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Szenen vom Mittelpunkt Europas (2)

Galionsfigur des Konsums

Die Litauer mögen es groß. Am Liebsten riesengroß. In der Nähe der Hauptstadt Vilnius drängeln sich die Händler auf einem der größten Märkte Europas: Von Bärenfellmützen über exotische Früchte bis hin zu Waschpulver ist hier alles zu haben. Aber auch Supermärkte sind in Litauen nicht einfach Supermärkte. Riesige Gebäudekomplexe in der Größe eines Flugzeug-Hangars, angefüllt mit Regalen, Konservenpyramiden und bis zu 60 Kassen. Nur Brot ohne Kümmel gibt es hier nicht.

 

Langsam kreisen die Windmühlenflügel in der litauischen Frühlingsbrise. Doch in dieser Windmühle mitten in Kaunas wird kein Korn gemahlen, bestenfalls litauische Litas rieseln hier in die Speicher. Als kitschige Galionsfigur des Konsums kündigt sie schon von weitem den „hyper-Maxima“ an, die XXL-Ausgabe der litauischen Supermärkte. Diese martialische Aufteilung in Größenklassen ist in Litauen denkbar einfach und selbst für Laien der Konsum-Kultur leicht verständlich: im „Minima“ ist die Produktpalette beschaulich, der „Media“ bietet schon mehr Auswahl und im „hyper-Maxima“ findet sich alles, was der durchschnittliche Litauer zum Leben braucht, inklusive 83 verschiedener Arten getrockneten Fischs. Das erste Einkaufserlebnis im „hyper-Maxima“ ist entsprechend eindrucksvoll. Es scheint, als ob die Litauer den Kaufrausch ausleben, der sich in 50jähriger sowjetischer Besatzung angestaut hat: Es gibt nicht viel, sondern alles. Laptops zieren die Elektro-Abteilung, Kuckucksuhren aus Plastik, daneben wird landestypisches Geschirr angeboten – Tradition meets Trash.

 

Entdeckungstour im Maxima

 

 

 Gedärm in Plastik

Mit meinem Einkaufswagen schlängele ich mich durch die Gassen. Von einem CD-Regal lächelt penetrant Edmundas Kučinskas herüber. Der litauische Frank Sinatra mit markantem Silberblick trägt seine Haare lässig zur Halbglatze frisiert und hat den Sex-Appeal eines Staubsaugervertreters. Doch seine Chansons, die er in Begleitung vollbusiger Frauen vorzutragen pflegt, stehen in den litauischen Charts ganz oben. Trotzdem widerstehe ich der Versuchung, die CD mit dem charmanten, selbstbekennerischen Titel „As noriu buti turtingas“ („Ich möchte reich sein“) in den Einkaufswagen zu legen und kämpfe mich weiter vor durch die Massen der Miniröcke, Jogginghosen und Pelzträger. In der Fleischabteilung stapeln sich gefrorene Hähnchenschenkel und Rindersteaks. Doch vor allem der außergewöhnliche litauische Geschmack wird hier bedient: Neben in Blut getränktem Kalbsdarm stehen hier knusprige Schweineohren zum Verkauf, die als Knabberei zum Bier beliebt sind.

 

Lost in frustration

 

 

 Der kleinste: Minima

Als unerfahrener „Maxima“-Konsument habe ich mich inzwischen verlaufen. Turmhoch erscheinen die gestapelten Wasserflaschen, von denen einige im Übrigen Salzwasser enthalten, die aus dem Süden Litauens stammen und überaus gesund sein sollen – für was auch immer. Es scheint kein Durchkommen, Menschentrauben versperren den Zugang zum Obststand, an der Kühltheke haben sich einige Litauerinnen zum Plausch verabredet und gestikulieren angeregt mit Frischkäse und Joghurt-Bechern in den Händen. Ein Barsch blickt mich plötzlich unverwandt an. Zusammen mit etwa 40 seiner Artgenossen schwimmt er in einem Aquarium der Größe eines Kühlschranks – aber er lebt. Im Gegensatz zu den getrockneten Fischen, von denen sich ein litauischer Rentner gerade Packung um Packung in den Einkaufswagen legt. Eine Abkürzug über die Brotabteilung bringt mich den Kassen ein Stück näher, jedoch auch zur Verzweiflung: Obwohl die Auswahl beträchtlich ist, beinhalten alle litauischen Brote eine gehörige Portion Kümmel. Wohl so etwas wie das National-Gewürz und in zahlreichen Reiseführern als regionale Spezialität gepriesen. Für Nicht-Litauer jedoch spätestens nach der zweiten Scheibe in etwa so genießbar wie die knusprigen Schweinohren zum Bier. Dann also Aufbackbrötchen.

 

Kasse statt Klasse

 

Schließlich habe ich es zu einer der 60 Kassen geschafft. Mein Wagen ist inzwischen gut gefüllt und ich benötige eine Einkaufstüte in der Größe eines kleinen Kontinents. Viel Arbeit für die Kassiererin. Mein Versuch, die Situation durch gezielten Small-Talk aufzulockern prallt an ihrer professionellen Routine ab. Lediglich die elf Packungen Aufbackbrötchen entlocken ihr ein zartes Kopfschütteln. Was sie wohl denkt? Weizenmehlsüchtig? Brötchenmafia? Arroganter Backofenbesitzer? Ich packe zusammen, bezahle und die sterilen Schiebeglastüren des „hyper-Maxima“ spucken mich und meine Aufbackbrötchen in den litauischen Mai-Abend. Zum Abschied winkt nur die Windmühle. 

 

Fotos: Radue

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VON JENS RADÜ

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