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"Eine Demo, die sich etwas schneller bewegt"

Wilfried Harthan organisiert den Lauf.

Am Karfreitag herrscht eigentlich Sportverbot. Doch die NaturFreunde Kreuzviertel laden zum Gedächtnislauf für den ehemaligen BVB-Platzwart Heinrich Czerkus ein. Der Kommunist war von den Nazis mit etwa 300 anderen Menschen kurz vor Kriegsende 1945 hingerichtet worden. "Das wird eine Demonstration, die sich etwas schneller bewegt", sagt Organisator Wilfried Harthan.

 

Harthan ist BVB-Fan, politisch links und Jogger. Beim zweiten Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf kann er diese Interessen verbinden: Für die NaturFreunde Kreuzviertel, einen Verein für politisches Engagement und kulturellen Austausch, organisiert er eine sportliche Demonstration für das Andenken an den ehemaligen Platzwart des BVB. Am Karfreitag – so hofft er – werden möglichst viele Jogger, Walker und Radfahrer ihren Osterausflug mit einem politischen Statement verbinden.

 

Ein Buch brachte die Idee

 

Alles begann, als er zum Geburtstag ein Buch geschenkt bekam: "Der BVB in der NS-Zeit", verfasst vom Dortmunder Fußballhistoriker Gerd Kolbe. "Die Figur Heinrich Czerkus ist mir sofort ins Auge gesprungen", sagt Harthan.

 

Der damalige Platzwart der Borussia war Kommunist, hat auf der Druckmaschine des Vereins Flugblätter für den Widerstand gedruckt. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges war er bei den Karfreitag-Morden in Rombergpark und Bittermark mit rund 300 anderen Widerständlern, Zwangsarbeitern und Anti-Faschisten hingerichtet und verscharrt worden.

 

Hier erfahren sie mehr über Heinrich Czerkus

 

Viele Jogger laufen im Rombergpark - und
am Gedenkstein für die Ermordeten vorbei.

Hartahn ist oft selbst an diesen "Orten des Schreckens", wie er sie nennt, vorbeigejoggt. Da kam ihm die Idee: Ein Gedächtnislauf für Heinrich Czerkus. Am Karfreitag. Von der Roten Erde zur Gedenkveranstaltung für die Ermordeten in die Bittermark.

 

Gisa Marschefski, Generalsekretärin des Internationalen Rombergparkkomitees, fand die Aktion gut: "Hoffentlich trägt der Lauf dazu bei, dass junge Leute sich mit den Karfreitagsmorden beschäftigen, dass das Andenken wach bleibt", sagt sie. 

 

Sport und Politik treffen beim Gedächtsnislauf aufeinander

 

"Im Grunde geht es in zwei Richtungen", erklärt Harthan den Hintergrund des Laufes. "Für die sportlich engagierten Leute ist es vielleicht ein Anlass, auch noch mal über politische Zusammenhänge nachzudenken. Und für die politisch Engagierten, mal ihren Hintern hoch zu kriegen und sich zu bewegen."

 



Mehr zum Thema

Der 2. Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf

Karfreitag, 14. April 2006

 

Treffpunkt: Eingang Stadion Rote Erde ab 12:45 Uhr

Start: Wanderer 13 Uhr, Walker 13:45 Uhr, Jogger und Biker 14 Uhr

Strecke: etwa 7 Kilometer

Stadion Rote Erde - Bolmke - Rombergpark - Tierpark - Olpekalstraße - Bittermark

Hinweis: um 15 Uhr beginnt die Gedenkveranstaltung der Stadt Dortmund zum 61. Jahrestag der Karfreitagsmorde von 1945 am Denkmal in der Bittermark

Organisatorisches: 1 Euro Spende erbeten, keine Zeitnahme, Transport von Wechselwäsche möglich

Mit Heinrich Czerkus wollen die NaturFreunde den Opfern der Nazi-Diktatur ein Gesicht, einen Namen geben. "Da macht es bei mehr Leuten Klick!", hofft Harthan. Auch bei den Anhängern des BVB findet das Thema so vielleicht mehr Beachtung. Vor einigen Jahren ging angeführt von der lokalen Neonazi-Größe "SS Siggi" ein Rechtsruck durch die Fangemeinde – so seine Einschätzung.

 

Auch wenn sich die Lage völlig verändert habe, könne durch Czerkus Solidarität mit Anti-Faschisten aufgebaut werden. "Es ist nicht schlecht, wenn sich die Fans sagen: 'Am Karfreitag haben die Schweine unseren Platzwart umgebracht'", meint Harthan.

 

Der BVB selbst lobt die NaturFreunde: "Sich sportlich zu betätigen für einen Mann, der sich den Nazis widersetzt hat - das ist eine klasse Geschichte", sagt Fritz Lünschermann von der Presseabteilung. Wenn der Trubel um die WM im Sommer vorbei sei, solle auch eine Gedenktafel an der Südtribüne an Czerkus erinnern.

 

Unterstützung durch den BVB - saisonabhängig

 

Die Zusammenarbeit mit dem BVB verlief jedoch bisher durchwachsen, wie Harthan ausführt. Im vergangenen Jahr hatte der Verein mit heftigen Turbulenzen zu kämpfen – die Gläubigerversammlung stand bevor. "Da war der BVB über jede positive Schlagzeile froh. Stadionsprecher Norbert Dickel gab damals den Startschuss", erklärt Harthan.

 

Nun habe der Verein zugesichert, während des vergangenen Heimspiels gegen Leverkusen auf die Aktion hinzuweisen. "Das ist nicht passiert", sagt Harthan. "Auf der BVB-Homepage steht auch angeblich ein Hinweis auf den Lauf – gefunden habe ich ihn allerdings noch nicht."

 

Heinrich Czerkus - ermordet im April 1945. 

Dafür unterstützt die Fanabteilung des BVB die Aktion um Czerkus intensiv. Sie hat vorgeschlagen, einen der neuen Trainingsplätze des Vereins in Brackel nach ihm zu benennen, und offiziell zum Lauf aufgerufen. "Das ist mehr als im letzten Jahr. Was die konkrete Durchführung anbelangt, sind wir leider immer noch auf uns alleine gestellt", sagt Harthan.

 

Insgesamt werde das Thema Nationalsozialismus beim BVB allerdings relativ offen behandelt, so der NaturFreund. Das von Kolbe verfasste Buch sei das erste in der Art und sehr lesenswert. "Der BVB war wie alle anderen Sportvereine auch in der Nazizeit gleichgeschaltet – in der Ideologie aufgegangen ist der Verein aber mit Sicherheit nicht", meint Harthan.

 

Immer wieder kämpfen Einzelne

 

Einzelne Mitglieder wie Heinrich Czerkus seien im Widerstand gewesen und von der Vereinsführung gedeckt worden. "Wäre das aufgeflogen wäre, stünde das Leben aller Beteiligten auf dem Spiel – so wie bei den Geschwistern Scholl", sagt Harthan.

 

Einzelne Mitglieder der NaturFreunde wie Wilfried Harthan bemühen sich nun, das Andenken an diese Widerstandskämpfer wach zu halten. Und würden sich freuen, wenn sich viele Menschen am Lauf beteiligen würden: "Wenn es fünfzig werden, wäre es gut. Wenn es hundert werden, wäre es super – und alles darüber wäre sensationell."

 

FOTOS: Roman Goncharenko, privat

VON SIMON BÜCKLE & ROMAN GONCHARENKO

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