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Grimmes Märchen

Klein, handlich, filigran: der Adolf-Grimme-Preis

Die Goldene Kamera kennt man. Klar, dafür sorgt das ZDF schon mit großer Vorankündigung und Live-Übertragung zur besten Sendezeit. Vom Grimme-Preis aus dem gleichnamigen Hause in Marl wissen viele Fernsehgucker gar nicht, dass er existiert. Dabei hat der Fernsehpreis, der jetzt zum 42. Mal verliehen wurde, hohe Qualitätsmaßstäbe und fähige Juroren. Auch aus Dortmund: Professor Dr. Günther Rager (Institut für Journalistik, Uni Dortmund) ist Vorsitzender des Jury Fiktion und Unterhaltung, die Filme wie "Stromberg", "Marias letzte Reise" oder den "Polizeiruf 110" gekürt hat. In endlosen Sitzungen.

 

 

Marl im Februar: Hellgrau, Dunkelgrau, Mittelgrau, Mausgrau. Die Farben des Himmels. Es regnet. Dann schneit es ein bisschen. Dann regnet es wieder. Was kann es bei diesem Wetter Schöneres geben, als "TV zu glotzen" (hat ja auch Nina Hagen schon gemacht)? Zwölf Stunden am Tag, fünf Tage lang, auch sonntags, muss die Grimme-Jury "Fiktion und Unterhaltung" nominierte Filme sichten. Fernsehen ohne Grenzen. Der Raum, in dem die Juroren tagen, lässt nur durch wenige Oberlichter etwas Tageslicht herein. Hellgrau, dunkelgrau, mittel- und mausgrau eben. Als ob das Grimme-Institut einen Vertrag mit Petrus abgeschlossen habe: Ablenkung verboten.

 

Im TV ist der Winter kälter als draußen

 

Die Nominierungskommission hat die üblichen Verdächtigen ausgewählt, jetzt müssen die Juroren darüber richten: "Marias letzte Reise", in der Monica Bleibteu (ja, die Mama von Moritz) eine todranke Krebspatientin spielt, die Chemo und Krankenhaus verweigert. Die am Ende mit Hilfe der Familie und der Krankenschwester in Würde Abschied nehmen darf. Außerdem: "Die Nachrichten" mit Tatort-Depp Jan Josef Liefers, Heinrich Breloers "Speer und Er" und Teile der "Bella-Block-Reihe". Im "rbb-Polizeiruf 110: Kleine Frau" ermittelt Kommissarin Johanna Herz (Imogen Kogge) in der weiß überschneiten Brandenburger Provinz. Im Fernsehfim ist der Winter kälter aus draußen in Marl. Eine Mutter behauptet, sie habe ihren Sohn getötet - ein Film über Entfremdung zwischen Mutter und Sohn und den Überlebenskampf einer Alleinreziehenden.

 

 

 

 Johanna Wokalek und Hans Stein-
 bichler wurden für "Hierankl" geehrt.

"Speer und Er" fliegt raus

 

Lange und intensiv diskutiert die Jury über die Filme, die später nicht ausgezeichnet werden. Eine mühselige Suche nach Gründen für das Scheitern. Die Kritik bei "Speer und Er": Der Regisseur sei der Fazination des Speers erlegen und damit auch seiner Version der Geschichte aufgesessen. Nein, den Film könne man nicht küren. Zweifel hier und da. Die Mehrheit entscheidet.

Danach die Sparte Comedy. Alles andere als lustig, wenn man in einer Sitzung neben zwölf anderen Todernsten vor dem Bildschirm hockt. Zumal den Grimme-Juroren nachgesagt wird, zum Lachen in den Keller zu gehen. Und dennoch: "Dem widerwärtigen Charme des unerträglichen Abteilungsleiters "Stromberg" (Christoph-Maria Herbst), dem Witz des Fremd-Schämens für einen Chef mit Arschloch- und Loser-Faktor in einer Person" erliege man blind, begründet die Jury. Man vergibt nicht nur den Preis, man hofft auf eine dritte Staffel im Herbst - mit Herrn Herbst.

 

Verheerendes Urteil über den Grimme-Preis

 

Als die Jury ihr Urteil fällt, klart der Himmel über Marl endlich wieder auf. Petrus hat seine Schuldigkeit getan. Die Juroren auch, aber ein Zweifel bleibt: Vielleicht doch zuviel Harmonie? Apropos Zweifel: Das Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität Münster hat sich zwei Semester lang mit Qualitätsverständnis, Auswahlverfahren und Preiswirkung auseinander gesetzt. Und verheerende Ergebnisse heraus gefunden. Der Preis motiviert die Öffentlich-Rechtlichen kaum zu Eigenproduktionen. Alleiniges Plus: Der Preis erziele immaterielle Effekte und steigere das Ansehen bei Kollegen und in der Medienkritik.

 

 

 Preisträger Peter Simonischek bei
 bei der Pressekonferenz.

Auszeichnung kann Nachteil sein 

 

Im Bereich "Information & Kultur" kann die Auszeichnung sogar von Nachteil sein. Gegenüber Preisträgern gäbe es Vorbehalte: als Künstler zu teuer, zu schwierig. "Wir sind hier nicht bei ARTE." Und Neid: "Der kann zwar hochwertig arbeiten, ist aber nicht massenkompatibel." Immerhin: Zur Weiterverbreitung und zu Wiederholungen einer Produktion scheint der Grimme-Preis beizutragen. Allerdings steigt bei der Wiederholung die Zuschauerzahl im Vergleich zur Erstausstrahlung trotz des nun vorhandenen Qualitätssiegels nicht. Dabei ist laut Uwe Kammann, Direktor des Grimme-Instituts, Fernsehen "viel mehr als das Medium mit der Mattscheibe. Es ist eine schöne, lehrreiche, unterhaltsame und nicht selten wunderbar verrückte Alltagsverbindung von Sinn und Sinnlichkeit." Was lernen wir daraus? Alles Märchen bei Grimmes.

FOTOS: Ina Retkowitz

Stimmen der Preisträger lesen Sie hier

 

 Mehr zum Thema 

  Homepage des Adolf-Grimme-Institus in Marl  


VON INA RETKOWITZ

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