| Die Vision vom Pott als Metropole | ||
Es ist einer größten Ballungsräume Europas. 5,3 Millionen Menschen leben hier auf 4500 Quadratkilometern, malochen unter Tage, horten ihre Schrebergärten, fiebern mit ihrem Fußballverein – jedenfalls gängigen Klischees nach. Die Wirklichkeit ist anders, birgt einen gesellschaftlichen wie landschaftlichen Flickenteppich, in dem rauchende Schlote und verrußte Helme längst zur aussterbenden Spezies gehören: Aus Bergwerken wurden Industriedenkmäler, aus Haldenlandschaften Freizeitparks.
Das Revier ist im Umbruch, das Schlagwort heißt "Strukturwandel" - und während die alten Schachtanlagen verwittern, schmieden schlaue Köpfe fleißig Zukunftspläne für die "Siedlungsagglomeration aus elf kreisfreien Städten und vier Kreisen", die wir schlicht "Ruhrgebiet" nennen.
Einfallslose Stadtplanung, mangelnde Koordination
Seitdem Stahl und Kohle die Region immer weniger prägen, haben die Städte und Kreise im Ruhrgebiet versucht, sich eine neue Identität zu geben. Doch statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen, begriffen sie sich als Konkurrenten und planten aneinander vorbei. Das Resultat sehen wir heute: Gleich 24 Verkehrsbetriebe, die Umsteigern das Leben schwer machen. Unterschiedliche Schienenbreiten, die verhindern, dass Passagiere aus Dortmunder Stadtteilen in Bochumer Viertel fahren können. Uniforme Ruhrstädte, alle mit eigenem Konzerthaus, eigener Shopping-Mall und eigenem Musicalpalast. "Jede Stadt möchte seinen eigenen Ikea-Markt, jede Stadt möchte ein Movie-World, jede Stadt möchte ein Prestigeobjekt in den eigenen Mauern", kritisierte NRW-Innenminister Michael Vesper 2002 in einem Interview. "Das kann nicht funktionieren, so lange es keine Instanz gibt, die die Kraft hat zu sagen: Diesen Schwerpunkt bringen wir nach A, und jener Schwerpunkt kommt nach B."
Die "Ruhrstadt" als Rettungsanker
Die Rufe nach einer solchen Zentralinstanz sind nicht neu. Schon 1968 warb der damalige SVR-Verbandsdirektor Heinz Neufang für seine Vision einer "Weltstadt Ruhr" und forderte, die Verwaltungsgrenzen in der Region aufzuheben. 2001 griff einer seiner Nachfolger, Gerd Willamowski, diese Idee wieder auf, indem er die Gründung einer "Ruhrstadt" proklamierte, die sich durch ihre Größe problemlos mit Paris, Moskau oder London messen könnte. Prominentester Befürworter dieses Projektes war der damalige NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement. "Die Menschen der Region, die Wirtschaft, die Kommunen müssen über Gemeindegrenzen hinweg zusammenarbeiten", sagte Clement 2001 auf einer Tagung.
Netzwerk oder "eigenes Süppchen"?
Die Städte und Kreise des Ruhrgebiets zusammengefasst zu einer großen Stadt, regiert durch einen Oberbürgermeister? Die Bewohner des Ruhrgebiets standen solchen Plänen eher skeptisch gegenüber. "Sowas kann ich mir überhaupt nicht vorstellen", kommentierte eine Gelsenkirchenerin das Vorhaben. "Jeder Bürgermeister kocht doch gern sein eigenes Süppchen." Andere führten "teilräumliche Eigenheiten" und "unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen in den Städten der Region" an, die das Projekt "Ruhrstadt" unmöglich machten.
Der Kompromiss: Das Projekt "Metropole"
Doch aufgegeben hat man den Gedanken an eine Einigung des Ruhrgebiets nicht - statt einer Megastadt favorisiert man heute allerdings das Projekt einer Metropolregion. Das Vorhaben trägt den Namen "Metropole Ruhr" und ist ein Zusammenschluss von 15 sich selbst verwaltenden Städten, die über den Regionalverband Ruhr auch regionale Verantwortung übernehmen. Als "Metropole Ruhr", deren Attraktionen man mit der RuhrTOPCard zum Sparpreis entdecken kann, hat sich das Ruhrgebiet sowohl als "Kulturhauptstadt Europas 2010" als auch als "Stadt der Wissenschaft 2007" beworben. Sowohl das Marketing des Ruhrgebiets als auch die Auftritte der Wirtschaftsförderung im Revier greifen auf den neuen "Markennamen" zurück.
Die folgenden Seiten sollen einen Überblick über das Gebiet der "Metropole Ruhr" geben und zeigen, welche Bedeutung die Städte und Kreise für ihre Bewohner haben. Außerdem fassen wir die strukturellen Veränderungen des Ruhrgebiets chronologisch zusammen und stellen dar, wie sich die Initiatoren der "Metropole Ruhr" die Zusammenarbeit der Ruhrgebietsstädte vorstellen. Auch ein kritischer Blick auf das Projekt "Metropole Ruhr" und ein Bericht über eine Ruhrgebiets-Hotline sollen nicht fehlen.
Fotos: Alexander Brauer/Daniel Hambüchen | ||
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