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Szenen vom Mittelpunkt Europas

Nummer 1 im Nahverkehr: Mikrobusse

Was für New York die gelben Taxis, sind für das litauische Kaunas die gelben Mikrobusse, die zu jeder Tageszeit durch die Straßen pendeln: Umgebaute Transporter, viel kleiner als herkömmliche Busse, schneller, flexibler – doch ohne Fahrplan. Wer einsteigen will, macht sich per Handzeichen am Straßenrand bemerkbar. Die erste Fahrt mit einem Mikrobus ist noch gewöhnungsbedürftig. Doch irgendwann wird man zum Profi.

 

Er hat Haare, am ganzen Körper. Ein schiefes Grinsen entblößt gelbliche Zähne und er trägt nicht einmal Unterwäsche: Ein tasmanischer Teufel, ein Stofftier, er baumelt am Rückspiegel. Sein Besitzer sitzt am Steuer, trägt Unterwäsche (vermutlich) und eine Sonnenbrille. Er ist mein Lieblingsfahrer. Ich nenne ihn den „tasmanischen Teufelsfahrer“. Nicht nur wegen des baumelnden Maskottchens am Rückspiegel, sondern vor allem wegen seines Fahrstils. Er holt alles raus aus seinem Mikrobus, einem quietschgelben Ford Transit, Baujahr 1983. Vor allem im ersten Gang ist er der König an jeder Ampel und die vielen Hügel der litauischen Metropole bewältigt er grundsätzlich mit brüllendem Motor. Gut für die, die es eilig haben. Schlecht für die, die keinen Sitzplatz mehr bekommen haben und im Gang stehen müssen. Sie pendeln hin und her, stürzen fast in jeder Kurve und entschuldigen sich schon gar nicht mehr, wenn sie jemandem versehentlich die Tasche in die Seite rammen.

 

Vollbremsung

 

Heute stehe ich auch. Deshalb ist der tasmanische Teufelsfahrer heute auch nicht mehr mein Lieblingsfahrer. Jede Bremsung ist mindestens so voll wie meine Einkaufstüte und ich kann mich kaum auf den Beinen halten. Neben mir steht eine ältere Litauerin im grünen Mantel. Sie lächelt mich ab und zu mitleidig an. Im Gegensatz zu der jungen Litauerin auf der hinteren Sitzbank. Sie hat nur Augen für ihr Handy. Die Handys scheinen in Litauen kleiner zu sein als im Rest der Welt und die Klingeltöne sind oft recht seltsam. Alle drei Minuten bekommt die junge Litauerin von der hinteren Sitzbank eine SMS. Ihr Handy vibriert und eine tiefe männliche Stimme grunzt dazu litauische Schimpfworte. Es könnten auch Liebesschwüre sein, aber soweit reicht meine Sprachkompetenz noch nicht.

 

Litauischer Frühling

 

 Der tasmanische Teufel legt sich in die Kurve

Der tasmanische Teufelsfahrer schaltet mal wieder zurück in den zweiten Gang und ich schaue aus dem beschlagenen Fenster, durch den Spalt, den die recht schmutzigen Gardinen offen lassen. Jeder Mikrobus ist mit Gardinen verhängt. Denn wenn die Polizei die vielen stehenden Fahrgäste sähe, müsste wohl selbst der tasmanische Teufelsfahrer Strafe zahlen. Also besser Gardinen, so alt sie auch sein mögen. Draußen fließt ein litauischer Frühlingstag vorbei, es schneit nicht mehr, seit zwei Wochen etwa hat die Sonne auch ihren Weg nach Litauen gefunden und die letzten Schneereste sind abgetaut. Die Röcke der Mädchen auf den Gehwegen sind mit steigenden Temperaturen noch kürzer geworden, an jeder Ecke werden nun Sonnenbrillen verkauft. Auch die junge Litauerin auf der hinteren Bank trägt eine Sonnenbrille, allerdings eher als Accessoire, lässig ins Haar gesteckt. Ich überlege, was wohl „Schicke Sonnenbrille hast Du da!“ auf litauisch heißt. Ich scheitere an „Sonnenbrille“. Außerdem wäre es ohnehin einer der schlechtesten Flirt-Sprüche, selbst in akzentfreiem Litauisch. Und von meiner Aussprache möchte ich gar nicht reden.

 

Westeuropäer, pflegt Eure Autos!

 

Draußen fährt ein LKW am Fenster vorbei, „COOP Dortmund“ steht darauf in großen Buchstaben, vorhin haben wir schon einen Passat der „Tierarztpraxis Dr. Schlüter, Recklinghausen“ überholt. In Litauen gibt es ein Sprichwort, das übersetzt ungefähr folgendes aussagt: „Liebe Westeuropäer, behandelt Eure Autos gut, wenn Ihr sie weggebt, fahren wir sie noch zehn Jahre!“ Den COOP-LKW hat der tasmanische Teufelsfahrer inzwischen längst hinter sich gelassen. Die Litauerin auf der hinteren Sitzbank ist in ein Modemagazin vertieft, die Luft im Mikrobus wird immer stickiger - glücklicherweise muss ich aussteigen. „Bitte halten Sie an!“, rufe ich dem tasmanischen Teufelsfahrer in Litauisch zu und mit einer Vollbremsung erster Klasse kommt der gelbe Ford Transit zum Stehen. Mikrobusse - vielleicht nicht die bequemste Art zu reisen. Aber langweilig ist es nie.

Fotos: radue

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VON JENS RADÜ

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