WDR 4-Gedudel, das sonst beim Frisör läuft, fallen mir jedesmal fast die Haare aus. Beim letzten Besuch wären mir allerdings fast die Ohren abgefallen.

 

 

Also, seit mein Frisör in seinem Kundenkreis diesen amerikanischen Geschichtsstudenten hat, dreht er manchmal am Rad. Eigentlich wollte der Amerikaner ja kommen, um hier etwas über deutsche Geschichte zu lernen – natürlich: über Hitler! Aber er wäre kein echter Amerikaner, wenn er nicht gleich die Gelegenheit zur Völkerverständigung nutzte. Nämlich um uns "krauts" ein wenig von der ruhmreichen Geschichte seiner "glorious nation" zu vermitteln. Mit messianischem Eifer, wie ihn nur bekehrte Ex-Raucher, deutsche Öko-Freaks und eben US-Patrioten an den Tag legen können, wird er nicht müde, seiner Mitwelt die Segnungen seiner Zivilisation in Wort, Bild und Ton kundzutun.

 

Angriff auf die Supermacht

 

 

Ein begnadeter Redner:
Franklin Delano Roosevelt.

Jawohl: Ton! Ich komme gestern nichts Böses ahnend zu meinem Frisör. Statt mich zu begrüßen, verschwindet er flugs im Nebenzimmer. Die Dudelmusik bricht ab. Kurze Stille. Dann ein leises Rauschen aus den Lautsprechern. Dann eine leicht näselnde Stimme. Ein würdevoller Herr in reiferen Jahren, der in gemessenem Tonfall etwas vorträgt. Ich lausche gebannt. "Yesterday, December 7 1941 – a date which will live in infamy –  the United States of America was suddenly and deliberately attacked..." Ungeheuerliches ereignet sich da vor meinen Ohren: Nichts Geringeres als der Untergang der westlichen Welt, wie wir sie kennen. "The American people, in their righteous might, will win through to absolute victory." "Der 11.September", schießt es mir durch den Kopf. Aber das ist doch nicht die Stimme von George W. Bush... Richtig: Der Mann sagte etwas von 1941! Es geht um den japanischen Angriff auf Pearl Harbor. Knapp acht Minuten dauert die Rede.  Während links und rechts meine Haare zu Boden fliegen, werden Malaya, Hong Kong, Guam angegriffen.

 

Reden, die Geschichte machten

 

 

Große Reden auf vier CDs.

"Was hören wir da eigentlich?", frage ich meinen Frisör. "Das ist F.D.R." "Wer bitte?", frage ich. "Na, Franklin Delano Roosevelt. Bei seiner Kriegserklärung am 8. Dezember 1941 vor Kongress und Senat. Historische Reden, auf CD – ich krieg immer eine Gänsehaut, wenn ich das höre. Der Roosevelt, der konnte schon reden, was?" Ja, das konnte er. Die Aufnahme von Roosevelt ist ungewöhnlich, aber spannend. Ich tauche ganz in die Atmosphäre von damals ein. Kommt es mir nur so vor, oder ist meine Frisur einen Tick martialisch geworden? Jedenfalls habe ich mir von den vier CDs mit Reden auf Englisch schon ein Stück für den nächsten Haarschnitt ausgesucht: Martin Luther Kings "I have a dream." Ich bin gespannt auf die Frisur dazu.

 

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VON DANIEL GEHRMANN

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