| Beim Frisör gehört (2): Das Kreuzviertel | ||||||||
Jeden Morgen kostet es mich wertvolle Zeit, meine Haare so zu bearbeiten, dass ich nicht ausgelacht werde. Mein Frisör braucht entsprechend lange, das nutzt er aus: „Schon gehört...?“ Früher oder später taucht bei meinen Besuchen diese Frage auf. Er hört viel und redet mehr: „Die stehen ja kreuz und quer – apropos kreuz: Das ist definitiv mein Lieblingsviertel.“
$%&§?, denke ich. Doch die Erklärung lässt nicht lange auf sich warten: Im Kreuzviertel leben Lehrer und Laiendarsteller, Museumsdirektoren und Musiker, Sozialpädagogen und andere Sonderlinge, höre ich zwischen Schnipp und Schnapp. Manche arbeiten auch bei Thyssen als Betriebsrat und ihre Kinder haben dann diese hellgrünen Badelatschen.
Und die Leute im Kreuzviertel sind politisch: Auf dem Sommer-Straßenfest sind sie total unentschlossen, ob sie zum türkischen oder griechischen Essensstand gehen sollen – da sie im Zypernkonflikt keine Stellung beziehen wollen. Ihre Kinder gehen natürlich auf die Gesamtschule, da gibt es doch diese Gruppentische und AGs.
Ebenso schluffig – die Studenten: Am Sonntag-Vormittag schlurfen sie in die Sonderbar, um zum Croissant Kaffee zu schlürfen. Im Sommer wandern sie in den Westpark, um Boule zu spielen und Bier zu trinken – alles multikulti und tolerant. „Nur diese Hacky-Sack-Spieler gehen mir ganz schön auf den Sack“, meint mein Frisör.
Das Kreuzviertel ist eine Insel im Meer der Großstadt – wo sonst gibt es noch eine Geigenbau-Werkstatt. Und das Messer-Geschäft ist hier tatsächlich noch ein Laden und keine aggressive Auseinandersetzung. „Dazu eine Kneipen-Dichte wie in El Arenal“, schwärmt er: Im El Mundo wird nach den Scampis Zitronenwasser für die Hände gereicht, bei Uncle Toms ist immer volle Hütte und das UFO hat so lange offen, dass die Lehrer nach dem letzten Bier direkt zum Unterricht gehen können.
Wegen der vielen Kneipen ist das Kreuzviertel auch Einflug-(und Absturz)-Schneise für die vielen Borussia-Fans, die in fußläufiger Nähe zum Stadion ihr Auto ab- und ein kühles Bierchen bestellen wollen. Was die Gastwirte freut, ärgert manchen Auto besitzenden Anwohner – denn die Zahl der Parkplätze ist extrem begrenzt.
Auch das Viertel hat eigentlich klare Grenzen: Hohe Straße bis Lindemannstraße und Sonnenstraße bis Vincke-Platz. Doch jeder rund um die Möllerbrücke zählt sich noch dazu: „Die Mieter, um den Status ihrer überteuerten Bude zu erhöhen, und die Vermieter, um die Miete anzuheben“, klärt mich mein Frisör auf.
Die Menschen im Kreuzviertel sind mitteilungsfreudig, das gefällt meinem Frisör. An den vielen alten Bäumen herrscht die reinste Zettelwirtschaft: Sozialpädagogin FH (26) u. Autor (28) suchen 4-Zimmer-Wohnung mit Balkon, die kleine Jenny ihre entlaufene schwarz-weiße Mietze und die Naturfreunde Leute, die zu ihrem Diskussions-Abend über die Bolmke kommen wollen. Ohne lange zu diskutieren verwuschelt mir mein Frisör die Haare und sagt, ich sei jetzt fertig. Ich sehe genauso aus wie vorher. Doch kreuz und quer ist in, vor allem im Kreuzviertel – meint auch mein Frisör.
Fotos: Simon Bückle
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