| Deutschlandreise (4) - Akwaaba heißt Welcome | ||||||||||
Vielleicht ersetzt ja ein neues Klischee von Gastfreundschaft das alte Klischee vom Bierzelt. Oder wenigstens die Lederhosen. Doch während die Würzburger lernen, wie die Flagge von Ghana aussieht und was "boolbofo" heißt, sind die Rothenburger schon längst americanized - und typical german gleichzeitig. Vielleicht bleibt auch beides.
"That's so ... worth everything", keucht die junge Amerikanerin, nachdem sie sich etwa fünfzehn glatte Holzstufen die steile, enge Leiter hoch und durch die Dachluke des Rothenburger Rathausturmes gequält hat. Von der winzigen Plattform aus überblickt sie die Stadtmauer, die sich intakt um die gesamte Fachwerkaltstadt schlängelt.
Und "look, the countryside", raunt ihr Begleiter und weist auf die umliegenden grünen Hügel, auf denen, nun, nichts Besonderes zu sehen ist. German countryside. Asiatische Reisegruppen und US-amerikanische Rentnerpaare geben sich in Rothenburg ob der Tauber die Klinke in die Hand. Angeblich soll die Stadt bevorzugtes Motiv in asiatischen Filmproduktionen sein, die Deutschland zeigen wollen. Manche Straßenschilder gibt es schon in Japanisch.
Sprachsorgen kennen die Amerikaner, auf der Durchreise von oder nach Heidelberg, Frankfurt und Prag, überhaupt nicht. Da wird im Café noch nicht einmal gefragt, ob die Bedienung englisch spricht. "Spiiisn ond Gedrang.. Gedräng... pfff", versucht sich eine Amerikanerin an der Aufschrift des Menüs. Das muss sie nicht. In diesen paar Hektar Modelldeutschland spricht jeder Englisch. Was auch immer zu den Attraktionen Deutschlands gehört, Sprache ist es sicher nicht. Weihnachten hingegen schon. Und es liegt nur ein Schritt zwischen der heißen Pflasterstraße mit Touristen in Shorts und weißer deutscher Weihnacht, Zimtgeruch und Engelchen.
365 Tage Weihnachten
Im "Deutschen Weihnachtsmuseum" wird der Besucher über die Geschichte des Festes aufgeklärt, und praktischerweise liegt auf mehreren Ebenen rundrum ein riesiger Weihnachtsshop mit glänzenden Christbäumen. Glänzend auch die Augen der Welt, die zu Gast bei Freunden ist, während die Freunde selbst eher gequält durch die Wattebäuschchenwelt schweben. Die Verkäuferinnen in grün-weißer Weihnachtstracht können selbstverständlich fließend erklären, wie man zur "Train Station" kommt. WM-Quartiere
Ghana wird nun doch aus Würzburg abreisen müssen, aber einige deutsche Städte können ihre Gäste noch eine Weile behalten:
Frankreich: Aerzen/Hameln
Italien: Duisburg
Portugal: Marienfeld
Dass die meisten Würzburger das auch können, sei mal dahingestellt. Aber vom Perfektionismus des Deutschland-Erlebnisparks Rothenburg ist die Stadt weit entfernt. Hier geht es auch um Anderes. Nämlich um "boolbofo" im offiziellen WM-Quartier von Ghana. "Eye Würzburgfo enigye se Ghanaman boolbofo eba ha" - "Würzburg freut sich auf Ghanas Fußball-Nationalmannschaft", in einer der 40 Ghanaischen Landessprachen. "Akwaaba" heißt Willkommen, und wird im von der Stadt herausgegebenen Würzburg-Ghana-Flyer gleich noch in "Welcome" übersetzt. Wenn schon, denn schon.
Fußballfest verändert Deutschland
Über die "lockere Stimmung" freut sich Robert Sacher, der, die langen braunen Haare zum Zopf zusammengebunden, gerade in der Würzburger Innenstadt sein Rad aufschließt. "Hier wehen Ghana-Flaggen, die Leute tragen Ghana-T-Shirts und freuen sich über die Spiele der Ghanaer genauso wie über Deutschland-Spiele", sagt er, "die Mannschaft wird bei jeder Rückkehr zum Hotel gefeiert".
Immerhin haben es die Westafrikaner noch bis zum Achtelfinale geschafft - Grund genug zu feiern für die aufgekratzten Fans, die schon in Hannover vor dem ersten Spiel Autokorso fuhren und vor der roten Ampel auf der Straße tanzten. "Ich glaube, die WM hat die Stimmung in Deutschland schon nachhaltig beeinflusst", sagt Robert Sacher. Natürlich, es ist Sommer und das Bier fließt in Strömen, aber Sacher ist sich sicher, dass das Fußballfest Deutschland verändert hat, egal wie es ausgeht. Darauf lässt sich vielleicht aufbauen. Schließlich gibt es schon alte Belege für deutsche Toleranz und Gastfreundschaft, etwa im Würzburger Lokal "Goldenes Faß", heute der Grieche "Meteora". Zu Trinken gibt's für jeden, das steht schließlich unter dem Dach geschrieben. "Ob Jude, Heide oder Christ - herein, wer durstig ist".
FOTOS: Sönke Klug | ||||||||||
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