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"Die Fantasie wollte einfach heraus"

Ralf Isau liest viel - auch unterwegs.

(do1) Der Mann räuspert sich, holt noch einmal tief Luft und beugt sich über das Buch. Dann beginnt er, laut aus ihm vorzulesen. Vom geheimnisvollen Land Phantásien ist bald die Rede, von einem jungen Mann namens Karl Konrad Koreander und von einem Ungeheuer mit Fledermausflügeln und riesigen Augen, das es auf Karl abgesehen hat. Das Publikum des Mannes hört gespannt zu und bald hat es das Gefühl, selbst in Phantásien zu sein. Und nicht etwa in der Musikschule der Stadt Lünen. Nach einer guten Stunde ist Ralf Isau fertig mit dem Vorlesen und klappt seinen Roman, "Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“, zu. Allmählich, teilweise widerstrebend, kehren seine Zuhörer in die Wirklichkeit zurück.

 

Dort, in Lünen, wollten sich die Bibliothekare zum einhundertjährigen Jubiläum der Stadtbücherei im November etwas Besonderes einfallen lassen. "Wir wollten eine Lesung aus einem Buch, das sich um Bibliotheken dreht“, sagt Manuela Hauptmann, Leiterin der Bücherei. "Ralf Isau war die Nummer Eins auf unserer Wunschliste." Denn der hatte "Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz" geschrieben, einen Roman, bei dem Bücher und eine Bibliothek im Mittelpunkt stehen. Daher freute man sich in Lünen, als Isau sich bereit erklärte, am 9. November in der Musikschule vorzulesen: "Er hat uns mit seiner Zusage ein wunderschönes Geburtstagsgeschenk gemacht."

 

Ralf Isaus „Phantagone“

 

 

Manuela Hauptmann leitet
die Stadtbücherei Lünen.

In der Stadtbücherei sind Isaus Bücher ständig ausgeliehen, wie Manuela Hauptmann berichtet. "Es gibt so genannte 'Selbstläufer’", sagt sie, "und da gehört Isau definitiv dazu." Bislang hat der 1956 in Berlin geborene Autor 19 Bücher veröffentlicht. Seine Romane erscheinen in 13 Sprachen, unter anderem auf Japanisch und Koreanisch. "Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz" kam 2003 heraus. Die Handlung des Romans knüpft an Michael Endes "Unendliche Geschichte" an. Nicht nur "Die geheime Bibliothek" enthält fantastische Elemente. In allen Büchern Isaus vermischen sich Realität und Fantasie. "Deshalb nenne ich sie gerne 'Phantagone’", sagt Isau verschmitzt. Jeder sehe in diesen "Phantagonen" etwas anderes – der eine beispielsweise einen Fantasy-Roman, der andere einen Thriller.

 

Prominente Starthilfe

 

Alles begann 1988. Damals war Isau noch als Computerfachmann tätig und hatte seine Ideen noch nicht in die Tat umsetzen können. Bei der Entwicklung von Software könne man, so Isau, zwar auch kreativ sein, aber "die Fantasie wollte einfach heraus. In Bedienungshandbüchern für Programme kann man nicht soviel Dramatik hineinlegen". Und so beschloss er, ein Buch für seine Tochter zu schreiben: "Es sollte so ein Schmöker werden, den man mit der Taschenlampe unter der Bettdecke liest, wenn die Eltern längst im Bett sind." So entstand "Die Träume des Jonathan Jabbok". Zur Veröffentlichung kam es jedoch erst durch die Hilfe eines prominenten Kollegen: Michael Ende. 1992 schenkte Isau ihm im Anschluss an eine Lesung "Der Drache Gertrud“, eine kleine Geschichte, die er ebenfalls für seine Tochter geschrieben hatte. Sie gefiel Ende, und er gab sie seinem Lektor. Darauf bekam Isau einen Brief vom Thienemann-Verlag: "Herr Isau, wir haben von Ihnen so eine kleine Drachengeschichte bekommen. Haben Sie nicht noch mehr?"  So erschien 1994 Isaus Erstlingswerk, "Die Träume des Jonathan Jabbok", der erste Teil der "Neschan“-Trilogie.

 

Isaus Bücher werden von Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen gelesen. 2002 veröffentlichte er seinen ersten "echten" Erwachsenenroman, "Der Silberne Sinn“. Seitdem verfasst er abwechselnd Jugend- und Erwachsenenromane, um alle seine Leser regelmäßig mit neuem "Futter“ zu versorgen. "Jugendbücher zu schreiben ist ein wenig schwieriger“, meint er auf die Frage, welche Arbeit ihm leichter falle. In Büchern für die Jugend müsse man noch gewisse Dinge vermitteln und es dürfe nie langweilig werden.

 

 Ralf Isau über Jugendromane und Erwachsenenbücher (439kB, 34s.)

 

Die Fantastik bietet neue Perspektiven

 

 

 Ralf Isau

Isau selbst liest viel, wobei er es sich zur Gewohnheit gemacht hat, Büchern Schulnoten zu geben. "Alle, die schlechter sind als eine ‚3’, lese ich nicht zu Ende“, sagt er lachend. "Da bin ich dann zu ungeduldig.“ Besonders gut gefallen ihm Werke von J. R. R. Tolkien, Michael Ende und David Eddings. Die phantastische Literatur ist seiner Meinung nach sehr wichtig für die heutige Zeit. "Sie ist das beste Mittel, um die Welt mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten“, sagt er. "Wir bekommen ja gerade durch die Medien viel aufgetischt.“ Als Beispiel nennt er die "Top Ten der Dinge, die gerade ‚in’ oder ‚out’ sind“ und fügt hinzu: "Bekanntes kann durch die Fantastik auf andere Art und Weise dargestellt werden. Das tut uns allen ganz gut.“

 

Zurzeit arbeitet der "Schriftsteller und Phantast“, wie sich Isau auf seiner Homepage selbst bezeichnet, an einem Roman mit dem Titel "Der König im König“, dem zweiten Teil seiner neuen Trilogie "Die Chroniken von Mirad“. Der erste Teil, "Das gespiegelte Herz“, ist bereits erschienen. Zehn Jahre nach "Neschan“ sind "Die Chroniken von Mirad“ Ralf Isaus zweite Trilogie. "Der König im König“ wird im Frühjahr 2006 erscheinen.

 

 Ralf Isau über die Arbeit an den "Chroniken von Mirad" (500kb, 11s.)

 

 

 Der Autor in der Lünener Musikschule

Ralf Isaus Lesung in Lünen ist zu Ende. Einige Zuschauer kommen noch nach vorne, um sich Autogramme zu holen oder ihre Bücher signieren zu lassen. Und wer weiß, vielleicht schenkt einer von ihnen Isau ja ein Manuskript, das diesem gefällt. Und wird in ein paar Jahren selbst Lesungen geben… .

 

 

 

 

 

 

Fotos: Katja Reich

 Mehr zum Thema 
  Homepage von Ralf Isau  
  Die Stadtbücherei Lünen  


VON KATJA REICH

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