| "Was soll man machen?" | ||||||||
"Schöner leben ohne Nazi-Läden" - unter diesem Motto sind am Samstag, 20. Mai, mehr als tausend Demonstranten auf die Straße gegangen. Sie protestierten gegen den Laden "Donnerschlag" im Dortmunder Westen, in dem Nazis sich mit Musik und Kleidung eindecken. Die Rechten hatten bei ihrer Gegenaktion weit weniger Zulauf. Viele deutsche Anwohner scheinen dem Szene-Treff jedoch mit Gleichgültigkeit oder sogar stiller Sympathie zu begegnen - ihr Problem sind eher die Linken.
Dortmunder Bürger haben den Druck auf die Rechtsextremisten erhöht: Nach Angaben der Polizei und der Veranstalter kamen weit über 1000 Bürger trotz des starken Regens, um gegen den Nazi-Laden "Donnerschlag" an der Rheinischen Straße zu protestieren.
"Die Neonazis sagen schon seit zwei Jahren, dass Dortmund ihre Stadt ist - das wird immer krasser", meint Demonstrant Micha (45). "Heute haben wir aber deutlich gezeigt, dass wir gegen die Rechten sind." Oliver W. vom Bündnis gegen Rechts, das zum Protest aufgerufen hatte, freut sich über die vielen Menschen, die gekommen sind: "Das war nicht zu erwarten, wir sind sehr zufrieden."
Forderungen an Politik und Polizei
Mit rund 13.000 Flugblättern und über 1000 Plakaten hatte das Bündnis in den vergangenen drei Wochen auf die Aktion aufmerksam gemacht. Dem Aufruf folgen Punks, Alt-68er, Anti-Deutsche und Bürger mit Regenbogen-Regenschirm und Kind an der Hand. Die Empörung gegen den Nazi-Laden scheint groß zu sein - am Donnerstag hatte das Bündnis dem Rat der Stadt bereits 2300 Unterschriften gegen den "Donnerschlag" übergeben. Verbunden mit der Forderung, endlich in der Öffentlichkeit stärker Stellung gegen die rechte Szene zu beziehen.
Diese Forderung wiederholen die Redner auf der Kundgebung vor dem Nazi-Laden im Dortmunder Westen noch einmal über Lautsprecher: Politik und Polizei hätten zu lange zugesehen, wie sich die rechte Szene in Dortmund - mit Basis in dem Nazi-Laden - organisieren konnte.
Während bei den Linken die Straße gefüllt ist, stehen die Rechten bei ihrer Gegen-Demo auf dem Platz von Buffalo zwar ebenfalls dicht an dicht - allerdings finden sie alle unter einem Baum vor dem Regen Schutz. Rund 70 Rechtsextremisten versammeln sich hier am Wall unter dem Motto "Schöner leben mit Nazi-Läden" - eine Umkehrung des linken Aufrufs.
"Das Motto bedeutet, dass wir uns aus Dortmund nicht vertreiben lassen werden", erklärt Dennis G., der die Demonstration der Rechten angemeldet hatte. Der Laden werde bestehen bleiben, alle Räumungsklagen würden nichts bringen. "Dann machen wir einfach zwei Straßen weiter einen neuen auf." Sich in ihrem Aufruf selbst als Nazis zu bezeichnen, damit haben die Rechten kein Problem. "Man muss den Leuten die Waffe aus der Hand schlagen", meint der angereiste Redner Axel Reitz, bekannt als "Hitler von Köln". "Mein Gott, das Wort 'Nazi' ist heute negativ belegt, vielleicht wird es in der Zukunft jedoch positiv sein", sagt er.
"Wir haben vor 60 Jahren doch gesehen, was die Nazis aus Deutschland gemacht haben", ist Karl-Heinz anderer Meinung. Der 52-Jährige wohnt in der Nähe des "Donnerschlag".
Der rechte Treffpunkt liegt in einem Viertel mit hohem Migranten-Anteil: Dönerbuden, türkische Gemüse-Läden, Frauen mit Kopftuch. Sammaz wohnt direkt gegenüber: "Jetzt ziehen immer mehr von den Rechten ein. Seit ein paar Jahren - es wird immer schlimmer." Und auch Aidin - ebenfalls Türke - ist entrüstet: "Es ist eine Provokation - wir fühlen uns gefährdet."
Ihre rechten Strukturen wollen die Nazis in der Tat ausbauen, noch mehr Immobilien kaufen, so Dennis G., der in der Szene eine Führungsrolle einnimmt. „Für Leute aus Regionen, wo es keine national-sozialistischen Strukturen gibt, ist Dortmund natürlich lukrativ - hier haben sie alle Möglichkeiten." Seiner Meinung nach werde das noch mehr Ruhe in das Viertel bringen.
Rechte Störer
Unruhe haben die Nazis kurz in die Antifa-Demo gebracht: Als sich die Linken dem Platz von Buffalo nähern, stürmen drei Rechte auf den Zug zu und schreien "Nieder mit Israel!" Die Polizei, die an diesem Tag mit einem Großaufgebot in der Stadt ist, reagiert schnell und nimmt die beiden fest.
Öffentlich zeigte nur eine kleine Gruppe von Rechten Präsenz - der stille Rückhalt bei vielen deutschen Anwohnern ist aber offenbar doch gar nicht so gering.
Viele scheinen der politischen Haltung der Nazis mit Gleichgültigkeit oder sogar Sympathie zu begegnen: "Die grüßen immer nett - ich komme gut mit denen klar", sagt Ursula (71), die neben dem "Donnerschlag" wohnt. Als Kriegskind sei sie mit Nazis zwar nicht einverstanden - "aber was soll man machen?" Andreas (42) sieht das ganz ähnlich: "Ich hab kein Problem mit dem Donnerschlag - die Leute tun mir nix." Seinen Unmut wecken Andere: "Ich hab eher ein Problem damit, wie die Linken sich aufführen: Häuser beschmieren, die Polizei angreifen, Flaschen schmeißen."
Auch Matthias kann den Linken nichts abgewinnen: "Die machen mehr Radau als die Rechten." Der 16-Jährige bezeichnet sich politisch zwar als neutral, seinen Lonsdale-Pulli hat er aber in dem braun angestrichenen Laden mit den Brettern vor den Fenstern und der vergitterten Tür gekauft - um zu provozieren. "Ich bin dafür von Linken verbal und körperlich angegriffen - ja sogar angerotzt worden", sagt er.
Was soll man machen? Das ist die Frage. Konkret fordert das Bündnis gegen Rechts eine Aufwertung des Quartiers um die Rheinische Straße. So lasse sich verhindern, dass die Rechtsextremisten das Viertel in Beschlag nehmen - wenn die Stadt und die Polizei dem Aufruf folgen und gegen die Nazi-Strukturen vorgehen.
Hier geht's zu einer Bilderstrecke über das Viertel und die Demos
FOTOS: Roman Goncharenko & Simon Bückle | ||||||||
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